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Engels an Karl Kautsky
in Stuttgart

London, 18. Sept. 83

Lieber Herr Kautsky,

Was die Geiserei angeht, so halte ich es noch nicht an der Zeit, daß ich mich da einmische. Die Leute müssen sich erst mehr vor der Öffentlichkeit festreiten. Das bißchen Flugblatt und der gescheiterte Arbeitsrechtsantrag reichen nicht hin; sie müssen noch stärker herausrücken, damit man sie ordentlich fassen kann und sie sich nicht mit falschen Ausflüchten herauslügen können. Es wird indes sehr nützlich sein, wenn Sie Material in dieser Beziehung sammeln, der Moment kommt, wo man auf die Herren losschlagen muß. – Vorderhand hat’s keine Eile. Bebel und der „S[ozialdemokrat]“ haben, wie Sie ja selbst sagen, die Massen hinter sich, und Gegengift ist ja auch vorhanden. Daß Sie in dem Schwabenneschtle viel von dieser Sorte zu leiden haben, glaub’ ich gern, aber Stuckert und München sind ja die schlechtesten Orte in Deutschland. Und dann hab’ ich positiv nicht die Zeit, mich in eine Polemik einzulassen, die viel Mühe und Arbeit erfordern würde. Wenn’s sein muß – ja denn! Das Flugblatt hierbei zurück.

Auf die Eheartikel kann ich aus Zeitmangel nicht wieder ausführlich eingehn. Jedenfalls liegt die ursprüngliche Geschlechtergemeinschaft so weit zurück und ist durch Fort- oder Rückentwicklung so verdeckt, daß heute Beispiele in unverfälschter Form nirgends mehr zu erwarten sind. Aber alle späteren Formen führen auf diesen Urgrund zurück. Soviel halte ich für sicher, daß, solange Sie nicht das Eifersuchtselement als gesellschaftlich bestimmendes (in der Urzeit) ganz fallenlassen, eine richtige Darstellung der Entwicklung nicht möglich wird.

Überhaupt ist in allen diesen wissenschaftlichen Untersuchungen, die so weites Gebiet und massenhaftes Material umfassen, nur durch langjähriges Studium möglich, etwas Wirkliches zu leisten. Einzelne neue und richtige Gesichtspunkte, wie sie sich ja auch in Ihren Artikeln finden, bieten sich schon eher; aber das Ganze übersehn und neu ordnen, kann man erst, wenn man es erschöpft hat. Sonst wären Bücher wie das „Kapital“ viel zahlreicher. Es freut mich daher zu sehn, daß Sie auf Themata gekommen sind – für die sofortige schriftstellerische Bearbeitung – wie die biblische Urgeschichte und die Kolonisation, wo mit weniger erschöpfendem Studium der Details immer noch etwas zu leisten ist und wo man dabei doch zeitgemäß wirkt. Der Kolonisationsartikel hat mir sehr gefallen. Leider haben Sie meist nur deutsches Material, das wie gewöhnlich matt gefärbt ist und die grellsten Schlaglichter der tropischen Kolonisation nicht gibt und nicht den neusten Modus. Dieser ist die Kolonisation im Interesse der Börsenschwindelei, wie jetzt von Frankreich in Tunis und Tonkin direkt und anerkannt betrieben. Für den Südsee-Sklavenhandel hier ein neues schlagendes Beispiel: Die versuchte Annexion von Neu-Guinea etc. durch Queensland war direkt auf Sklavenhandel berechnet. Fast am selben Tage, wo die Annexions-Expedition nach Neu-Guinea abging, ging ein Queensländisches Schiff: „Fanny“ („Fanny“) nach dort und den östlich gelegnen Inseln ab, um labour1 zu kapern, kam aber mit Verwundeten und unangenehmen sonstigen Kampfspuren ohne labour zurück. Die „Daily News“ erzählt es und bemerkt in einem Leitartikel, die Engländer könnten kaum den Franzosen wegen derlei Praktiken Vorwürfe machen, solange sie Gleiches täten! (Anfang Sept.)

Der vorige Woche in Nottingham tagende Trades-Unions-Congress hat Adam Weilers Vorschlag, auf internationale Fabrikgesetzgebung zu dringen, auf des „Arbeiter“-Parlamentlers Broadhurst Antrag mit 26 gegen 2 Stimmen verworfen. Das sind Liebknechts vielgepriesne Trades Unions!

Warum schreibt der Fritz Denhardt nicht mehr in die „Neue Zeit“? Er schrieb sehr nett und lustig. Die Zeitschrift selbst hat natürlich mit schauerlichen Schwierigkeiten zu kämpfen: die hier vorgeschriebne Selbstzensur ist tausendmal schlimmer als es die alte offizielle Zensur war. Sie haben noch verschiedne sonderbare Mitarbeiter und werden selbst oft genug nach besseren lechzen. Jedenfalls hat die Sache für Sie den Vorteil, daß Sie Ihre wissenschaftlichen Studien nebenbei fortsetzen und die Resultate langsam reifen lassen können.

Beiläufig bietet Java den Beweis, daß die Bevölkerung sich nirgend und nie so rasch vermehrt als unter dem System einer nicht zu drückenden Arbeitshörigkeit: 1755 – 2 Mill.; 1826 – 51/2 Mill.; 1850 – 9 Mill.; 1878 – 19 Mill.; – in 125 Jahren fast verzehnfacht – das einzige Exempel annähernd Malthusscher Steigerung. Schicken Sie die holländischen Aussauger weg, und die Bevölkerung wird ziemlich stabil werden.

Adler war hier, grade als ich an die See ging und wieder als ich zurückkam; er ist ein Mann, aus dem noch was werden kann. Er hat hier manches gesehn, was ihm nützlich werden kann.

Von Stuttgart gestern Postanweisung auf £ 6.3 für die Photographien2 erhalten, aber ohne Begleitbrief. Wollen Sie Dietz bitten, mir in 2 Zeilen gefl. mitzuteilen, welcher Namen (Vornamen) und Adresse (in Stuttgart) bei Herausnahme der Post angegeben wurde? Die hiesige Post ist sehr pedantisch in solchen Sachen, und wenn ich im geringsten abweichend angebe, erhalte ich das Geld nicht.

Der 2. Band des „Kapitals“ wird mir noch Arbeit genug machen. Der größte Teil des Ms. datiert von vor 1868, und ist stellenweise reines Brouillon3. Das zweite Buch wird die Vulgärsozialisten sehr enttäuschen, es enthält fast nur streng wissenschaftliche, sehr feine Untersuchungen über Dinge, die innerhalb der Kapitalistenklasse selbst vorgehn, gar nichts, woraus man Stichwörter und Deklamation fabrizieren kann.

Pumps hat bereits zwei Kleine. Tussy M[arx] hat sich in der Nähe des Britischen Museums einmöbliert. Lenchen führt mir die Haushaltung.
Besten Gruß.

Ihr
F. E.