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Engels an Friedrich Adolph Sorge
in Hoboken

London, 16.Nov. 72

Lieber Sorge,

Dein Brief vom 25. kreuzte sich mit dem meinigen vom 2. Nov.1 Seitdem wird Marx Dir geschrieben haben.

Die Adresse habe ich an Serraillier französisch und zuerst an M[ac]D[onnel] englisch für die Irländer gegeben, dann selbst für den „Int[ernational] Herald“ abgeschrieben und endlich an den Federal Council geschickt. Ich war nämlich sehr im Zweifel, ob der Federal Council sie nicht unterdrücken oder aber sonst wörtlich, mit verschiedenen englischen Sprachfehlern und starken Germanismen, abdrucken lassen würde, um Spott damit zu treiben. Diese habe ich natürlich geändert, da die Adresse so englisch wie französisch ganz undruckbar war. Wir hier haben uns solche Sachen immer von irgendeinem gebildeten native2 korrigieren lassen, Du wirst das auch müssen, da es oft nicht angeht, in offiziellen Dokumenten selbst grammaticalia zu ändern, und immer fatal ist. Für Hales, die Jurassiens usw. ist jeder Verstoß der Art ohnehin ein Gaudium.

Die Belgier haben bis jetzt noch nichts gedruckt.

Nach Australien müßt Ihr die Adresse selbst schicken, Harcourt wird inzwischen bei Dir gewesen sein; ich habe keine Adresse nach Australien.

Jones und Le Moussu sind gemahnt. Serr[aillier] sehe ich morgen und werde ihm sagen, Euch einen Bericht zu machen, der Dereures wegen keine Namen und Adressen enthalten kann, letztere kann er Dir privatim schicken. Wegen Dereure unten.

Die Stamps – Le Moussu machte die Zeichnung gratis – kosteten etwa £ 1. Die Statuten englisch zu drucken zirka £ 12.

Die Bildung zweier neuen italienischen Sektionen zeigte ich Dir bereits an.3 Offizieller Brief hierbei.

Ich schicke Dir heute:
1 „Emancipación“ und Manifest der Nueva Federación Madrileña
1 „Égalité“
1 „Intern[ational] Herald“ – Bericht des Federal Council
7 Résolutions du Congrès de La Haye.

Ferner folgendes zu berichten:

1. Blanquisten. Haben ein Pamphlet erlassen: „Internationale et révolution“, wovon mehrere Ex. per next steamer4. Erklären ihren Austritt aus der Internationale, die durch die Deportation des Generalrats nach New York sich getötet habe. Werden eine eigne Gesellschaft stiften und klüngeln bereits stark in Frankreich. Es ist deshalb absolut notwendig, daß Dereure 1. durchaus keine Adressen nach Frankreich in die Hände bekommt, 2. aber sich über seine Stellung erklärt. Letzteres hat natürlich erst dann Eile, wenn Ihr es für gut haltet. Serraillier antwortet in der „Liberté“ und der „Égalité“ auf dies Machwerk. Ranvier hat Lafargue erklärt, der erste Entwurf sei voller Persönlichkeiten gewesen, so daß er erklärte, er werde ihn nie unterschreiben. Den zweiten, veröffentlichten, habe er nie gesehn, sein Name stehe darunter ohne seine Autorisation. Er ist im Streit mit ihnen, sie haben sich beigehn lassen, ihn vor Gericht zu stellen, weil er ohne Erlaubnis fortfährt, Mitglied eines Flüchtlingsklubs Cercle d’Études Sociales zu sein, und er wollte sich die schulmeisterlichen Examinationen des von den „purs“ (so nennen die Blanquisten sich) ernannten Gerichts nicht gefallen lassen. Du siehst, sie spielen Commune révolutionnaire ganz in der alten Weise. Du wirst Spaß haben an dem Broschürle, worin Vaillant ganz ernsthaft alle unsre ökonomischen und politischen Sachen für blanquistische Entdeckungen erklärt. In verschiednen Orten Frankreichs, außer Paris, wo der lange Walter ihr Agent, haben sie schon gestänkert. Ungefährlich wie sie sind, müssen ihnen doch nicht die Mittel gegeben werden, noch mehr zu stänkern, und daher darf Dereure keine Adr. haben und muß ihm auf die Finger gepaßt werden.

