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Engels an Paul Lafargue
in Le Perreux

London, den 6. März 94
122, Regent’s Park Road, N.W.

Mein lieber Lafargue1,

Ich habe soeben die Reden von Jaurès und Guesde über die Getreidezölle gelesen. Die von J[aurès] ist tatsächlich erstaunlich, und es scheint mir unglücklich, daß man ihm erlaubt hat, seinen Änderungsantrag im Namen der Partei einzubringen. Ich will nicht von seinem Vorschlag sprechen, von Staats wegen den Getreidepreis auf einem Minimum von 25 fr. zu halten, was reinster Protektionismus ist, und überdies zum alleinigen Nutzen der großen Grundbesitzer, da die kleinen kein Getreide zu verkaufen haben, denn ihre Erträge reichen kaum für den eigenen Verbrauch; Guesde hat das auch richtig gesagt, aber nach Léon Say, während wir das als erste hätten laut verkünden müssen, statt uns dem Schritt von Herrn Say anzuschließen. Und daran hat uns die Tirade Jaurès’ gehindert.

Aber nehmen wir nur den Vorschlag, den Staat mit der Getreideeinfuhr zu betrauen. J[aurès] will die Spekulation verhindern. Aber was macht er? Er beauftragt die Regierung mit dem Ankauf ausländischen Getreides. Die Regierung ist das Exekutivkomitee der Majorität der Kammer, und die Majorität der Kammer ist die denkbar exakteste Vertretung eben dieser Spekulanten in Getreide, in Aktien, in öffentlichen Mitteln usw. usw. Es ist genau wie in der vorigen Kammer, wo man die Panamisten mit der Untersuchung der Panama-Affäre beauftragte! Und diese Panamisten, die im letzten August wiedergewählt worden sind, wollt Ihr mit der Unterdrückung der Spekulation betrauen! Es genügt Euch nicht, daß sie Frankreich mit Hilfe des Jahresbudgets und der Börse bestehen, wo sie zumindest mit ihren eigenen Kapitalien und ihrem eigenen Kredit operieren –, Ihr wollt ihnen mehrere Milliarden und den Nationalkredit zur Verfügung stellen, damit sie Euch mit Hilfe des Staatssozialismus die Taschen noch mehr ausräumen!

Und Jaurès bildet sich ein, einen völlig neuen und unerhörten Vorschlag gemacht zu haben. Aber die kleinbürgerlichen Sozialisten des Kantons Zürich sind ihm zuvorgekommen; seit Jahren fordern sie das staatliche Monopol für den Getreidehandel; ihr Staat ist jedenfalls viel demokratischer als die französische Republik, er kann sich sogar einen kleinbürgerlich-sozialistischen Polizeichef erlauben (Herrn Vogelsanger), und er kennt keine allmächtigen Präfekten; und im übrigen ist er so klein, daß er sich wohl Extravaganzen erlauben kann, die dort nicht ins Gewicht fallen, während eine große Nation sich solche Kindereien nicht ungestraft leisten könnte.

Die Rede Guesdes hat natürlich daran gelitten, daß er, wenigstens pro forma, einige der Anwandlungen von Jaurès unterstützen mußte. Glücklicherweise haben ihn seine Zuhörer auf das Terrain allgemeiner Prinzipien geführt – das hat uns gerettet; er konnte sich damit begnügen, Jaurès’ Vorschlag nur oberflächlich zu streifen. Was mich betrifft, ich hätte es lieber gesehen, wenn Guesde sein feierliches Debüt unabhängig von Jaurès und als Wortführer unserer Gruppe gegeben hätte. Aber schließlich hat er getan, was er konnte.

