1873

230
Engels an Friedrich Adolph Sorge
in Hoboken

London, 4.Jan. 731

Lieber Sorge,

1. Deine Briefe vom 3. und 6. Dez. erhalten. Begreife nicht, daß Dir die Zeitungen etc. nicht zukommen. Ich schrieb Dir 7. und 14. Dez.2 wegen der Verhaftungen in Lodi und sandte: 14. Dez. „Emanc[ipación]“ und „Int[ernational] Herald“, 22. Dez. „Emanc.“ und „I. Her.“, 23. „Emanc.“ und „Égalité“ (Cluseret gegen die Blanquisten, gut, nur schlimm, daß sein Name drunter steht) und 24. 3 Ex. des Zirkulars der Manchester Foreign Section3. Heute folgt: „Emanc.“ und ein Ex. desselben, sowie das Zirkular der Minorität des Britischen Föderalrats4.

2. Also die Majorität des Britischen Föderalrats hat Sezession gemacht– unter Leitung von Hales, Mottershead, Roach und – Jung. Sie hat ein Zirkular erlassen, sich gegen den Haager Kongreß erklärt etc. Wir haben nur ein Ex. bis jetzt, sobald wir ein zweites bekommen, erhaltet Ihr's. Dann berief nicht der British Federal Council, sondern dies hole and corner meeting5 der Majorität einen englischen Kongreß auf den 5. Jan. Hier unter den englischen Arbeitern aber geht das nicht so einfach mit Staatsstreichen. Die Minorität blieb im alten Lokal, 7, Red Lion Court, versammelt, konstituierte sich als British Federal Council und avisierte alle Sektionen, mit ihrem Urteil zu warten, bis sie auch gehört sei. Gleich drauf am 23. Dez. schon war das von mir aufgesetzte Zirkular der Manchester Foreign Section versandt und am 31. Dez. das der Minorität des Federal Council. Inzwischen hatte sich hier schon West End Section gegen die

Majorität erklärt, Nottingham folgte, noch ehe das Minoritätszirkular in ihren Händen war, ditto Middlesbrough setzte Jung sofort ab und verlangte, daß die Minorität ihnen einen neuen Delegierten vorschlage, ditto Manchester District Council. Alle erklärten sich für die Haager Beschlüsse, und nach Rileys Privatnachrichten sind wir mit Ausnahme von Liverpool aller Provinzialsektionen sicher. Damit wäre dieser coup d'état6 erledigt. Namentlich freut mich die prompte Justiz, die dem Herrn Jung widerfahren ist. Das hat er nun davon, daß er, im Schlepptau des Hales, zum Werkzeug seines Todfeindes Guillaume sich hergegeben hat. Er ist jetzt mausetot.

2.7 Belgien. Der belgische Kongreß s'est bien moqué du Conseil Général8. Er hat erklärt, mit Euch nichts zu tun haben zu wollen und die Haager Beschlüsse seien null und nichtig. Werde sehn, Dir Dienstag Genaueres zu schicken, habe das Blatt nicht hier.

3. Der spanische Kongreß wird dasselbe beschließen, da die Unsrigen ihn gar nicht beschickt haben. Leider sind viele der Unsrigen, wie mir Mesa schreibt, in der Insurrektion beteiligt, im Gefängnis oder mit den Banden im Gebirg, was grade jetzt sehr fatal ist.9

4. Ihr habt also jetzt 1. die Jurassiens, 2. die Belgier, 3. die alte Spanische Föderation und 4. die hiesigen jetzigen Minoritätssektionen, die sich in Rebellion erklärt haben. Wir sind nun hier einstimmig der Ansicht, daß hier kein Fall von Suspension vorliegt, sondern daß der Generalrat einfach konstatiere, daß diese etc. etc. Föderationen und Sektionen die zu Recht bestehenden Gesetze der Assoziation für null und nichtig erklären, sich damit selbst außerhalb der Internationale stellen und aufgehört haben, ihr anzugehören. Dann ist auch von keiner Konferenz die Rede, die infolge der Suspension doch immer möglich wäre.

Daß Ihr erst zu solchen Schritten übergehn könnt, wenn Ihr die offiziellen Dokumente in Händen habt, ist selbstredend. Wir werden sie Euch verschaffen.

5. In Portugal ist alles vollkommen in Ordnung; Lafargue hat gestern einen Brief erhalten, worin ein längerer an mich in Aussicht gestellt wird.

6. Aus Dänemark noch immer keine Zeile. Ich vermute, die Schweitzerianer haben vermittelst ihrer Schleswiger Anhänger dort gestänkert. Für die Allianz ist dort aber nichts zu machen.

7. Frankreich. Serrailliers Bericht wirst Du empfangen haben. Im Süden ist stark verhaftet worden, 37 Mann, davon 27 wieder entlassen, einige der

Unsern sitzen noch. Übrigens ist in Toulouse eine Konferenz der Unsern grade während der Verhaftungen abgehalten worden.

