London, 18. Jan. 84
Lieber Bebel,
Endlich bin ich wieder soweit, daß ich wenigstens auf ein paar Stunden täglich ans Pult mich setzen und damit meinen Korrespondenzpflichten nachkommen kann. Die Geschichte war weder ernstlich noch schmerzlich, aber verdammt langwierig und gênant, und ich werde mich noch längere Zeit sehr in acht zu nehmen haben.
Meinen mit Bleistift im Bett geschriebenen Brief wegen Frl. I[ßleib] wirst Du erhalten haben. Da ich weiter nichts gehört, vermute ich, daß die Sache aufgegeben. – An Liebknecht diktierte ich einen Brief dem grade hier anwesenden Kautsky, den er hoffentlich erhalten und, worum ich ihn bat, Dir mitgeteilt hat. Du wirst daraus ersehn haben, daß ich mir wegen der amerikanischen Geschichte1 keinerlei Illusionen mache und auch nicht geneigt war, Dir die Sache als absolut nötig darzustellen. Dabei aber bleib’ ich: soll die Sache Erfolg haben, so müßt Ihr zwei gehn und niemand anders. Ob Du mitkannst, kann ich absolut nicht beurteilen, das mußt Du wissen. Soviel aber ist sicher: keine Summe von amerikanischem Geld könnte den Schaden aufwiegen, der notwendig entstehn müßte, falls die Abgesandten wieder den Parteistandpunkt so ins Vulgärdemokratische, Biedermännisch-Philisterhafte abschwächten, wie dies durch Fr[itzsche] und V[iereck] geschah. Und gegen so etwas wäre Deine Anwesenheit allerdings die beste Garantie.
Sehr gefreut haben mich die guten Nachrichten, die Du mir über den Fortgang der Bewegung gabst. Die Regierung konnte in der Tat kein besseres Mittel finden, um die Bewegung in Gang zu halten und zu steigern, als unsre Leute überall in diesen heftigen Lokalkampf mit der Polizei zu verwickeln, besonders wenn die Polizei aus so schofeln Subjekten besteht wie in Deutschland und unsre Jungen dann den Spieß umkehren und gegen den Feind angriffsweise vorgehn können. Wenn dann noch gar die Polizei durch stets wechselnde Instruktionen von oben konfus gemacht wird, wie neulich in Berlin, so hilft das um so besser.
Sollte der Versuch, das „Recht auf Arbeit“ in Mode zu bringen, wiederholt werden, so würde ich auch etwas darüber in den „S[ozialdemokrat]“ schreiben. Ich habe darüber mit K[autsky] verhandelt2; ich möchte gern, daß G[eiser] und Konsorten sich erst etwas engagierten, etwas Greifbares von sich gäben, damit man eine Handhabe hat, aber K[autsky] meint, das täten sie nicht. Diese verbummelten Studenten, Kommis etc. sind der Fluch der Bewegung. Sie wissen weniger als nichts und wollen eben deshalb platterdings nichts lernen; ihr sog. Sozialismus ist reine spießbürgerliche Phrase.
Ob Ihr den Belagerungsparagraphen loswerdet, weiß ich nicht, der Vorwand wird immer der sein, nur so könne die Person des alten Wilhelm geschützt werden, und vor der Phrase fällt das ganze Philisterium auf den Bauch.
Besten Dank für Dein Buch: „Die Frau“. Ich habe es mit großem Interesse gelesen, es sind viele sehr gute Sachen darin. Besonders klar und schön ist das, was Du über die Entwicklung der Industrie in Deutschland sagst. Ich habe diesen Punkt in der letzten Zeit auch wieder etwas studiert und würde, wenn ich Zeit hätte, etwas darüber in den „S[ozialdemokrat]“ schreiben. Sonderbar, daß die Philister nicht einsehn, wie die so bejammerte „Vagabundenplage“ das notwendigste Produkt des Aufschwungs der großen Industrie ist unter den in Deutschland vorgefundnen Bedingungen von Ackerbau und Handwerk; und wie die Entwicklung eben dieser großen Industrie in Deutschland – weil es überall zuletzt kommt – nur vor sich gehn kann unter fortwährendem Druck schlechter Geschäftslage. Denn die Deutschen können nur Konkurrenz halten durch wohlfeileren, aufs Hungerniveau gedrückten Arbeitslohn und stets größten Ausbeutung der Hausindustrie im Hintergrund der Fabrikindustrie. Verwandlung des Handwerks in Hausindustrie und allmähliche Verwandlung der Hausindustrie – soweit sich das bezahlt – in Fabrik- und Maschinenindustrie – das ist der Gang in Deutschland. Eine wirklich große Industrie haben wir bis jetzt bloß in Eisen, in der Textilindustrie herrscht der Handwebstuhl noch immer vor – dank den Hungerlöhnen und dem Besitz von Kartoffelgärten bei den Webern.
Auch hier hat die Industrie einen andern Charakter angenommen. Der 10jährige Zyklus scheint durchbrochen, seit die amerikanische und deutsche Konkurrenz, seit 1870, dem englischen Weltmarktsmonopol ein Ende machen. Seit 1868 herrscht in den Hauptzweigen gedrückte Geschäftslage bei langsam wachsender Produktion; und jetzt scheinen wir in Amerika und hier vor einer neuen Krise zu stehn, ohne daß hier in England eine Prosperitätsperiode vorausgegangen. Dies ist das Geheimnis der plötzlich – wenn auch seit 3 Jahren langsam vorbereiteten – aber jetzt plötzlich hervorbrechenden sozialistischen Bewegung hier. Die organisierten Arbeiter – Trade Unions – stehn ihr bis jetzt noch ganz fern; die Bewegung geht vor unter „gebildeten“, der Bourgeoisie entsprungnen Elementen, die hie und da mit den Massen Fühlung suchen und stellenweise finden. Diese Elemente sind moralisch und intellektuell sehr verschiedenwertig, und es wird einige Zeit dauern, bis sie sich assortieren und Klarheit in die Sache kommt. Aber sie wird schwerlich ganz wieder einschlafen. Henry George mit seiner Landverstaatlichung wird wohl eine meteorartige Rolle spielen, weil dieser Punkt hier eine traditionelle Bedeutung hat und auch eine wirkliche von wegen dem kolossalen Großgrundbesitz. Aber auf die Dauer zieht das allein nicht im ersten Industrieland der Welt. Dabei ist George echter Bourgeois und sein Plan: alle Staatsausgaben aus der Grundrente zu bestreiten, nur eine Wiederholung des Plans der Ricardoschen Schule, also rein bürgerlich.
Wenn Du ein Muster von Staatssozialismus studieren willst, dann: Java. Hier hat die holländische Regierung die ganze Produktion auf Grundlage der alten kommunistischen Dorfgemeinden so schön sozialistisch organisiert und den Verkauf aller Produkte so hübsch in die Hand genommen, daß außer ca. 100 Mill. Mark Gehälter für Beamte und Armee noch ein Reinertrag von ca. 70 Mill. Mark jährlich abfällt zur Zahlung von Zinsen für die unglücklichen holländischen Staatsgläubiger.3 Dagegen ist Bismarck doch ein pures Kind!
Die russische Konstitution wird nun so oder so doch wohl im Lauf dieses Jahrs kommen, und dann kann’s losgehn.
Dein
F. E.