London, den 22. Januar 95
Mein lieber Lafargue,
Was Ihr doch für Glück habt, Ihr andern! Ihr stürzt einen Minister1; dann folgt ihm das ganze Kabinett, und durch den Contrecoup wird der Präsident der Republik2 in den allgemeinen Sturz hineingezogen. Drei Kabinette und einen Präsidenten erledigt – das will schon etwas heißen. Die sozialistische Gruppe scheint die Rolle des seligen Clemenceau übernommen zu haben – und wird sie hoffentlich besser spielen. Jetzt steht fest, daß kein Kabinett existieren kann, ohne wenigstens den Beistand der äußersten Linken zu haben. Das müßte zu einer Auflösung führen, zu der auch der zunehmende Gestank der Korruption der Opportunisten treibt. Dann werdet Ihr zahlenmäßig und moralisch stärker wiederkommen; das könnte zur Bildung der „großen reaktionären Masse" Lassalles führen, einer Koalition aller bürgerlichen Parteien gegen den Sozialismus, einer Masse, die sich stets im Augenblick der Gefahr bildet, um sich dann wieder in die verschiedenen, einander entgegengesetzten Interessengruppen aufzulösen: Großgrundbesitz, Großindustrie, Hochfinanz, kleine und mittlere Bourgeoisie, Bauern usw. Aber jedesmal, wenn sie sich von neuem bildet, gewinnt sie an Festigkeit bis zu dem Tage der Krisis, an dem wir dann eine kompakte Masse uns gegenüber haben werden. Dieser kontinuierliche Prozeß von Konzentration und Auflösung geht bei uns in Deutschland vor sich, seitdem unsere Partei mehr als 20 Abgeordnete im Reichstag3 hat; aber bei Euch wird das rascher vorangehen, weil die entscheidende Macht in Eurer Deputiertenkammer liegt. Hr. Faure kann tun, was er will, er wird diesen Prozeß der Gruppierung in zwei einander entgegengesetzte Lager ebensowenig aufhalten können wie die Verwirrung, die unweigerlich aus diesem Spiel der entgegengesetzten Kräfte, Attraktion und Repulsion, inmitten der bürgerlichen Parteien entsteht. Das ist genau das Milieu, das wir brauchen und das überall die Anwesenheit einer, wenn auch nicht sehr einflußreichen, sozialistischen Gruppe im Parlament schafft. Ihr werdet jetzt mit Windeseile vorankommen, denn die Fortschritte der Partei werden zunächst die internen und traditionellen Streitigkeiten abschwächen und dann verschwinden lassen.
Daß 30 Radikale dazugekommen sind4, hat Euch Glück gebracht, ohne sie hätte die Gruppe keinen Zusammenhalt. Ohne Millerand hättet Ihr aus den politischen Situationen nicht den Nutzen zu ziehen gewußt, den Ihr gehabt habt. Und Jaurès scheint tatsächlich voll guten Willens zu sein – wenn er sich ein wenig langsam entwickelt, so ist das vielleicht zum Vorteil für ihn und für uns. Aber was die ökonomischen Fragen betrifft, so muß er sie noch gründlich studieren. Seine Pläne für sofortige Reformen in dem Artikel der „Petite République" sind nicht mehr so extravagant wie sein Plan mit dem Getreidemonopols5, aber sie verlangen von den Bourgeois Opfer, die mit der Entwicklung der kapitalistischen Industrie unvereinbar sind, die in ihren Augen der sofortigen Enteignung gleichkämen; während er andererseits eine Amelioration des Bodens auf Kosten der Nation vorschlägt, des Bodens, der Privateigentum bliebe, und dies unter Bedingungen, die den Kleinbauern verewigen und ein neues Panama für die Großgrundbesitzer schaffen würden, die sich über die ihnen durch den Plan auferlegte „Verpflichtung" usw. lustig machen würden. Das bedeutet völlige Abstraktion von dem Milieu, in dem man lebt und in dem diese Reformen durchgeführt werden sollten. Solange die Atmosphäre nicht durch die Deportation aller parlamentarischen und Finanz-Schurken gereinigt ist, würde diese Amelioration des persönlichen Grundbesitzes auf Kosten aller mit einem kolossalen Diebstahl enden; und wenn wir uns von diesen Herren befreit haben werden, werden wir die Kraft haben, etwas Besseres als das zu machen.
Außerdem wird die Präsidentenkrise einen ausgezeichneten Effekt auf die europäische Politik haben. Die französisch-russische Allianz wird immer kraftloser, je mehr die Hoffnung der Russen, aus den Präsidentenkrisen die Monarchie wiedererstehen zu sehen, dahinschwindet. Andererseits existiert der Dreibund nur auf dem Papier; das bankrotte Italien bricht aus, Österreich hält nur aus Furcht vor einem Krieg mit Rußland daran fest, dessen Kosten es bezahlen müßte; diese Gefahr verschwindet in dem Maße, wie Rußland die Aussicht verliert, über die französische Armee zu verfügen, wann es ihm beliebt; der kleine Wilhelm6 hat sich bei seinen Freunden unbeliebter gemacht als bei seinen Feinden. Bei der totalen Umwälzung in der Rüstung seit 1870 und infolgedessen auch der Taktik ist der Ausgang eines Krieges, bei dem so viele unbekannte Faktoren auftreten werden und alle vorher aufgestellten Berechnungen auf imaginären Größen beruhen, absolut ungewiß. Durch all diese Umstände scheint uns der Frieden gesichert, und selbst die exaltiertesten bürgerlichen Chauvinisten à la Déroulède können ruhig bleiben: die Preußen selbst geben sich alle Mühe, im Elsaß den französischen Patriotismus wachzuhalten und zu schüren.
Inliegend Scheck über zwanzig Pfund; wenn Ihnen dies bis Anfang April genügen könnte, wäre es mir angenehm; zu dem Zeitpunkt werde ich Eingänge haben, die mir größere Bewegungsfreiheit geben. Aber wenn notwendig, könnte ich Ihnen vielleicht noch etwa zehn Pfund im März schicken – wir werden sehen.
Grüße von den Freybergers. Umarmen Sie Laura herzlich für mich.
Freundschaftlichst Ihr
F. E.
Ich schicke Ihnen den Bericht über den Trades Union Congress in Norwich.
Aus dem Französischen.