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Engels an August Bebel
in Leipzig
(Abschrift)

London, 4. Aug. 79

Copie.
Lieber Bebel,

Seit meinem Letzten vom 25. Juli1 hat uns Hirsch seine Korrespondenz mit Bernstein und Liebknecht wegen des neuen Blattes mitgeteilt. Hiernach steht die Sache doch bedeutend anders, als wir nach Ihrem Brief anzunehmen berechtigt waren.

Da Hirsch auf seine sehr berechtigten Anfragen wegen der getroffenen Anordnungen und wegen der Leute, die einerseits fundierend, andererseits dirigierend hinter dem Blatt stehn würden, keine andre Antwort von Liebknecht erhielt als: „die Partei plus Höchberg“ und die wiederholte Versicherung, es sei alles in Ordnung – so mußten wir schon daraufhin annehmen, daß das Blatt von Höchberg fundiert und daß die „Wir“, denen nach E. Bernsteins Brief „die Inszenierung und Beaufsichtigung“ übertragen, wiederum Höchberg und sein Sekretär Bernstein sind.2

Aus dem soeben empfangnen zweiten Brief Bernsteins an Hirsch geht hervor, daß sich dies in der Tat so verhält.

Es wird Ihnen nun nicht entgangen sein, daß die Fehler, vor denen ich in meinem Letzten warnte, jetzt dem Blatt fast mit Notwendigkeit angeboren sein werden. Höchberg hat sich bewährt, theoretisch als ein höchst unklarer Kopf und praktisch als beseelt von unaufhaltbarem Verbrüderungsdrang mit allen und jeden, die nicht bloß sozialistisch, sondern sogar nur sozial zu sein vorgeben. Er hat sein Probestück in der „Zukunft“ geleistet, die Partei theoretisch und praktisch blamiert.

Die Partei braucht vor allem ein politisches Organ. Und Höchberg ist doch wahrhaftig im besten Fall ein ganz unpolitischer Mann, nicht einmal Sozialdemokrat, sondern Sozialphilanthrop. Auch soll nach Bernsteins Brief das Blatt gar nicht politisch sein, sondern prinzipiell sozialistisch, d. h. in solchen Händen notwendig sozialphantastisch, eine Fortsetzung der „Zukunft“. Ein solches Blatt repräsentiert die Partei nur, wenn diese sich zum Schwanz Höchbergs und seiner kathedersozialistischen Freunde degradieren will. Wenn die Parteileiter so das Proletariat unter die Leitung Höchbergs und seiner verschwommenen Freunde stellen wollten, so würden die Arbeiter schwerlich mitmachen; die Spaltung und Desorganisation würden unvermeidlich; Most aber und die hiesigen Schreier würden den größten Triumph erleben.

Unter diesen Umständen, die uns ganz unbekannt waren, als ich meinen letzten Brief schrieb, finden wir, daß Hirsch ganz recht hat, wenn er mit der Sache nichts zu tun haben will. Dasselbe gilt von Marx und mir. Unsre Zusage der Mitarbeit bezog sich auf ein wirkliches Parteiorgan, konnte also nur gelten für ein solches, nicht aber für ein als Parteiorgan verkleidetes Privatorgan des Herrn Höchberg. Daran arbeiten wir unter keinen Umständen mit.3 Marx und ich bitten Sie also ausdrücklich, gefl. Sorge tragen zu wollen, daß wir nicht als Mitarbeiter genannt werden.