London, 18./12./94
41, Regent's Park Road
Mein lieber Lafargue,
Ich sende Ihnen Lawrows Brief an Laura wieder zurück. Ich habe ihm sofort geantwortet, daß er die beiden Bücher bekommen wird, sobald ich selbst die Ex. erhalten werde.1 Meißner hat mich immer erst beliefert, nachdem er alle anderen versorgt hatte, und macht es auch jetzt noch so. Ich schicke Ihnen auch das Ex.2 für Deville.
Wie ich schon sagte: Das Programm selbst (von Nantes) hat nur einen Artikel, der nichts taugt: die Herabsetzung des gesetzlichen Zinsfußes, d. h. die Erneuerung der alten Wuchergesetze, deren absolute Nutzlosigkeit seit 2000 Jahren bewiesen ist.3 Ihr könnt den Zinsfuß, der von dem mit Hypotheken belasteten Bauern gezahlt wird, nur wirksam herabsetzen, indem Ihr alle Hypotheken auf Grundstücke in Staatsschulden umwandelt; dann seid Ihr frei, den Zinsfuß herabzusetzen – unter dem Vorbehalt, gegebenenfalls selber das Geld zu verlieren. Und auch der Artikel über die Jagd, so wie er redigiert ist, widerspricht er sich selbst.
Der junge Wilhelm4 ist nicht nur ein Narr, sondern treibt diesmal die Dinge zu einer Krise. Der neue Kanzler5 ist einfach ein Strohmann, die Seele des neuen Regimes ist Köller (der macht es immer döller6, sagte der „Kladderadatsch" vor Jahren von ihm). Man provoziert einen Konflikt mit dem Reichstag. Nach Abschluß der Session verfolgt man Liebk[necht] wegen Majestätsbeleidigung. Man drängt zur Auflösung, die in Berlin einen widerspenstigen Reichstag hervorrufen wird und dann – einen kleinen Staatsstreich. Wenn sich alles so abspielt, wie diese Herren es sich vorstellen, werden wir in Deutschland hübsche Dinge erleben können.
Auch in Italien liegt die Monarchie in den letzten Zügen. Der Thronfolger7 sitzt in der Banca Romana mit 300 000 francs fest und der König8 – durch verschiedene Mittelsmänner vertreten – mit noch weit größeren Summen. All das ist bekannt. Crispi ist zu Tode erschrocken von dem Theatercoup Giolittis – das ganze Parlament ist kompromittiert, ebenso alle hohen Staatsbeamten; und in dem naiven Italien ist man noch katholisch, d. h. in einem solchen Grade heidnisch, daß sich alles das in voller Öffentlichkeit abspielt und es keine Möglichkeit gibt, die Korruption zu verbergen, daß man sich im Gegenteil ihrer rühmt – bis zur Krisis.
Und dann Rußland – die Unbekannte, wo nur eins gewiß ist: daß das gegenwärtige Regime einen Zarenwechsel nicht überstehen würde und es auch dort zur Krisis kommen wird.
Was Sie über den Effekt der kleinen Szene im Reichstag sagen, gilt auch genauso für England. So viele Jahre Arbeit, so viele Wahlerfolge und wirkliche Erfolge zählen nicht; eine kleine melodramatische Szene – das schlägt ein, das verblüfft. Wie klein doch die Menschen sind!
Wegen Ihrer Korrespondenzen werde ich an Adler schreiben. Aber bei den wenigen Arbeitskräften, die sie dort haben, scheint es mir sehr wenig wahrscheinlich, daß ihnen eine laufende Korrespondenz zusagen wird, es sei denn, daß sie deutsch geschrieben und druckfertig wäre. Auch müßte man sich korrekterweise zuerst an Frankel wenden. Aber wir werden sehen.
Freundschaftlichst Ihr
F. E.
Laura wird meinen gestrigen Brief erhalten haben.
Aus dem Französischen.