41, Regent's Park Road, N.W.
London, 12.Nov. 94
Mein liebes Löhr,
Qui s'excuse, s'accuse1, damit hast Du Deinen Brief vom 24.Okt. begonnen, und Deine letzten Zeilen vom Samstag, die ich heute morgen erhielt, zeigten, wie wenig Zeit notwendig war, um vom „entschuldigen" zum „anklagen" zu gelangen. Du hättest dies allerdings erheblich stärker machen müssen, um mir meine gute Laune zu verderben; und vorläufig will ich Dir nur mitteilen, daß wir seit dem 9.Okt. in Nr.41 sind2, daß ich mit den Advokaten, Hausagenten, Kontraktoren usw. endlosen Verdruß hatte, ehe das Haus bewohnbar war, und zwar soviel, daß ich gestern erst den letzten Haufen Bücher vom Fußboden meines Arbeitszimmers in die Bücherschränke gestellt habe, wo sie darauf warten, sortiert zu werden; kaum war einigermaßen Ordnung gemacht, als Louise letzten Dienstag Mutter eines kleinen Mädchens wurde (beiden geht es gut); um das Maß voll zu machen, wird London von proscrits3 Russen, Italienern, Armeniern usw. usw. überflutet, die mich prompt mit ihren Besuchen beehren, und dabei muß ich noch gleichzeitig die sehr schlechten Korrekturabzüge der letzten 5 oder 6 Bogen „Kapital" (Korrektur und Durchsicht) überfliegen; das Ergebnis war, daß nicht nur meine Korrespondenz, sondern auch Dein französisches „Manifest" in der „Ère nouvelle" arg vernachlässigt wurde.
Heute morgen habe ich nun die Oktober- und September-Nrn. dieser Zeitschrift aus dem Durcheinander meiner Bücher herausgefischt und sie mit dem Original verglichen. Je vous en fais mes compliments4 – das ist sogar besser als der „Feuerbach"! Es ist die erste französische Übersetzung des alten „Manifests", die ich wirklich mit ungeteiltem Vergnügen gelesen habe. Leider ist die November-Nr., die den Schlußteil5 enthält, noch nicht eingegangen, also kann ich sie nicht durchsehen. Einige Bemerkungen dazu weiter unten, sie sind ganz unbedeutend.
Du kannst wirklich sagen: trois déménagements valent un incendie6 – allzuoft war ich geneigt, alle meine Bücher zu verbrennen und das Haus und alles andere, so viele Scherereien hatte ich. Aber jetzt hoffe ich, das Schlimmste hinter mir zu haben – das heißt, das einzige kleine Übel, das noch überstanden werden muß, ist ein überschwemmter Kohlenkeller und ein schwitzender Weinkeller! Aber auch das wird schließlich bezwungen werden.
Der Zar7 ist tot, vive le Czar8, und tatsächlich, der arme Bettler braucht die ganze Ermutigung, welche die französische Bourgeoisie und ihre Presse ihm durch ihre Jubelrufe verschaffen können. Er ist ein halber Idiot, schwach an Geist und Körper, und gerade das läßt auf die unentschlossene Herrschaft eines Mannes schließen, der in den Händen von Leuten, die sich mit gegenseitigen Intrigen ins Gehege kommen, zum bloßen Spielball wird, und das ist nötig, um das russische despotische System endlich zu vernichten. Finanzielle Schwierigkeiten werden dem nachhelfen. Mutter Crawford plauderte neulich aus, daß in Frankreich jetzt nicht weniger als acht Milliarden russischer Rentes9 untergebracht sind; das erklärt auch den Mißerfolg der letzten russischen Anleihe und läßt einen Erfolg der bevorstehenden in Frankreich als sehr fraglich erscheinen. Außer von Frankreich wird Nikolaus von niemand Bargeld erhalten. Als vor 6 oder 7 Jahren der Versuch gemacht wurde, in Berlin Geld aufzutreiben, erwiderten die Bankiers einmütig: mit der Bürgschaft einer Nationalversammlung jeden Betrag, ohne diese nicht einen Pfennig! Könnte dieser Ruf nicht jetzt, wenn sich die Gelegenheit bietet, in der „Petite République" ertönen? Könnte man denn nicht den französischen gogos10 sagen, daß in Rußland eine Verfassung kommen muß und es deshalb nicht ungefährlich ist, wenn sie ihr Geld einem sterbenden Absolutismus anvertrauen? Oder macht le patriotisme ein solches Vorgehen zu gefährlich?
