London, 28. Juli 1894
122, Regent’s Park Road, N.W.
Mein liebes Löhr,
Heute morgen erhielt ich einen Brief von Paul, aber so dankbar ich ihm dafür auch bin, Deiner kam früher und hat Anspruch darauf, zuerst beachtet zu werden; wirklich, ich habe die ganze Woche versucht, Zeit zum Schreiben zu finden, und immer bin ich gestört worden durch die verschiedensten endlosen Unterbrechungen. Tatsache ist, daß ich nicht sicher bin, ob ich noch länger in 122 bleiben werde; ich hätte diese Sache vergangenes Jahr regeln sollen, aber ich vergnügte mich auf dem Kontinent, und jetzt stehe ich vor dem Dilemma: entweder das ganze Haus gründlich überholen zu lassen oder mich nach einem anderen umzusehen. Beides habe ich erwogen und werde vielleicht in einigen Wochen wissen, wo ich bin, oder wenigstens, wo ich in Zukunft sein werde.1
Du fragst nach Pumps. Ich habe seit Monaten kaum von ihnen gehört. Percy hat die Agentur für seine Brüder auf der Isle of Wight verloren oder aufgegeben; er hat eine Menge Geld (nicht sein eigenes) ausgegeben, und hat mich überredet, die Bürgschaft für ein Darlehn zu übernehmen, das ihm ermöglichen soll, sich nach anderen Vertretungen in derselben Branche umzusehen, wo es sich dann, wie er sagte, bezahlt machen würde. Plötzlich teilt er mir im Juni mit, daß er wegen irgendeiner Abmachung mit seiner Familie seine Möbel verkaufen und nach London zurückkehren wolle; auf meine Vorhaltungen wird mir mitgeteilt, daß es jetzt zu spät sei und der Plan ausgeführt werden müsse. Dann hörte ich, daß sie an einer Schule in Kent sind, an der ihr kleiner Junge ist; und schließlich kreuzten alle vergangenen Montag hier auf. Soviel ich erfahren konnte, ist die Abmachung mit der Familie purer Unsinn, zumindest bleibt er in der gleichen hilflosen Lage wie vorher. Nach allem, was ich für sie getan habe, werde ich einem solchen Verhalten nicht ruhig zusehn und habe sie nicht sehr freundlich aufgenommen. Was Percy tun und wie das enden wird, weiß ich beim besten Willen nicht. Die Kinder gehn zur Schule, Lily in Herne Bay, sie soll sich gut machen; der Junge ist in der Nähe von Sittingbourne, sehr zart und war wieder kränklich, als Pumps vergangene Woche dort war. Die Kleinste ist bei ihnen.
Dank für den Artikel von Jaurès in der „R[evue] soc[ialiste]", er scheint, soweit ich beurteilen kann, sehr flach zu sein, aber es sieht so aus, als ob er doch ein bißchen gelernt hat, deshalb wollen wir nicht alle Hoffnung aufgeben. Die „Petite R[épublique]" liest sich wirklich schrecklich – sowohl die weitschweifigen Kommentare als auch die soi-disant2 Tatsachenberichte, und Du wirst Dich daher nicht wundern, daß ich kein Verlangen mehr nach ihr habe, wenn sie nicht wirkliche Neuigkeiten bringt, wirkliche Berichte oder Artikel von Jaurès (dessen Entwicklung ich gern verfolgen möchte) und Millerand. Les élucubrations de MM. Rouanet, Fournière, Viviani etc. ne me laissent que trop froid.3
Ich bin der „Ère nouvelle" wirklich sehr dankbar, daß sie Dir die Möglichkeit gibt, jene Stellen in dem vom „Socialiste" veröffentlichten französischen „Manifeste" wiederherzustellen, wo die Pariser Textbearbeiter dans l’intérêt et de la langue française et des auteurs du „Manifeste"4, einige Begriffe reichlich eng gefaßt hatten. Natürlich werde ich mich sehr freuen, wenn es Dir gelingt, es so oft wie möglich drucken zu lassen.
Meinen Glückwunsch an Paul zur Gewinnung Delagraves. Möge das zu weiteren Erfolgen führen!
Wohin ich diesen Sommer fahre? Leider ist jede Hoffnung, nach Le Perreux zu gehen, durch das wundervolle neue Gesetz zerschlagen! Und das Schlimmste daran ist, daß diesmal die alte Redensart der englischen Rechtsanwälte auf Frankreich anwendbar ist: das Gesetz ist da, doch was die Gerichte daraus machen werden, wissen wir nicht. Mein Eindruck ist, daß die Regierung nicht viel Zeit verlieren wird, bevor sie einen Präzedenzfall schafft, bei dem dieses Gesetz auf den Sozialismus angewandt wird, und der Sozialismus als Anarchismus abgestempelt wird. Der Cour de cassation5 ist durchaus dazu fähig. Das deutsche Sozialistengesetz hat mich dreizehn Jahre lang von Deutschland ferngehalten; hoffen wir, daß dieses neue Gesetz nicht so lange bestehen wird, um mich daran zu hindern, noch einmal in meinem Leben nach Frankreich zu kommen.
Paul ist nicht so sehr begeistert über die Situation in Frankreich wie ce cher Bonnier6, der die ganze Debatte – Verlauf und Ergebnis – uneingeschränkt als Triumph des französischen Sozialismus betrachtet – aber seine ganze Art, die Dinge zu sehen, scheint mir ziemlich couleur de rose7. Für den Hauptgewinn halte ich jedoch den unwiderlegbaren Beweis, daß unsere Partei die einzige wirkliche und ernsthafte Oppositionspartei in Frankreich wie in Deutschland ist; und daß die angebliche Opposition der französischen Radikalen nicht ernster zu nehmen ist als die der deutschen Richter & Co. Daraus muß, wie Paul sagt, eine wirkliche Einigung aller sozialistischen Elemente erwachsen, und die jetzt einsetzenden Verfolgungen werden diesen Prozeß beschleunigen; und wenn diese Einigung unter den Auspizien von Jaurès, Millerand & Co. und ihrer Gruppe8 zu einem Absinken des Niveaus beim öffentlichen Auftreten der Partei führt, zu un abaissement de niveau intellectuel et politique9, so kommt das von dem früheren Schwelgen in revolutionärer Phraseologie, wie Paul auch ganz klar erkennt, und ist nichts anderes als die notwendige Folge davon.
Herzliche Grüße von Louise. Freyberger, der freundliche Grüße sendet, ist nach einem Examen soeben als Mitglied des Royal College of Physicians zugelassen worden. Salut à Paul.
Immer Dein
F. E.
Aus dem Englischen.