Alles das ist die Folge der Allianz mit den Ex-Radikalen, die man uns aufzwingt.2 Zunächst: Warum hat Jaurès den radikalen Wählern Versprechungen gemacht, von denen er wußte, daß er sie nicht halten kann? Eine Gewohnheit der Radikalen, aber keineswegs der Sozialisten, und wir werden gut daran tun, sie nicht zu begünstigen. Dann mißbraucht dieser Herr Jaurès, dieser doktrinäre, aber – besonders in der politischen Ökonomie – unwissende Professor, dieses im höchsten Grade oberflächliche Talent, seine Redseligkeit, um sich auf den ersten Platz zu drängen und sich als Wortführer des Sozialismus aufzuspielen, den er nicht einmal versteht. Sonst hätte er nicht gewagt, einen Staatssozialismus in den Vordergrund zu stellen, der eine der Kinderkrankheiten des proletarischen Sozialismus darstellt, eine Krankheit, die man z.B. in Deutschland vor mehr als einem Dutzend Jahren unter der Herrschaft des Ausnahmegesetzes durchgemacht hat, wo das die einzige Form war, die von der Regierung geduldet wurde (und die sie sogar begünstigte). Und doch war es nur eine verschwindende Minderheit der Partei, die für eine kurze Zeit darauf hereinfiel; nach dem Kongreß von Wyden ist das alles verschwunden.

Aber wir haben in Frankreich die Republik! werden Euch die Ex-Radikalen sagen – bei uns ist das etwas anderes, wir können die Regierung für sozialistische Maßnahmen ausnutzen! – Die Republik unterscheidet sich von der Monarchie dem Proletariat gegenüber nur dadurch, daß sie die fertige politische Form für die künftige Herrschaft des Proletariats ist. Ihr habt uns gegenüber den Vorteil, daß Ihr sie schon habt; wir anderen, wir müssen noch 24 Stunden verlieren, um sie zu schaffen. Aber die Republik wird wie jede andere Regierungsform durch ihren Inhalt bestimmt; solange sie die Herrschaftsform der Bourgeoisie ist, ist sie uns genau so feindlich wie irgendeine Monarchie (abgesehen von den Formen dieser Feindseligkeit). Es ist also eine völlig unbegründete Illusion, sie ihrem Wesen nach für eine sozialistische Form zu halten oder ihr, solange sie von der Bourgeoisie beherrscht ist, sozialistische Aufgaben anzuvertrauen. Wir können ihr Zugeständnisse entreißen, aber ihr niemals die Ausführung unserer eigenen Arbeit übertragen. Wenn wir sie noch durch eine Minderheit kontrollieren könnten, die stark genug wäre, sich von einem Tag zum andern in eine Majorität zu verwandeln!

Aber geschehen ist geschehen, und es gibt kein Mittel, es ungeschehen zu machen. Es werden sich andere Gelegenheiten bieten, wo die Unseren vorangehen und mit Hilfe von Gesetzentwürfen ihre eigenen Tendenzen verkünden können.

Die Hochzeit Louises hat Sie also überrascht? Das hat sich schon seit einigen Monaten vorbereitet. Freyberger hat Wien verlassen und eine glänzende Karriere an der Universität aufgegeben, weil man ihm verbot, in seinen Vorlesungen die Arbeiter über die sozialen Ursachen ihrer Krankheiten aufzuklären. Also ist er hierher gekommen und hat sehr gute Aussichten in den hiesigen Spitälern vorgefunden. Als dies geregelt war, gab es keinen Grund mehr, mit der Hochzeit zu zögern. Inzwischen erwartet er die Verwirklichung dieser Aussichten und ist hierher zu seiner Frau gezogen. Sie sehen, das ist eine ganz matriarchalische Ehe, der Mann ist der boarder3 seiner Frau!

Das erinnert mich an meine eigenen Studien über das Matriarchat und die Übersetzung, die Laura freundlicherweise davon machen wollte. Ich hoffe, daß sie die von mir vorgeschlagenen wenigen Änderungen billigt und Sie ihr gesagt haben, wie entzückt ich von ihrer Übersetzung dieses 3. und 4.Teils gewesen bin. Umarmen Sie sie by your proxy4.

Ganz der Ihre
F. E.

Aus dem Französischen.