London, 16. Dez. 1879
Lieber Bebel,
Es ist mir unbegreiflich, wie Auer jetzt sagen kann, er habe u. a. Most gemeint, da er ihn doch im Artikel möglichst deutlich ausschloß.1 Doch mag das auf sich beruhen.
In Nr. 10 des „S[ozial]d[emokrat]“ stehn „preßgeschichtliche Rückblicke“, die unbedingt von einem der drei Sterne2 herrühren. Darin heißt es: nur ehrend sei für die Sozialdemokraten der Vergleich mit Belletristen wie Gutzkow und Laube, also mit Leuten, die schon lange vor 48 den letzten Rest von politischem Charakter zu Grabe getragen, wenn sie je einen hatten. Ferner: „Die Ereignisse von 1848 mußten kommen, entweder mit allen Segnungen des Friedens, wenn die Regierungen den Forderungen der Zeit genügt hätten, oder – da sie dies nicht taten – blieb leider kein andrer Weg als der der gewaltsamen Revolution.“
In einem Blatte, wo es möglich ist, die Revolution von 1848, die der Sozialdemokratie erst Tür und Tor öffnete, förmlich zu bejammern, in einem solchen Blatt ist kein Raum für uns. Es geht aus diesem Artikel und aus H[öch]b[er]gs Brief deutlich hervor, daß das Dreigestirn den Anspruch erhebt, ihre im „Jahrbuch“ zum erstenmal klar ausgesprochenen kleinbürgerlich-sozialistischen Anschauungen im „S[ozial]d[emokrat]“ als gleichberechtigt neben den proletarischen zur Geltung zu bringen. Und ich sehe nicht ein, wie Ihr in Leipzig, nachdem der Karren einmal so weit verfahren, ohne förmlichen Bruch dies hindern wollt. Ihr erkennt die Leute nach wie vor als Parteigenossen an. Wir können das nicht. Der „Jahrbuch“-Artikel trennt uns scharf und absolut von ihnen. Wir können nicht einmal mit den Leuten verhandeln, solange sie behaupten, sie gehörten mit uns zur selben Partei. Die Punkte, um die es sich hier handelt, sind Punkte, die in jeder proletarischen Partei gar nicht mehr diskutiert werden können. Sie innerhalb der Partei zur Diskussion stellen, heißt den ganzen proletarischen Sozialismus in Frage stellen.
In der Tat, es ist auch besser, daß unter diesen Umständen wir nicht mitarbeiten. Wir würden in einem fort protestieren und in wenigen Wochen unsern Rücktritt öffentlich erklären müssen, womit der Sache doch auch nicht gedient wäre.
Es tut uns sehr leid, Euch in diesem Augenblick der Unterdrückung nicht unbedingt zur Seite stehn zu können. Solange die Partei in Deutschland ihrem proletarischen Charakter treu blieb, haben wir alle andern Rücksichten beiseite gesetzt. Jetzt aber, wo die kleinbürgerlichen Elemente, die man zugelassen, offen Farbe bekannt haben3, liegt die Sache anders. Sobald ihnen erlaubt wird, ihre kleinbürgerlichen Vorstellungen stückweise in das Organ der deutschen Partei einzuschmuggeln, wird uns dadurch dies Organ einfach verschlossen.4
Die Eidesgeschichte rührt uns sehr wenig. Man hätte vielleicht, wie Sie wollten, einen andern Weg finden können, der den unangenehmen Schein etwas beseitigte, aber viel liegt auch nicht daran. Die gewünschte Diskretion werden wir beobachten.
Die Malonsche Zeitschrift5 kann gut wirken, denn 1. ist M[alon] nicht der Mann, um viel Unheil anzurichten, und 2. werden seine Mitarbeiter unter den Franzosen dafür sorgen, daß die Sache im rechten Fahrwasser bleibt. Wenn H[öch]b[er]g da einen Boden für seine Kleinbürgereien träumt, wird er finden, daß er sein Geld weggeworfen.
Die Magdeburger Wahl hat uns sehr gefreut. Die Unerschütterlichkeit der Arbeitermassen in Deutschland ist bewundernswert. Die Korrespondenzen der Arbeiter im „S[ozial]d[emokrat]“ sind das einzig Gute, was drinsteht.
H[öch]b[er]gs Brief hierbei zurück. Dem Mann ist nicht zu helfen. Wenn wir nicht in der Gesellschaft der „Zukunfts“-Leute mitmachen wollten, so ist das persönliche Eitelkeit. Aber 1/3 der Leute waren und sind uns noch dem Namen nach total unbekannt, und ungefähr ein andres Drittel waren notorische Kleinbürgersozialisten. Und das nannte sich eine „wissenschaftliche“ Zeitschrift! Und H[öch]b[er]g glaubt noch, sie habe „aufklärend“ gewirkt. Zeuge sein eigner so merkwürdig klarer Kopf, der bis heute noch, trotz aller meiner Bemühungen, den Unterschied von kleinbürgerlichem und proletarischem Sozialismus nicht fassen kann. Alle Differenzen sind „Mißverständnisse“. Ganz wie bei den demokratischen Heulern von 48. Oder aber „übereilte“ Folgerungen. Natürlich, denn jede Folgerung ist übereilt, die dem Gerede dieser Herren einen bestimmten Sinn entlehnt. Sie wollen ja nicht nur dies sagen, sondern auch womöglich das Gegenteil.
Im übrigen geht die Weltgeschichte ihren Gang, unbekümmert um diese Weisheits- und Mäßigungsphilister. In Rußland muß die Sache jetzt in wenig Monaten zum Klappen kommen. Entweder stürzt der Absolutismus, und dann weht sofort, nach dem Sturz der großen Reserve der Reaktion, ein andrer Wind durch Europa. Oder aber es gibt einen europäischen Krieg, und der begräbt auch die jetzige deutsche Partei unter dem unvermeidlichen Kampf eines jeden Volks um die nationale Existenz. Solch ein Krieg wäre unser größtes Unglück, er könnte die Bewegung um 20 Jahre zurückwerfen. Aber die neue Partei, die daraus schließlich doch hervorgehn müßte, würde in allen europäischen Ländern frei sein von einer Masse Bedenklichkeiten und Kleinlichkeiten, die jetzt überall die Bewegung hemmen.
Freundschaftlichst Ihr
F. E.