London, 24. April 83
Lieber Sorge,
Inl. ein paar Zeilen für Hartmann von seinem Freund Brocher, einem konfusen Anarchisten, aber kreuzbraven Kerl. Sei so gut, sie zu besorgen.
Die „Volksztg.“ hat Dummheiten genug gemacht, indes noch nicht so viele, als ich erwartete. Dabei haben sie alle ihr Teil geleistet, Schewitsch, Cuno, Douai, Hepner. Es war ein Quartett des Besserwissenwollens von Leuten, die verdammt wenig wußten, jointly and severally1. Indes habe ich mich doch veranlaßt gefühlt, der Redaktion ein paar Zeilen zu schreiben2: sie hätten meine Depesche an Dich als an sie gerichtet abgedruckt, und mir in die zweite an sie hineingefälscht, M[arx] sei in Argenteuil gestorben. So was ließen wir uns hier nicht gefallen; sie hätten mir es dadurch unmöglich gemacht, ihnen fernerhin Mitteilungen zu machen, und falls sie sich wieder solchen Mißbrauch meines Namens erlaubten, würden sie mich dadurch zwingen, Dich zu bitten, das Ganze sofort öffentlich für Fälschung ihrerseits zu erklären. Die Herren sollen ihren Yankee-Humbug unter sich betreiben. Übrigens sind die Amerikaner weit anständiger: nach der „V[olkszeitung]“ war ein Telegramm an mich abgeschickt, was ich nie erhielt und fast glaubte, die Herren von der „V[olkszeitung]“ hätten das Geld selbst eingesteckt. Jetzt schreibt Van Patten, daß überhaupt kein Geld vorhanden gewesen. Das bin ich nun gezwungen, hier zu veröffentlichen, sonst heißt es, ich hätte gegenüber der Pariser Presse und dem „S[ozialdemokrat]“ das Telegramm unterschlagen. Die Antwort wegen Most, die ich dem V[an] P[atten] auf seine Anfrage geschickt3, wird er wohl schon vor Ankunft dieses veröffentlicht haben.
Auf dem Kopenhagener Kongreß ist die Reise von Liebk[necht] und Bebel nach Amerika für nächstes Frühjahr beschlossen worden. Es handelt sich um Geld für die Wahlkampagne 84/85. (Dies alles unter uns.) L[iebknecht] hat Tussy vorgeschlagen, sie solle als sein Sekretär mitgehn, und sie hat große Lust dazu; da könnte es sich leicht treffen, daß Du sie bald dort sähest. Pläne haben wir überhaupt noch nicht gemacht. Die literarische Arbeit (III. Auflage, I. Bd. „Kapital“, Herausgabe des II. Bandes, dessen Ms. gefunden, aber noch unbekannt, wieweit druckfertig und ergänzungsbedürftig, Biographie4 auf Grund der massenhaften Korrespondenz etc.) absorbiert alle freie Zeit, und dabei hat T[ussy] eine Masse literarischer Engagements abzuwickeln.
Du hast natürlich das vollkommne Recht, aus M[arx]’s Briefen die Stellen über H. George abdrucken zu lassen. Es ist aber die Frage, ob es nicht besser wäre zu warten, bis ich Dir die Randglossen von M[arx] im Ex. von Georges Buch ordnen kann und dann alles zusammen zu tun. Theoretisch-scharfe, aber kurze, unexemplifizierte Resümees, wie M[arx] sie gibt, sind dem Alltagsamerikaner doch noch zu hoch, und es eilt ja nicht. Sowie ich Zeit habe, seh’ ich die Sachen näher an. Willst Du mir inzwischen die betr. Stelle aus M[arx]’s Brief abschriftlich mitteilen, so wird das die Arbeit vereinfachen.
Broschüre hiermit. Ich habe selbst erst ein paar Ex. erhalten, 2. Auflage in der Presse. Kann Weydem[eyer] jetzt Englisch? Seine früheren Übersetzungen waren grammatikalisch und stilistisch absolut undruckbar, hätten uns schauerlich blamiert und die Verfasser mit lächerlich gemacht. Jedenfalls möchte ich Probe sehn.
Dein
F. E.