[London] 5. Nov. 1880
41, Maitland Park Road, N. W.
Lieber Sorge,
Mein langes Stillschweigen mußt Du erklären 1. aus sehr viel Arbeitsüberdrang, 2. aus der nun schon über Jahr dauernden lebensgefährlichen Krankheit meiner Frau.
Du hast selbst gesehn, zu welcher Blüte sich John Most entwickelt hat, wie miserabel andrerseits das sog. Parteiorgan, der Züricher „Sozialdemokrat“ (nicht zu sprechen von dem dortigen „Jahrbuch“) – duce1 Dr. Höhberg – geführt worden ist. Ich und Engels hatten deshalb beständige Korrespondenzauseinandersetzung mit den Leipziger[n]2, wobei es oft scharf hergeht. Aber wir haben vermieden, irgendwie öffentlich einzuschreiten. Denen, die comparativement parlant3 ruhig im Ausland sitzen, ziemt es nicht, den unter den schwierigsten Umständen und mit großen persönlichen Opfern im Inland Wirkenden, zum Gaudium der Bourgeois und der Regierung, ihre Position noch zu erschweren. Liebknecht war vor einigen Wochen hier, und in jeder Beziehung ist „Besserung“ zugesagt. Die Parteiorganisation ist erneut, was nur auf geheimem Weg geschehn konnte, i.e. soweit „geheim“ meint: geheim vor der Polizei.
Die Gemeinheit des Most habe ich erst ganz entdeckt – in einem russisch sozialistischen Blatt. Er hat nie gewagt, deutsch zu drucken, was hier im russischen vernacular4 zu lesen. Es ist dies nicht mehr Angriff auf einzelne Personen, sondern In-den-Kot-Ziehn der ganzen deutschen Arbeiterbewegung. Zugleich tritt hier sein absolutes Unverständnis der Doktrin, mit der er früher Handel trieb, grotesk hervor. Es ist ein Geschwätz, so albern, so unlogisch, so verlottert, daß es sich schließlich auflöst in nichts, nämlich in Johannes Most[s] bodenlose persönliche Eitelkeit. Da er in Deutschland trotz allem Geschrei – außer etwa unter gewissem Berliner Mob – nichts ausgerichtet, hat er sich verbündet mit dem Pariser Nachwuchs der Bakunisten, der Gruppe, die herausgibt die „Révolution Sociale“ (deren Leserkreis exactly = 210 Mann, die aber als Mitverbündeten Pyats „Commune“ besitzt. Der feige, melodramatische Farceur Pyat – in dessen „Commune“ ich als Bismarcks rechte Hand figuriere – grollt mir, weil ich ihm von je meine absolute Verachtung gewidmet und alle seine Versuche, die Internationale für seine Knalleffekte zu verwenden – vereitelt habe). Jedenfalls hat Most das Gute getan, daß er alle Schreier – Andreas Scheu, Hasselmann etc. etc. – als Gruppe zusammengebracht hat.
Infolge der neuen Bismarckschen Belagerungsverhängungen und Verfolgung unsrer Parteiglieder, ist es absolut nötig, Geld für die Partei aufzutreiben. Deswegen habe ich an John Swinton (denn ein wohlgesinnter Bourgeois taugt am besten zu diesem Zweck) gestern geschrieben5 und ihm zugleich gesagt, daß er sich zu näherem Aufschluß über die deutschen Verhältnisse an Dich wenden solle6.
Abgesehen von den auf voriger Seite erwähnten Lappalien – und wieviel dergleichen haben wir während unseres langjährigen Exils aufknallen und wieder spurlos verpuffen gesehn! – gehn die Dinge ausgezeichnet im großen Ganzen (ich meine hier die europäische Gesamtverwicklung) wie auch innerhalb des Kreises der kontinentalen wirklichen Revolutionspartei.
Du hast wahrscheinlich bemerkt, daß namentlich die „Égalité“ (dank en première instance7 dem Übergang Guesdes zu uns und den Arbeiten meines Schwiegersohns Lafargue) zum erstenmal ein „französisches“ Arbeiterblatt im wahren Sinn des Worts bot. Auch Malon in der „Revue socialiste“ – obgleich mit den8 von seiner eklektischen Natur untrennbaren Inkonsequenzen – mußte sich (wir waren Feinde, da er ursprünglich einer der Mitstifter der Alliance) zum socialisme moderne scientifique9, i.e. dem deutschen bekennen. Ich habe für ihn den „questionneur“10 verfaßt, der erst in der „Revue socialiste“11 gedruckt und dann in größter Anzahl Abdrücke durch ganz Frankreich verbreitet worden ist. Kurz nachher kam Guesde nach London, um hier mit uns (myself12, Engels und Lafargue) ein Elektoralprogramm für die Arbeiter für die bevorstehenden allgemeinen Wahlen zu verfassen. Mit Ausnahme einiger Allotria, die trotz unsres Protests Guesde nötig fand, den französischen Arbeitern hinzuwerfen, wie das Minimum des Salärs, gesetzlich fixiert etc. (Ich sagte ihm: Wenn das französische Proletariat noch so kindisch, solcher Köder zu bedürfen, so is it not worth while drawing up any programme whatever13), besteht dies sehr kurze Aktenstück, außer Einleitungsworten, wo in wenigen Zeilen das kommunistische Ziel definiert, in seinem ökonomischen Teil nur aus Forderungen, die reell aus der Arbeiterbewegung selbst spontan hervorgewachsen sind. Es war ein gewaltsamer Schritt, die französischen Arbeiter aus ihrem Phrasennebel auf den Boden der Wirklichkeit herabzuziehn, erregte daher auch viel Anstoß unter allen französischen Schwindelköpfen, die von der „Nebelmacherei“ leben. Das Programm wurde nach heftigster Opposition der Anarchisten zuerst angenommen in der Région centrale – i.e. Paris und was drum und dran hängt, später an vielen andern Arbeitersitzen. Die gleichzeitige Bildung gegenseitiger Arbeitergruppen – die jedoch (sauf les anarchistes14, die nicht aus wirklichen Arbeitern bestehn, sondern aus déclassés15 mit einigen düpierten Arbeitern als ihren gemeinen Soldaten) die meisten „praktischen“ Forderungen des Programms annahmen; daß mit Bezug auf andres sehr verschiedenartige Gesichtspunkte geltend gemacht wurden, beweist in meinen Augen, daß dies die erste wirkliche Arbeiterbewegung in Frankreich ist. Bisher gab es dort nur Sekten, die natürlich ihr mot d'ordre16 von dem Sektenstifter erhielten, während die Masse des Proletariats den radikalen oder radikaltuenden Bourgeois folgten und sich am Tag der Entscheidung für sie schlugen, um den Tag darauf von den Burschen, die sie ans Ruder gebracht, niedergemetzelt, deportiert etc. zu werden.
