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Engels an August Bebel
in Leipzig

London, 24. Nov. 79

Lieber Bebel,

Ich hatte meine guten Gründe, als ich Auers Wink auf mich bezog. Das Datum beweist nichts. Most schließt er ausdrücklich aus. Also fragen Sie ihn doch selbst, wen er gemeint hat, wir werden dann ja sehn, was er sagt. Ich bin überzeugt, das Mißverständnis ist nicht auf meiner Seite.

Die betr. Erklärung hat H[öch]b[er]g allerdings gegeben.1

Daß Sie während der Verhandlungen mit Hirsch meist abwesend waren, weiß ich, und es fällt mir nicht ein, Sie persönlich für das Geschehene verantwortlich zu machen.

In Beziehung auf die Zollfrage bestätigt Ihr Brief grade das, was ich gesagt habe.2 War die Stimmung geteilt, was ja der Fall war, so mußte man, wenn man auf diese geteilte Stimmung Rücksicht nehmen wollte, sich ja grade enthalten. Sonst nahm man nur auf einen Teil Rücksicht. Warum aber der schutzzöllnerische Teil mehr Rücksicht verdiente als der freihändlerische, ist doch nicht abzusehn. Sie sagen, Sie können sich parlamentarisch nicht in der reinen Negation halten. Aber indem sie alle schließlich gegen das Gesetz stimmten, hielten sie sich doch in der reinen Negation. Ich sage nur, man hätte von vornherein wissen sollen, wie man sich verhalten wollte; man hätte handeln sollen in Übereinstimmung mit der schließlichen Abstimmung.

Die Fragen, in denen sozialdemokratische Abgeordnete aus der reinen Negation heraustreten können, sind sehr eng begrenzt. Es sind alles Fragen, in denen das Verhältnis der Arbeiter zum Kapitalisten direkt ins Spiel kommt: Fabrikgesetzgebung, Normalarbeitstag, Haftpflicht, Lohnzahlung in Waren usw. Dann allenfalls noch Verbesserungen im rein bürgerlichen Sinn, die einen positiven Fortschritt bilden: Münz- und Gewichtseinheit, Freizügigkeit, Erweiterungen der persönlichen Freiheit etc. Damit wird man Sie wohl vorläufig nicht belästigen. In allen andern ökonomischen Fragen wie Schutzzölle, Verstaatlichung der Eisenbahnen, der Assekuranzen usw. werden sozialdemokratische Abgeordnete immer den entscheidenden Gesichtspunkt behaupten müssen, nichts zu bewilligen, was die Macht der Regierung gegenüber dem Volk verstärkt. Und es ist dies um so leichter, als hier ja regelmäßig die Stimmung in der Partei selbst gespalten sein wird und damit Enthaltung, Negation von selbst geboten ist.

Was Sie von Kayser sagen, macht die Sache noch schlimmer. Wenn er für Schutzzölle im allgemeinen spricht, warum stimmt er denn dagegen? Wenn er gegen sie stimmen will, warum spricht er für sie? Wenn er aber das Thema mit großem Fleiß studiert hat, wie kann er für Eisenzölle stimmen? Waren seine Studien einen Pfennig wert, so mußten sie ihn lehren, daß in Deutschland zwei Hüttenwerke sind, Dortmunder Union und Königs- und Laurahütte, deren jedes imstande ist, den ganzen inländischen Bedarf zu decken; daneben noch die vielen kleineren; daß hier also Schutzzoll reiner Unsinn ist; daß hier nur Eroberung des auswärtigen Markts helfen kann, also absoluter Freihandel oder aber Bankerott; daß die Eisenfabrikanten selbst den Schutzzoll nur wünschen können, wenn sie sich zu einem Ring, einer Verschwörung zusammengetan haben, die dem innern Markt Monopolpreise aufzwingt, um dagegen die überschüssigen Produkte auswärts zu Schleuderpreisen loszuschlagen, wie sie dies im Augenblick bereits tatsächlich tun. Im Interesse dieses Rings, dieser Monopolistenverschwörung, hat K[ayser] gesprochen, und soweit er für Eisenzölle stimmte, auch gestimmt, und Hansemann von der Dortmunder Union und Bleichröder von Königs- und Laurahütte lachen ins Fäustchen über den dummen Sozialdemokraten, der noch dazu das Thema mit Fleiß studiert hat!