Vielen Dank für Dein Anerbieten, mein „Urchristentum" zu übersetzen; aber glaubst Du wirklich, dieses theologische Thema – besonders II und III – sei anziehend genug für französische Leser? Ich habe sehr starke Bedenken. Kapitel I mag vielleicht gehen: les Internationaux sous l'empire des Césars11 oder so ähnlich – doch das überlasse ich ganz Dir.
Bebel bestätigt heute in einem Brief, daß Vollmar in Frankfurt gesagt hat, ich hätte das neue programme agricole de Nantes ausdrücklich gebilligt; aber das einzige, was ich darüber schrieb, war an Dich gerichtet12 und zwar, daß ich befürchte, die Franzosen würden unter den gegenwärtigen Bedingungen, mit ihrem Appell zur Unterstützung der petits propriétaires13 und sogar les fermiers qui sont obligés d'exploiter des ouvriers14, allzuweit gehen. Also ist Vollmars Behauptung seine eigene Erfindung. Leider wird sie mich zu einer öffentlichen Erwiderung15 zwingen, und um neue Mißverständnisse zu vermeiden, werde ich ausführlicher über die Bauernfrage sprechen müssen16 und kann dann an den Debatten von Nantes nicht vorübergehen. Ich werde es an die „Neue Zeit" schicken, vielleicht wirst Du das interessanter finden als das Christentum.
So wird man immer unterbrochen! Diese verdammte Bauernfrage wird mich wieder eine Woche kosten. Dabei habe ich alle Hände voll zu tun mit dringend benötigter Arbeit, die ich zu erledigen habe, noch bevor ich mit dem beginne, was ich eigentlich tun müßte: eine Schilderung von Mohrs Wirken in der Internationale. Das bringt mich auf etwas anderes: in dem Berliner (anarchistischen) „Sozialist" wurde aus der „Société Nouvelle" ein sehr langer Brief Bakunins abgedruckt, in dem er seine Version der Haager Affäre usw. bringt. Kann man die Zeitschrift in Paris bekommen? Oder erscheint sie in Brüssel? Den deutschen Text habe ich nur in Bruchstücken bekommen, vielleicht hat die Polizei etwas beschlagnahmt.
Paul schreibt, er möchte mir seine „Évol[ution] de la propriété" widmen. Sehr verbunden. Im allgemeinen wäre es mir lieber, wenn man mir nichts widmen würde, aber ich überlasse das ihm.
Niemand ist vor seinem Ende glücklich zu preisen, sagte Solon. Er muß den Fall meiner présidence d'honneur über die présidence effective17 Regnards vorausgesehen haben! Wer hätte das jemals gedacht: ausgerechnet Regnard!
Stets Dein
F. E.
Seite 4 –Alinea 2, Verkehrsmittel ist mit moyens de communication wiedergegeben. Verkehr gebrauchten wir im „Manifest" allgemein im Sinne von Handelsverkehr18, und später ist es immer korrekt mit échange übersetzt. An dieser Stelle würde échange besser sein, obgleich es nicht wichtig ist.
Seite 7, Alinea 1: La Bourgeoisie, das e ist im Text ausgelassen.
Seite 10, Alinea 2: der Hausbesitzer, der Krämer19 ist wiedergegeben: le petit propriétaire; wäre es nicht besser, mehr an den Text angelehnt zu sagen: le propriétaire, le boutiquier, le prêteur sur gages?
Seite 12, Zeile 5: Druckfehler: garantie locale statt: légale.
Seite 15, Zeile 3: Courgeoisie statt Bourgeoisie.
Du siehst, ich muß zu gewöhnlichen Druckfehlern Zuflucht nehmen, um Fehler zu finden! Bei dem Text in der Oktober-Nr. kann ich nicht einmal das.
Aus dem Englischen.