London, 41, Regent's Park Road, N.W.
10.Nov. 94
Lieber Sorge,
Aus obiger Adresse siehst Du, daß ich ausgezogen bin. Nach Louises Heirat wurde uns die alte Wohnung doch etwas eng, und da die Folgen des Heiratens sich bald einstellten, ging's nicht mehr. Wir haben also ein sich darbietendes größeres Haus etwas weiter abwärts, dicht am Tor zu Regent's Park genommen und sind nach vielem Trubel vor 4 Wochen eingezogen – Trubel mit Hausagenten, Advokaten, Kontraktoren, Möbelhändlern etc. und noch nicht fertig, meine Bücher noch sehr ungeordnet. Wir haben unten die gemeinsamen Wohnräume, im 1. Stock mein Arbeits- und Schlafzimmer, 2. Stock Louise, ihr Mann und das am 6. ds. Dienstag angekommne kleine Mädchen mit Kindermädel, 3. Stock die beiden Hausmädchen, Rumpelkammer und Fremdenzimmer. Mein Arbeitszimmer vorn heraus, 3 Fenster, so groß, daß ich fast alle Bücher (8 Kästen) darin unterbringen kann, und trotz der Größe sehr gut und leicht heizbar. Kurz, wir haben uns sehr verbessert. Louise und ihr Kleines sind den Umständen nach sehr wohl, es ist alles recht gut verlaufen.
Heute erhältst Du 2 dicke Pakete: 3 „Sozialdemokraten“ (Berliner), 3 Pester „Volksstimmen“, den Rest der Parteitagsverhandlungen im „Vorwärts“ und eine „Critica Sociale“ mit einem Brief von mir1. Der Umzug hatte etwas Unregelmäßigkeit in die Sendungen gebracht. Die Workman's Times ist eingegangen. Sehr schade. Tussys Artikel darin waren die einzigen, worin den englischen Arbeitern die Wahrheit über die kontinentale Bewegung nicht verschwiegen oder verfälscht wurde.
Die hiesige Bewegung ähnelt immer noch der amerikanischen, nur daß sie Euch etwas voraus ist. Der Masseninstinkt, daß die Arbeiter eine eigene Partei bilden müssen gegen beide offizielle Parteien, wird immer stärker, hat sich bei den Munizipalwahlen am 1.Nov. wieder mehr gezeigt als je.
Aber die alten traditionellen Erinnerungen verschiedner Art und der Mangel an Leuten, die diesen Instinkt in bewußte Aktion umzusetzen und über das ganze Land zusammenzufassen imstande wären, befördern das Verharren in diesem Vorstadium der Unbestimmtheit des Gedankens und der lokalen Isoliertheit der Aktion. Das angelsächsische Sektentum herrscht auch in der Arbeiterbewegung. Die Social Democratic Federation, ganz wie Eure deutsche Sozialistische Arbeiter-Partei, hat es fertiggebracht, unsre Theorie in die starre Dogma einer rechtgläubigen Sekte zu verwandeln, ist engherzig abschließend und hat dabei, dank Hyndman, in der internationalen Politik eine durchaus faule Tradition, die zwar von Zeit zu Zeit erschüttert wird, mit der aber noch immer nicht gebrochen ist. Die Independent Labour Party ist in ihrer Taktik äußerst unbestimmt, und ihr Führer Keir Hardie ist ein überschslauer Schotte, dessen demagogischen Kunststücken man nicht über den Weg trauen kann. Er hat – obwohl ein armer Teufel von schottischem Kohlengräber – ein großes Wochenblatt gestiftet: „The Labour Leader“, das nicht ohne viel Geld einzurichten war, und dies Geld kommt ihm von toryistischer oder doch liberal-unionistischer, d.h. antigladstonischer und antihomerulischer Seite, daran kann kein Zweifel sein, und sowohl seine notorischen literarischen Verbindungen in London wie direkte Nachrichten, und seine politische Haltung, bestätigen dies. Infolgedessen kann er – durch Abfall der irischen und radikalen Wähler – sehr leicht seinen Sitz im Parlament bei der allgemeinen Wahl 1895 verlieren, und das wäre ein Glück, der Mann ist augenblicklich das größte Hindernis. Im Parlament erscheint er nur bei demagogischen Gelegenheiten: um mit Redensarten über die unemployed2 sich wichtig zu machen, ohne daß er etwas fertigbringt, oder um bei Geburt eines Prinzen der Königin3 Sottisen zu sagen, was hierzulande unendlich verschlissen und wohlfeil etc. Sonst sind namentlich in der Provinz sowohl in der Social Democratic Federation wie in der Independent Labour Party sehr gute Elemente, aber zerstreut; obwohl sie wenigstens das durchgesetzt haben, daß alle Versuche der Führer, die beiden Organisationen gegeneinander zu verhetzen, immer wieder mißlingen. John Burns steht politisch ziemlich allein, er wird sowohl von Hyndman wie von K.Hardie wütend angegriffen und tut, als ob er an der politischen Organisation der Arbeiter verzweifle und nur noch auf die Trades Unions hoffe. Er hat allerdings mit jenen schlechte Erfahrungen gemacht und könnte verhungern, wenn ihm nicht die Engineers Union sein Parlamentsgehalt zahlte. Er ist eitel und hat sich von den Liberalen, d.h. vom „sozialen Flügel“ der Radikalen, etwas stark einseifen lassen und legt entschieden zuviel Gewicht auf die vielen Einzelkonzessionen, die er durchgesetzt hat, aber er ist bei alledem der einzige wirklich ehrliche Kerl in der ganzen Bewegung, d.h. unter den Führern, und hat einen durch und durch proletarischen Instinkt, der ihn, wie ich glaube, im entscheidenden Moment richtiger leiten wird, als die Schlauheit und interessierte Berechnung dies bei den andern tun wird.