Sie müssen sich unter allen Umständen Rudolph Meyers „Politische Gründer in Deutschland“ verschaffen. Ohne Kenntnis des hierin zusammengestellten Materials über den Schwindel, den Krach und die politische Korruption der letzten Jahre ist kein Urteil über die jetzigen deutschen Zustände möglich. Wie konnte es zugehn, daß diese Fundgrube nicht ihrerzeit für unsre Presse ausgebeutet wurde? Das Buch ist natürlich verboten.

Die Stellen im Rechenschaftsbericht, die ich vorzüglich meine3, sind 1. die, wo soviel Gewicht darauf gelegt wird, die öffentliche Meinung zu gewinnen – wer diesen Faktor gegen sich habe, sei gelähmt –, es war eine Existenzfrage, daß „dieser Haß in Sympathie“ – Sympathie! von Leuten, die sich soeben während des Schreckens als Hundefötter erwiesen! – „verwandelt wurde“ usw. So weit brauchte man nicht zu gehn, namentlich da der Schreck längst vorbei war. – 2. daß die Partei, welche den Krieg in jeder Gestalt verurteilt (also auch den, den sie selbst führen muß, den sie trotzdem führt) und die allgemeine Verbrüderung aller Menschen zum Ziel hat (das hat der Phrase nach jede Partei und der unmittelbaren Wirklichkeit nach keine, denn auch wir wollen uns nicht mit den Bourgeois verbrüdern, solange sie Bourgeois bleiben wollen), nicht den Bürgerkrieg erstreben kann (also auch nicht in dem Fall, wo der Bürgerkrieg das einzige Mittel zum Ziel wäre). – Dieser Satz kann auch so gefaßt werden: daß eine Partei, die das Blutvergießen in jeder Gestalt verdonnert, weder Aderlaß, noch Amputation brandiger Glieder, noch wissenschaftliche Vivisektion erstreben kann. Warum solche Redensarten machen? Ich verlange nicht, daß Ihr „forsch“ reden sollt, ich werfe dem Bericht nicht vor, daß er zu wenig sagt – im Gegenteil, zu viel, was besser weggeblieben wäre. Was dann nachher kommt, ist wieder viel besser, und so hat Hans Most die paar Stellen glücklich übersehn, aus denen er Kapital schlagen konnte.

Ein Bock aber war’s, im „S[ozial]d[emokrat]“ feierlich anzuzeigen, daß Liebk[necht] etc. den sächsischen Eid geschworen. Das hat Hans4 sich nicht entgehn lassen, und seine anarchistischen Freunde werden’s schon weiter verarbeiten. M[arx] und ich finden die Sache selbst gar nicht so gefährlich, wie z. B. Hirsch sie im ersten Eifer genommen hat; Ihr müßt wissen, ob „Paris vaut bien une messe“5, wie Heinrich IV. sagte, als er katholisch wurde und damit Frankreich einen 30jährigen Krieg ersparte; ob die Vorteile derart sind, daß man diese Inkonsequenz begeht und einen Eid schwört, der noch dazu der einzige ist, der einem keinen Meineidsprozeß zuziehn kann. Aber wenn man schwor, mußte man davon schweigen, bis andre Lärm davon schlugen, dann war Zeit genug zur Verteidigung. Ohne den „S[ozial]d[emokrat]“ hätte Hans kein Wort davon erfahren.

Sehr erfreut hat uns Ihre Vermöbelung des notorischen Trunkenbolds und Ludrians. Wir werden sorgen, daß dies in Paris weiterverbreitet wird, und sind nur um die französischen Worte verlegen, die obige Kraftausdrücke wiedergeben sollen.

Übrigens, daß wir hier, wie man sagt, gut reden haben und Eure Stellung viel schwieriger ist als unsre, verkennen wir keineswegs.

Der Zutritt der Kleinbürger und Bauern ist zwar ein Kennzeichen des reißenden Fortschritts der Bewegung, aber auch eine Gefahr für sie, sobald man vergißt, daß diese Leute kommen müssen, aber auch nur kommen, weil sie müssen. Ihr Zutritt ist der Beweis, daß das Proletariat in Wirklichkeit die leitende Klasse geworden ist. Da sie aber mit kleinbürgerlichen und bäuerlichen Vorstellungen und Wünschen kommen, so darf man nicht vergessen, daß das Proletariat seine leitende geschichtliche Rolle verscherzen würde, wenn es diesen Vorstellungen und Wünschen Konzessionen machte.

Freundschaftlichst Ihr
F. Engels

Hierbei noch ein loses Postskript.