8. Italien. Die Familien der 3 Verhafteten und 6 Durchgebrannten in Lodi sind in der größten Not, und Bignami bombardiert mich mit Briefen um Unterstützung, da die Sektion natürlich von den übrigen italienischen Sektionen (der Allianz) in die Acht erklärt worden. Wir haben etwas Geld geschickt und auch sonst uns dafür verwandt in Spanien und Deutschland. Nun ist dort nicht viel zu holen, die Leute haben selbst Ausgaben genug der Art. Aber in Amerika sollte etwas geschehn. Es ist von der höchsten Wichtigkeit, daß Lodi von außen unterstützt wird, es ist unser stärkster Posten in Italien und jetzt, wo von Turin nichts mehr zu hören, der einzig zuverlässige. Sobald diese Leute sehn, daß die Internationale etwas mehr als eine Phrase ist, so ist das ein arger Schlag für die Allianz, die alles Geld auf Drucksachen etc. verwendet und nie unterstützt. Lodi ist viel wichtiger und mit weniger Geld dort etwas zu machen als bei dem Genfer Bijoutier Strike, von dem Outine wieder, wie gewöhnlich, die Existenz der Internationalen dort abhängen läßt. Diese Genfer sind in der Beziehung wie die Belgier, sie tun nie etwas und verlangen immer alles. Was Ihr dort und wir hier für die Bijoutiers tun können, ist ein Tropfen im Eimer und nützt ihnen nichts – die Zeiten des großen Genfer Strikes sind vorbei und kommen nicht wieder; bis die innern Angelegenheiten der Internationalen geordnet sind, solange haben wir nicht die Mittel, irgendwelchen Strike durchzuführen. Dagegen kann mit der Hälfte oder weniger der Anstrengungen in Italien ein kolossaler Erfolg erzielt werden. Denke Dir die Wut der Allianzisten, wenn es plötzlich in der „Plebe“ heißt: Soscrizione per le famiglie etc. etc. Ricevuto dal Consiglio Generale dell' Internazionale, Nuovo Jork10 – Lire soundso, und der Generalrat den Italienern plötzlich in dieser Gestalt seine Existenz beweist! Tut also, was Ihr könnt. Die Leute sind wegen Eures Zirkulars eingesteckt, und Ihr seid's ihnen daher schuldig. Eine 30 bis 50 Dollars sollte man dort doch auftreiben können, aber wieviel oder wenig es auch ist, schickt etwas und bald, meinetwegen unter Zusage womöglich von ferneren Sendungen. Wenn uns Lodi und die „Plebe“ verlorengehn, haben wir keine pied-à-terre11 mehr in Italien, darauf könnt Ihr bauen.

9. Von den meisten internationalen resp. Allianzblättern etc. erhalten wir hier höchstens 1 Ex. und das mit Mühe. Wir wollen indes sehn, daß wir sie Euch regelmäßig verschaffen.

10. Eure Proklamationen sind durchaus to the point12; solange Ihr aber mit Leuten wie den Jurassiern und Belgiern französisch und mit Hales englisch korrespondiert, riskiert Ihr, daß diese Eure Sachen mit allen Sprachfehlern und Germanismen abdrucken lassen, was sicher nicht angenehm wäre. Ihr werdet doch wohl Leute von französischer oder englischer Muttersprache haben, die imstande sind, diese Sachen durchzusehn. Unsre Franzosen hier würden einen Skandal vom Teufel gemacht haben, wenn wir ihre Namen unter Marx' oder mein Französisch gesetzt hätten. Keiner von uns kann in einer fremden Sprache so fest sein, daß er ohne Revision eines Eingebornen für den Druck darin schreiben könnte. Apropos sagt Mesa, in Eurer Adresse an den spanischen Kongreß hättet Ihr gewissermaßen ihr Recht anerkannt, über die Haager Beschlüsse zu Gericht zu sitzen und Euch dadurch vergeben – da ich das Aktenstück nicht kenne (es kommt erst in die nächste „Emanc.“), weiß ich nicht, was dran ist.

11. Serraillier kennt auch den Arraing nicht, dem Ihr Vollmacht geschickt, ist er ein Empfohlner Walters, dann ist's faul. Walter ist Agent für die Blanquisten, klingelt in Toulouse, Bordeaux etc. Übrigens sind die Blanquisten mit ihrem Manifest jämmerlich ins Wasser gefallen, einer nach dem andern hier suchen sie sich wieder heranzuschlängeln, dazu hat Ranvier das ganze Ding desavouiert.

12. In Portugal existiert Koalitionsrecht, aber nicht Assoziationsrecht. Die Internationale ist also nicht offiziell dort konstituiert, da aber alles im besten Geleise, ist ein Bevollmächtigter vorläufig überflüssig und könnte nur Eifersucht und Streitigkeiten erregen. – Die Dänen laßt Ihr auch am besten gewähren bis wir heraushaben, was da wrong13 ist.

13. Dem Cuno geschieht's recht. Das praktische Leben in Amerika wird ihm schon Mores beibringen.

Beste Grüße von Marx und mir.

Dein
F. E.

Nach der letzten Spring-Street-Sitzung in der „World“ – diese Woche von Dir erhalten – ist es wohl unzweifelhaft, daß agents provocateurs darunter sind.