2. Spanien. Hier geht’s famos. Der Federal Council hat ein langes Ding drucken lassen und im stillen herumgeschickt, enthaltend
a) einen lügenhaften Bericht der 4 Spanier über den Kongreß,
b) die Beschlüsse der Anti-Autoritarier von Saint-Imier,
c) einen Antrag der Barceleser Föderation, auf den 25. Dez. eine spanischen Kongreß zu berufen, der über die Annahme der Beschlüsse vom Haag oder der von Saint-Imier entscheiden soll,
d) Aufforderung an alle Lokalföderationen, sich darüber bis 10. Nov. zu erklären.

Hierauf hat die Nueva Federación Madrileña mit dem heute Dir gesandten Manifest geantwortet. Sie protestiert gegen jede Vorlage der Haager Beschlüsse an irgendwelche internationale Versammlung anders als zur einfachen Kenntnisnahme und Nachachtung. (Gegen die Lügen der 4 Spanier haben wir bereits das Nötige nach Madrid geschickt.)

Damit aber die Spanier merken, wer sie eigentlich regiert, hat das Jura-Komitee die Saint-Imier-Beschlüsse schon direkt an alle spanischen Lokalföderationen geschickt mit der Aufforderung, sich darüber zu erklären; den Spanischen Federal Council haben sie ganz ignoriert.

Inzwischen ist in Spanien der Tanz losgegangen. Die Föderationen von Gracia (Fabrikvorstadt von Barcelona) mit 500 Mann, die von Toledo (200 Mann), die von Badalona und Denia bei Barcelona haben sich für uns und gegen den spanischen Kongreß erklärt. In Valencia gehört uns ein starker Teil der Lokalföderation, ebenso einer in Cádiz, der sich bereits von der alten dortigen Föderation getrennt hat. Der Verkauf der „Emancipación“, die am Sterben war und die wir durch von hier gesandte Gelder am Leben erhalten, nimmt wieder stark zu (in Cádiz, Valencia und Gracia allein 150 Ex.). In Gracia war am 4.Nov. große Generalversammlung, die Barcelonesen, Alerini an der Spitze, brachten ihren Vorschlag vor, aber, wie Mora (der dort ist) schreibt: „Alerini hat trotz allen Schreiens und aller Gestikulationen mit Armen und mit dem Stock diese Atheisten nicht überzeugen können, daß die Gesellschaft Jesu gut operiert habe. Weswegen beschlossen wurde, alle Haager Beschlüsse zu billigen und die Haltung der spanischen Delegierten zu tadeln.“

Die Sachen gehn gut; im allerschlimmsten Fall behalten wir in Spanien eine sehr respektable Minorität, die sich von den andern trennt und mehr wert ist als der ganze bisherige unbestimmte Kram; sehr möglich aber ist es auch, daß wir die ganze Geschichte sprengen und die Allianz an die Luft setzen. Dies alles verdanken wir der Energie des einen Mesa, der alles ganz allein hat ausfechten müssen. Mora ist schwach und war einen Augenblick schwankend. Lest in der „Emanc[ipación]“ Nr.71 den Artikel: Los medios de la Alianza, wie der spanische Federal Council den Mora hat durch Intimidation5 herumkriegen wollen.

3. Londoner Federal Council. Durch die Schlappheit der Besseren unter den Engländern ist es Hales und Mottershead gelungen, den Federal Council ganz in ihre Gewalt zu bekommen. Eine Masse Delegierter von imaginären Sektionen haben Hales momentan die Majorität verschafft, er ist Sekretär und Kassierer in einer Person, und daß er macht, was er will, zeigt der Bericht im „Int[ernational] Herald“ heute. Das einzige, was wir tun können, ist, die bessern Elemente zusammenzuhalten, bis die Schufte sich einander in die Haare geraten, was bald genug kommen wird. Give them rope enough and they will hang themselves.6 Du wirst den „I[nternational] H[erald]“ jetzt regelmäßig erhalten, damit Ihr seht, wie breit sich dieser Hales macht und ordentlich als General Council geriert. Sowie eine Gelegenheit kommt, ein Statutenbruch oder so etwas – und Hales wird als Intimus und Korrespondent der Jurassier das bald genug provozieren –, so trennen unsre Leute sich und bilden eine eigne Föderation, wo möglich vereint mit den Irländern. Leider geht M[ac]Donnel nach Amerika, indes haben wir an De Morgan einen sehr guten Nachfolger und der noch dazu auf seinen Reisen als lecturer7 in ganz England herumkommt. Er ist über die Lage ganz im klaren.

