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Engels an Friedrich Adolph Sorge
in Hoboken

London, 30.Dez. 93
122, Regent’s Park Road, N.W.

Lieber Sorge,

Postkarten vom 29.Nov. und 17.Dez. dankend erhalten. Vor allem Dir und Deiner Frau herzliches Prosit Neujahr von L.K[autsky] und mir.

Du wirst nicht ohne einige Verwunderung gesehn haben, daß sich in der französischen Kammer eine sozialistische Fraktion von 54–60 Mann (sie scheinen selbst nicht genau zu wissen wieviel) aufgetan hat. Unmittelbar nach den Wahlen waren’s, gut gezählt, 24, davon 12 aufs marxistische Programm gewählt, von diesen aber meldeten sich nur 6 zum Pariser Parteikongreß, und nur 4 haben bis jetzt ihren Diätenanteil laut Kongreßbeschluß in die Parteikasse zu zahlen eingewilligt (was auch noch nicht mit dem wirklichen Einzahlen identisch ist – in Frankreich, les cotisations ne rentrent pas1 hieß es schon 1870!). Nun sind’s auf einmal an die 60, dank dem Anschluß der radicaux socialistes2 der Gruppe Millerand-Jaurès, die sich entschlossen haben, die Vergesellschaftung der Produktionsmittel als – für einige näheres, für andre jedenfalls sehr entferntes – Ziel in ihr Programm aufzunehmen. Konzentration3 ist jetzt in Frankreich die Losung, hieß es früher concentration républicaine (d.h. Unterordnung aller Republikaner unter den rechten Flügel, die Opportunisten) so heißt es jetzt concentration socialiste4, und ich will sehr froh sein, wenn dies nicht heißt Unterordnung aller Sozialisten unter die Millerandisten, deren praktisches Programm sicher mehr radikal als sozialistisch ist.

Die erste Folge dieser Allianz ist die, daß unsre Leute die Chance so gut wie verloren haben, ein eignes Tagblatt zu bekommen. Millerands „Petite Républi[que] française“ hat diesen Platz bereits eingenommen, da wird’s schwer sein, ein Konkurrenzorgan zu schaffen, – die Finanzen sind schwerer zu beschaffen und die andern würden schimpfen: das hieße die Partei spalten! Um so mehr als die „Petite R[épublique] fr[ançaise]“ schlau genug ist, jeder sozialistischen Fraktion ihre Spalten zu öffnen.

Die zweite ist, daß in den Fraktionssitzungen die Millerandisten über die absolute Majorität (ca. 30 oder mehr gegen höchstens 24, Marxisten (12), Allemanisten (3–5), Broussisten (2) und Blanquisten (4–6)) verfügen.

Trotz alledem krähen die Herren Franzosen wieder siegestrunken in die Welt hinaus und möchten wieder an die Spitze der Bewegung treten. Sie haben einen Antrag auf Verwandlung der stehenden Armee in ein Milizheer eingebracht (Vaillant), und Guesde will einen einbringen auf einen europäischen Entwaffnungskongreß5. Der Plan ist, die Deutschen und Italiener sollen einen ähnlichen in ihren Parlamenten einbringen, wo sie dann natürlich als Nachtreter der „führenden“ Franzosen erscheinen würden. Was die paar – noch dazu höchst confusen – Italiener tun, ist Wurst, ob aber unsre Deutschen sich so ohne weitres ins französische Schlepptau begeben, ist mir zweifelhaft. Wenn man seine Machtstellung durch 25jährigen harten Kampf erobert, und 2 Millionen Wähler hinter sich hat, so hat man das Recht, sich das scratch lot6 erst näher anzusehn, das so plötzlich kommandieren will. Um so mehr, als die Herren Franzosen selbst äußerst kitzlig sind, sobald ihnen gegenüber die geringste Etikettenverletzung geschieht.

Nun, warten wir’s ab. Es ist immer möglich in dem unberechenbaren Frankreich, daß aus diesem plötzlichen Momentserfolg sich ein dauernder Fortschritt entwickelt. Aber abwarten wollen wir’s doch lieber.

Dann habe ich Dir mitzuteilen – aber strikte unter uns –, daß das erste Drittel des Ms. des III.Bandes7 gestern in starke Wachsleinwand verpackt wurde (wie s. Z. das berühmte Kölner falsche Protokollbuch) und in den nächsten Tagen zum Druck befördert wird. Die beiden letzten Drittel brauchen noch die – meist technische – Schlußredaktion. Wenn alles gut geht, kommt das Buch im Sept. heraus.

Nun noch etwas. Prof. Labriola8 in Rom, mit dem ich seit einigen Jahren in Korrespondenz stehe und den ich in Zürich traf, liest an der dortigen Universität einen Kursus über die Entstehungsgeschichte der Marxschen Theorie. Er ist strikter Marxist. Er hat sich zu diesem Behuf die sämtliche nötige Literatur angeschafft, aber die „Heilige Familie“ nie zu Gesicht bekommen können, obwohl er es im „Buchhändlerblatt“9 von Leipzig und sonst annonciert hat, daß er „jeden Preis“ dafür zahle. Ein Ex. war ihm aus der Schweiz in Aussicht gestellt, zur Benutzung, aber der Eigentümer10 ist plötzlich verschwunden und soll in Ungarn herumreisen. Nun dringt er in mich, ich soll ihm um alles in der Welt ein Ex. auf 3–4 Wochen verschaffen. Ich habe aber selbst nur eines, und wenn das verlorengeht, so bin ich absolut außerstande, die spätere Neuauflage in den beabsichtigten „Gesammelten Werken“ zu veranstalten. Dies eine Ex. darf ich also um keinen Preis aus der Hand geben. Nun habe ich Dir vor einigen Jahren mein Reserveexemplar geschickt. Wärst Du so gut, es mir für diesen Zweck auf 5–6 Wochen zu pumpen? Du könntest es mir schicken als bookpacket per Post registered11, oder, wenn Du vorziehst, durch eine Express agency12 versichert für einen beliebigen Betrag, und ich würde es Dir zurückschicken auf dem von Dir mir vorzuschreibendem Weg. Ich würde es nach Rom schicken, wenn es irgend angeht, durch eine Agentur, hoch versichert (sage £ 10), wenn das nicht geht, per Post registered. Die Gebrauchszeit für L[abriola] dürfte auf höchstens 4 Wochen festzusetzen sein. Daß der Mann den beabsichtigten Kursus nicht ohne Kenntnis dieses Buchs machen kann und noch weniger die für später beabsichtigte Veröffentlichung der Vorlesungen, brauche ich Dir nicht zu sagen. In der ganzen deutschen Partei sind keine 6 Ex. vorhanden, und wer sie hat, ist mir unbekannt. Also bitte, überleg Dir die Sache.

Mein „Feuerbach“ wird von Laura Laf[argue] ins Französische übersetzt, erscheint demnächst in Paris.

Herzliche Grüße Deiner Frau und Dir von L.K[autsky] und
Deinem
F. E.

Hoffentlich geht’s besser mit der Gesundheit! L.K[autsky] läßt Dir sagen, daß das von Dir nach Wien geschickte Blatt13 regelmäßig ankommt. Dank für die Glückwunschkarte!