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Engels an Victor Adler
in Wien

41, Regent's Park Road, N. W.
London, 22. Dez. 94

Lieber Victor,

Also endlich sind wir mit der Geldofferte1 so weit, daß geschäftlich verhandelt werden kann. Louise wird Dir Näheres darüber mitteilen.

Was hiesige Korrespondenten angeht, so bitte gib M. Beer eine so deutlich von allen anderen Korrespondenten zu unterscheidende Chiffre, daß keine Verwechslung möglich. Der Mann ist sehr grüner Junge in England mit galizisch-talmudistischer Brille. – E. B[ernstein] wird schwerlich viel liefern können, er hat schon für „Vorwärts“-Korrespondenzen oft wenig Zeit, arbeitet lieber für die „N[eue] Z[eit]“.

Lafargue fragt an, ob Ihr seine Mitarbeiterschaft brauchen könnt? Ich habe ihm gesagt, Ihr würdet in erster Linie an Frankel denken müssen, doch wisse ich nichts Näheres und würde schreiben.2 Er – Laf[argue] – schreibt lebhaft und interessant, aber, wie seine Galluskorrespondenzen im „Vorwärts“, nur französisch, auch seine Frau schreibt nicht deutsch und spricht es auch ziemlich selten und nicht so fließend wie Tussy. Ob Euch das passen kann, dort selbst zu übersetzen, weiß ich nicht. Natürlich würde L[afargue] auf Honorar reflektieren, da ihm seine Deputiertendiäten ausgegangen sind; auch darüber konnte ich ihm nichts sagen.

Die Sachen auf dem Kontinent verwickeln sich. Während bei Euch Wahlreform sicher – und Steine, die heut einmal ins Rollen kommen, bleiben nicht so bald wieder liegen – in Rußland der Anfang des Endes der zarischen Allgewalt, denn diesen letzten Thronwechsel übersteht die Selbstherrscherrei schwerlich; in Italien treibt's direkt der Revolution zu, die der Monarchie den Kopf kosten kann, und im Deutschen Reiche will Wilhelmchen3 mit Gewalt über den Halys gehn und ein großes Reich zerstören. Einen besseren Moment für Tagblattgründung kannst Du Dir nicht wünschen; Stoff genug, und zwar solchen, bei dem die anderen Parteien schief sehn und schief urteilen müssen, während unsere Partei die einzige ist, die ihn von vornherein richtig beurteilen wird.

Und nun, vergnügte Weihnachten Dir, Deiner Frau (die ich herzlich zu grüßen bitte) und Deinen Kindern!

Dein
F. E.

Nach: Victor Adler, „Aufsätze, Reden und Briefe“, Heft 1, Wien 1922.