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Engels an Victor Adler
in Wien

41, Regent’s Park Road, N.W.
London, 14. Dezember 1894

Lieber Victor,

Deine Briefe vom 12. und 26. habe ich richtig erhalten. Die Geschichte mit K.K.1[autsky] ist also erledigt. Für Deine Glückwünsche zu meinem Geburtsiebziger herzlichen Dank und die Versicherung, daß es mir in meinem Fünfundsechzigsten zum Bewußtsein gebracht und zu Gemüt geführt worden ist, wieso ich mir die von Dir gerügten Unvorsichtigkeiten nicht mehr erlauben darf. Im Gegenteil! Ich treibe Diät nach Noten, behandle meinen Verdauungskanal wie einen mürrischen bürokratischen Vorgesetzten, dem man immer nach der Pfeife tanzen muß, und lasse mich gegen Husten, Bronchialkatarrh und dergleichen einwickeln, einheizen und überhaupt in allen Richtungen mißhandeln, ganz wie es einem krankbrüchigen alten Mann geziemt. Genug davon.

Daß ich über Bebels entschiedenes Auftreten nach dem schlaffen Parteitag erfreut war, brauch’ ich Dir wohl nicht erst zu sagen. Ebenso darüber, daß Vollmar mich indirekt zwang, auch ein Wörtlein in der Sache mitzusprechen. Wir haben tatsächlich auf der ganzen Linie gesiegt. Erst das Abbrechen des Kampfs durch Vollmar nach Bebels vier Artikeln, das schon entschiedener Rückzug war; dann Abfuhr durch den Vorstand; dann Zurückweisung der Zumutung an die Fraktion, sie solle statt des Parteitags entscheiden. Also die Niederlagen hintereinander in dieser dritten unglücklichen Kampagne Vollmars. Das sollte doch selbst einem Ex-Zuaven des Papstes genügen. Dem Liebknecht habe ich in der Sache zwei Briefe geschrieben2, an denen er keine Freude erlebt hat. Der Mann wird immer hinderlicher. Er sagt, er habe noch die besten Nerven in der Partei, sie sind aber auch danach, auch seine vorgestrige Rede im Reichstag ist schlecht. Man scheint das auch in der Regierung zu merken und will ihm offenbar durch die Majestätsbeleidigung, die er a posteriori begangen haben soll, wieder etwas auf die Beine helfen.

Das Kapital.
Kritik der politischen Oekonomie.
Von
Karl Marx.
Dritter Band, erster Theil.
Buch III:
Der Gesammtprocess der kapitalistischen Produktion.
Kapitel I bis XXVIII.
Herausgegeben von Friedrich Engels.
Das Recht der Uebersetzung ist vorbehalten.
A son camarade de combat Plechanow
Londres 27/2 93 F. Engels
Hamburg
Verlag von Otto Meissner,
1894.

Titelblatt des dritten Bandes des „Kapitals”
mit Widmung von Engels an G.W.Plechanow

Diese Geschichte übrigens beweist, daß Wilhelm3 und v. Köller entweder total verrückt sind oder aber planmäßig auf den Staatsstreich hinarbeiten. Hohenlohe beweist sich durch seine Rede als ein vollständig versimpelter, schwachsinniger, willenloser alter Herr, reiner Strohmann des Herrn v. Köller. Dieser ist ganz der eingebildete, schneidige, bornierte Junker, der imstande ist, sich Wilhelmchen vorzustellen als der Mann, der dem „Umsturz“ ein Ende macht und die Intentionen S[einer] Majestät wegen Wiederherstellung der königlichen Machtvollkommenheit bis aufs Tüpfelchen über dem i durchführt. Und Wilhelm ist imstande zu antworten: Sie sind mein Mann! Wenn sich das so verhält – und jeden Tag gibt’s neue Andeutungen in dieser Richtung – dann vogue la galère!4 dann wird’s lustig.

Nun aber die Hauptsache. Du wunderst Dich, nichts von Louise zu hören. Aber dann sei doch vor allem so gut und antworte auf die allerdringendsten Briefe, die sie Dir geschrieben hat, nicht nur wegen der Einrichtung ihrer Korrespondenz von hier aus, ob da auch noch andere korrespondieren sollen und wer? – sondern speziell wegen des offerierten Geldes.

Schon vor Monaten, im September oder Anfang Oktober schrieb sie Dir: es habe sich ein Konsortium gebildet von Leuten, die außerhalb der Partei stehn, die aber Vertrauen in Dich haben und speziell glauben, daß Du der Mann seist, der täglichen „Arb[eiter]-Ztg.“ auf die Wege auch des finanziellen Erfolgs zu helfen, vorausgesetzt, daß Du die leitende Stellung erhältst. Sie sind also bereit, für die tägliche „Arbeiter-Zeitung“ eine ansehnliche Summe, wie es heißt, bis etwa 5000 fl. Dir zu überweisen, vorausgesetzt, daß

1. Du die leitende Stellung bei dem Blatt einnimmst,
2. die Sache als rein geschäftlicher Einschuß behandelt und regelmäßig Zinsen bezahlt werden,
3. alle Verhandlungen, Zahlungen etc. durch Dich in Wien und Louise hier vermittelt werden.

Dies sind, soweit ich mich erinnere, die Bedingungen der Offerte. Nun ist hierauf ebensowenig wie auf alle späteren Briefe Louisens irgendwelche Antwort von Dir eingetroffen. Vorige Woche schrieb sie nochmals und bat um umgehende Nachricht, die spätestens Dienstag, 11. ds., hier sein mußte. Vergebens. Nun sind nur zwei Dinge möglich: Entweder bist Du in Deiner Korrespondenz so von postalischen und anderen Intrigen umgarnt, daß es fast unmöglich ist, Dir einen Brief zuzustellen, oder Deine Abneigung gegen Briefbeantwortung geht so weit, daß Du lieber dies Geld verlierst, das Dir geboten wird, als daß Du an Louise schreibst.

Jedenfalls müssen wir wissen, woran wir sind. Die Leute drängen auf Bescheid, denn wenn Du auf das Geld verzichtest, legen sie es woanders an. Wir sind also genötigt, diesen Brief an Frau Anna P[ernerstorfer] zu schicken mit der Bitte, ihn Dir und nur Dir persönlich zu behändigen, und bitten jetzt, aber auch zum allerletztenmal, um gefälligen Bescheid, ob Du wegen des Geldes mit uns, respektive Louise in Verhandlungen treten willst oder nicht. Wenn ja, dann sage ihr, wie die Briefe an Dich zu befördern sind, wir antworten dann „eingeschrieben“.

Louise und das Kleine sind sehr wohl, das Kleine wächst, gedeiht und schreit, sie stillt es selbst und hat mehr als genug. Sie und Ludwig grüßen, ditto

Dein
F. E.

Nach: Victor Adler,
„Aufsätze, Reden und Briefe“,
Heft 1, Wien 1922.