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Engels an Karl Kautsky
in Zürich

London, 16. Febr. 84

Lieber Kautsky,

Ich habe grade ein paar Stunden frei heute, antworte also sofort.

Bei Deville ist nicht nur der historische Teil, sondern auch der deskriptive (Arbeitstag, Kooperation, Manufaktur, große Industrie etc.) neu zu bearbeiten, wie Sie sich überzeugen können, wenn Sie ein paar Kapitel durchnehmen. Vorderhand schreib’ ich nichts an M[eißner], außer, daß ich ihm das französische Buch schicke und ihn benachrichtige, daß eine Bearbeitung im Werk ist, und ich ihm seinerzeit Näheres mitteilen werde.

Von der „Misère“ erscheint auch eine neue französische Ausgabe in Paris. Ich schreibe eine Vorrede dazu; in der zur deutschen Ausgabe1 werde ich den Mythus von Rodbertus auflösen. Dieser rührt von R. Meyer her, und ist so sehr in Deutschland und hier, selbst in Amerika kolportiert worden, daß dem Ding ein Ende gemacht werden muß. Ich werde nachweisen 1. daß wir 1850 nicht im Falle waren, von Herrn R[odbertus] irgend etwas zu lernen, 2. daß wir ihn gar nicht kannten, 3. daß seine großen Entdeckungen bereits 1848 Gemeinplätze waren, 4. daß seine spezifischen Heilmittel zur sozialistischen Kur bereits in der „Misère“ kritisiert sind, ehe R[odbertus] sie entdeckt hatte.

Sie werden sehn, daß Ihnen da immer noch genug zu tun bleibt; diese obigen Sachen kann aber nur ich machen, weil ich sie erlebt und auch allein das Material dazu von 1840–50 besitze.

R[odbertus’] Rententheorie ist Blödsinn, im ersten Manuskript des „Kapital“ von 1861–63 findet sich eine ausführliche ziemlich, ironische Kritik von M[arx] darüber, in einem sehr dicken Abschnitt: „Theorien über den Mehrwert“, den ich wahrscheinlich am Schluß des 2. Bandes oder als 3. Band abdrucken lasse.

Was ich aber zu meiner Vorrede brauche, ist R[odbertus]’ „Offener Brief an das Comité des Deutschen Arbeitervereins“, Leipzig 1863. Können Sie oder Ede mir das Ding für ein paar Tage auftreiben, sobald ich die Auszüge gemacht, erfolgt es zurück.

Den von Ede versprochnen Proudhon-Artikel des alten „Soc[ial]-Dem[okrat]“ hab’ ich noch nicht erhalten, kommt vielleicht heut abend. Wahrscheinlich übersetze ich ihn für die französische Ausgabe.

Wenn Ede hier plötzlich einspränge, sollte es mich ungeheuer freuen, ich kann jetzt auch wieder ein ganz Bescheidenes mittrinken.

Nun zurück zu Ihrem vorletzten Brief. „Lage der arbeitenden Klasse“ wollte Dietz längst haben, ich habe quasi zugesagt, sobald ich weiß, wie ich mit dem alten Verleger Wigand stehe. Seit 15 Jahren hat Liebknecht versprochen, dies durch Freytag in Erfahrung zu bringen (d. h. was meine juristische Stellung W[igand] gegenüber ist), und ich bin noch im dunkeln2. Jedenfalls hat Dietz das erste Anrecht, und ich werde endlich selbst Schritte tun, um zu erfahren, was zu tun ich berechtigt bin.

Es wäre gut, wenn jemand sich die Mühe geben wollte, den grassierenden Staatssozialismus an einem Exempel klarzulegen, das in voller praktischer Blüte steht in Java. Alles Material findet sich in: „Java, how to manage a colony“, by J. W. B. Money, Barrister at Law, London 1861, 2 vol. Hier sieht man, wie die Holländer auf Grundlage des alten Gemeindekommunismus die Produktion von Staats wegen organisiert und den Leuten eine nach ihren Vorstellungen ganz komfortable Existenz gesichert haben; Resultat: Erhaltung des Volks auf der Stufe naturwüchsiger Dummheit und Einkassierung von 70 Millionen Mark jährlich (jetzt wohl mehr) für die holländische Staatskasse. Der Fall ist höchst interessant, und die Nutzanwendungen leicht zu ziehn. Nebenbei Beweis, wie der Urkommunismus dort wie in Indien und Rußland heute die schönste breiteste Grundlage der Ausbeutung und des Despotismus liefert (solange kein modern-kommunistisches Element ihn aufrüttelt), und sich in der Mitte der modernen Gesellschaft ebensosehr als schreiender (zu beseitigender oder aber fast zurückentwickelnder) Anachronismus bewährt wie die unabhängige Markgenossenschaft der Urkantone.

Über die Urzustände der Gesellschaft existiert ein entscheidendes Buch, so entscheidend wie Darwin für die Biologie, es ist natürlich wieder von Marx entdeckt worden: Morgan, „Ancient Society“, 1877. M[arx] sprach davon, aber ich hatte damals andre Sachen im Kopf, und er kam nicht wieder darauf zurück, was ihm gewiß angenehm war, da er selbst das Buch bei den Deutschen einführen wollte, wie ich aus seinen sehr ausführlichen Auszügen sehe. Morgan hat die Marxsche materialistische Geschichtsanschauung in den durch seinen Gegenstand gebotenen Grenzen selbständig neu entdeckt und schließt für die heutige Gesellschaft mit direkt kommunistischen Postulaten ab. Die römische und griechische Gens wird zum ersten Mal aus der der Wilden, namentlich amerikanischen Indianer, vollständig aufgeklärt und damit eine feste Basis für die Urgeschichte gefunden. Hätte ich die Zeit, ich würde den Stoff, mit Marx’ Noten, für’s Feuilleton des „S[ozialdemokrat]“ oder die „Neue Zeit“ bearbeiten, aber daran ist nicht zu denken. All der Schwindel von Tylor, Lubbock und Co. ist definitiv kaputtgemacht, Endogamie, Exogamie und wie all der Blödsinn heißt. Diese Herren unterdrücken das Buch hier, soviel sie können, es ist in Amerika gedruckt, ich hab’s seit 5 Wochen bestellt, kann’s aber nicht bekommen! trotzdem eine Londoner Firma als Mitverleger auf dem Titel steht.

Besten Gruß,

Ihr
F. E.