Um hier Euren Proklamationen usw. die gewünschte Publizität sichern zu können, wäre es gut, wenn der Generalrat mich offiziell damit für England beauftragte. Der Federal Council unterdrückt sicher alles, was er kann, und Riley vom „Int[ernational] Herald“ ist zwar ein ehrlicher Kerl, auch aus disgust8 aus dem Federal Council getreten, aber schwach und wegen des Verkaufs seines Blattes vom Federal Council etwas abhängig. Kann ich ihm daher einen derartigen Beschluß vorzeigen, so ist er gedeckt und tut alles.

Ob Ihr mir eine Vollmacht für Italien schicken wollt, überlasse ich Euch. Bei dem dort herrschenden Kampf, worin unsre Leute eine sehr kleine Minorität bilden, ist rasches Einschreiten sehr wünschenswert. Ich behalte zwar meine Privatkorrespondenz bei, schreibe auch in die „Plebe“, kann aber ohne Vollmacht nicht auf Sektionen wirken, die, wie die Turiner, ganz verfallen zu wollen scheinen und nichts von sich hören lassen, wie das in Italien nur zu oft geschieht.

Marx ist auf ein paar Tage nach Oxford zu Longuet und seiner Frau, um mit L[onguet] einen Teil der französischen Übersetzung des „Kapital“ durchzugehn. Wird wohl vor Montag nicht wiederkommen.

Serraillier müßt Ihr meiner Ansicht nach jedenfalls eine Vollmacht für Frankreich schicken. Diese Art Korrespondenz kann unmöglich von dortaus geführt werden; nur solltet Ihr ihn verpflichten, monatlich Bericht nach dort zu schicken. Einen bessern kriegt Ihr nicht; Dupont ist zu nachlässig, sobald man ihn nicht täglich antreibt, und wir sehn ihn hier oft in 14 Tagen nicht.

Wegen der Jurassiens ist unsre Ansicht die, daß man am besten einfach erklärt, durch die Beschlüsse ihres Kongresses in Saint-Imier, die diesen und jenen Art. der Statuten und Verwaltungsverordnungen widersprechen, hätten sie sich selbst von der Internationale ausgeschlossen, und dies einfach den andern Föderationen notifiziert. Übrigens geht es ihnen schlecht. In Biel, wo sie (s. „Scissions“9) keinen Mann mehr hatten, hat sich eine neue Sektion gebildet, aber sich an Genf angeschlossen, und ihre Mustersektion Moutier (s. „Scissions“) hat die Beschlüsse von Saint-Imier verworfen. Du siehst, die Haager Beschlüsse tragen schon überall ihre Frucht.

Für Deutschland wäre es – für Notfälle gegenüber den Schweitzerianern – gut, wenn Marx eine Vollmacht hätte.

Das sind alles Sachen, die Ihr überlegen müßt.

Ich sitze bis über die Ohren in der Arbeit. Daß Mesa angefangen, das „Manifest“ zu übersetzen, hat mich gezwungen, ihm eine Revision der französischen Übersetzung des „Socialiste“ zu schicken, wobei mir die von Dir im Mskr. mitgebrachte sehr zustatten kam, da sie viel besser ist, aber immer noch basiert auf „Woodhulls“ Englisch. Bei der Gelegenheit bringe ich die französische Übersetzung überhaupt in Ordnung. Daneben Artikel für „Volksstaat“, „Emancipación“ und „Plebe“; und sobald Lafargue, der jetzt hier, eine Wohnung hat, gehn wir an die Allianz-Geschichte. Lucain hat noch viele Papiere in Brüssel und schreibt jetzt, er werde sie Ende nächster Woche schicken, weil er sie kopieren wolle!10

Was macht der Schlingel Cuno?

Dein
F. Engels