Die vor einigen Tagen zu Lyon ausgegebne „Émancipation“ wird das Organ der auf Grundlage des deutschen Sozialismus entstandnen „parti ouvrier“17 sein.
Unterdes hatten und haben wir auch unsre Vorkämpfer in dem Lager der Gegner selbst – i.e. im radikalen Lager. Theisz hat die Arbeiterfrage übernommen im „Intransigeant“, dem Organ Rocheforts; er kam nach Niederlage der „Kommune“ wie alle „denkenden“ französischen Sozialisten – als Proudhonist nach London, wo er sich total verwandelt durch persönlichen Umgang mit mir und gewissenhaftes Studium des „Kapitals“. Andrerseits gab mein Schwiegersohn seine Professorstelle am King's College auf, kehrte nach Paris zurück (seine Familie ist glücklicherweise noch einstweilen hier), ward einer der einflußreichsten Redakteure der „Justice“ von Clemenceau, Chef der äußersten Linken. Er hat so gut gearbeitet, daß Clemenceau, der noch letzten April öffentlich gegen den Sozialismus und als Verfechter amerikanisch-demokratisch-republikanischer Ansicht auftrat, in seiner jüngsten gegen Gambetta zu Marseille gehaltenen Rede sowohl der allgemeinen Tendenz nach, als auch mit Bezug auf die wesentlichsten Einzelpunkte, wie sie im Programm-Minimum enthalten, zu uns übergetreten. Ob er hält, was er verspricht, ist ganz gleichgültig. Jedenfalls hat er unser Element eingeführt in die radikale Partei, deren Organe jetzt komischerweise im Mund Clemenceaus als something wonderful18 anstaunen, was19, solang es nur als Parole der „parti ouvrier“ ausgegeben, von ihnen ignoriert oder verhöhnt wurde.
Ich brauche Dir kaum zu sagen – denn Du kennst den französischen Chauvinismus –, daß die Geheimfäden, wodurch die leaders20 von Guesde-Malon bis Clemenceau in Bewegung gesetzt worden – entre nous21. Il n'en faut pas parler. Quand on veut agir pour Messieurs les Français, il faut le faire anonymement, pour ne pas choquer le sentiment „national“. As it is, the Anarchists denounce our co-operators already as Prussian agents, under the dictatorship of the „notorious“ Prussian agent – Karl Marx.22
In Rußland – wo das „Kapital“ mehr gelesen und anerkannt als irgend sonstwo – ist unser Erfolg noch größer. Wir haben einerseits die Kritiker (meist junge Universitätsprofessoren, z. T. persönlich mit mir befreundet, und auch some23 Revueschreiber), andrerseits das terroristische Zentralkomitee, dessen neulich in Petersburg heimlich gedrucktes und ausgegebnes Programm große Wut erregt hat unter den anarchistischen Russen in der Schweiz, die zu Genf „Die schwarze Verteilung“ (dies wörtlich verdeutscht aus dem Russischen24) ausgeben. Sie – meist Leute (nicht alle), die freiwillig Rußland verlassen haben – bilden im Gegensatz zu den ihre Haut zu Markt tragenden Terroristen die sog. Partei der Propaganda. (Um Propaganda in Rußland zu machen – ziehn sie nach Genf! Welches Quidproquo!) Diese Herrn sind gegen alle politisch-revolutionäre Aktion. Rußland soll durch einen Salto mortale ins anarchistisch-kommunistisch-atheistische Millennium springen! Unterdes bereiten sie diesen Sprung vor durch ennuyanten Doktrinarismus, dessen sog. principes courent la rue depuis feu Bakounine25.
Und nun für diesmal genug. Laß bald einmal von Dir [hören]. – Besten Gruß von meiner Frau.
Totus tuus26
Karl Marx
Es wäre mir sehr lieb, wenn Du mir irgend etwas Tüchtiges (Inhaltsvolles) über die ökonomischen Zustände in Kalifornien auftreiben könntest, of course at my expense27. Kalifornien ist mir sehr wichtig, weil nirgendwo sonst die Umwälzung durch kapitalistische Zentralisation in der schamlosesten Weise sich vollzogen hat – mit solcher Hast.