Auf dem Kontinent wächst mit den Erfolgen die Lust nach noch mehr Erfolg, und die Bauernfängerei im buchstäblichen Sinn wird Mode. Erst erklären die Franzosen in Nantes durch Lafargue nicht nur (was ich ihnen geschrieben4), daß wir keinen Beruf haben, den Ruin der Kleinbauern, den der Kapitalismus für uns besorgt, durch direktes Eingreifen unsrerseits zu beschleunigen, sondern auch: Man müsse den Kleinbauer gegen Fiskus, Wucher und Großgrundbesitzer direkt schützen. Das können wir aber nicht mitmachen, weil es erstens dumm und zweitens unmöglich ist. Nun aber kommt Vollmar in Frankfurt und will den Bauer überhaupt bestechen, und zwar ist der Bauer, mit dem er in Oberbayern zu tun hat, nicht der verschuldete rheinische Kleinbauer, sondern der Mittel- und selbst Großbauer, der Knechte und Mägde exploitiert und Vieh und Getreide in Massen verkauft. Und das geht nicht ohne Aufgeben des ganzen Prinzips. Wir können den Alpenbauer, den niedersächsischen und schleswig-holsteinischen Großbauer nur bekommen, wenn wir ihm die Ackerknechte und Taglöhner preisgeben, und dabei verlieren wir auch politisch mehr, als wir gewinnen. Der Frankfurter Parteitag hat sich in der Frage nicht entschieden, und das ist soweit gut, als die Sache jetzt gründlich studiert wird; die Leute, die dort waren, wußten von Bauern und von den nach den verschiednen Provinzen so grundverschiednen ländlichen Verhältnissen viel zuwenig, um anders als ins Blaue hinein beschließen zu können. Aber zum Austrag muß die Sache doch einmal kommen.
Dabei fällt mir ein: der Pariser „Socialiste“, lebt er noch oder aber ist er tot? Niemand weiß es; als Tussy im Sommer in Paris war, war er noch nicht tot, aber wer ihn haben wollte, mußte ihm im Büro abholen!! Ich habe seit Febr. oder März nichts mehr davon gesehn. Dereure ist verrückt geworden, er war Verwalter, und wie er die Sache in den Dreck geritten hat, so ist sie liegengeblieben. Echt französisch.
Nach den belgischen Wahlerfolgen präparieren diese und die Franzosen eine regelmäßige Verbindung mit periodischen Konferenzen zwischen den sozialistischen Parlamentariern der verschiednen Länder. Ob was draus wird, ist fraglich. Einstweilen tun die 50 französischen Parlamentarier5 (worunter ca. 26 bekehrte Radikale zweifelhafter Sorte) noch sehr groß, aber die Sache hat ihren Haken: unter den 24 Altsozialisten zanken sich die Marxisten einerseits mit den Blanquisten und Allemanisten (Possibilisten) andrerseits im stillen nach Noten, ob's zum offnen Bruch kommt, ist ungewiß.
Außer den übrigen sozialistischen Blättern krieg' ich jetzt auch das rumänische („Munca“) und bulgarische (früher „Rabotnik“ (Arbeiter), jetzt „Socialist“) zugeschickt und arbeite mich allmählich in die Sprachen hinein. Die Rumänen werden in Bukarest ein tägliches Blatt6 herausgeben.
Vor andern Weltereignissen wird der Tod des russischen Zaren wahrscheinlich eine Veränderung hervorrufen, sei es durch innere Bewegung, sei es durch die Finanznot und Unmöglichkeit, Geld im Ausland zu erhalten. Ich kann mir nicht vorstellen, daß das jetzige System den Thronwechsel überdauert, der einen durch Onanie körperlich und geistig zerrütteten Idioten ans Ruder bringt. (Diese Tatsache ist in allen medizinischen Fakultäten notorisch, Krause, Prof. in Dorpat, der den Nikolaus beobachtet, hat dies, die Onanie, dem Zar Alexander auf dessen Verlangen direkt als Ursache der Krankheit angegeben, darauf eine Ohrfeige von diesem erhalten, hat dann abgedankt, den ihm nachgeschickten Wladimirorden zurückgesandt und ist nach Deutschland zurück, wo er die Sache erzählt.) Geht's aber in Rußland los, dann wird Jung-Wilhelm7 auch etwas Neues gewahr werden. Dann geht in ganz Europa ein liberaler Wind, der uns jetzt nur nützlich sein kann.
Der Krieg in China hat dem alten China den Todesstoß gegeben. Die Abschließung ist unmöglich geworden, die Einführung von Eisenbahnen, Dampfmaschinen, Elektrizität, großer Industrie ist schon aus Gründen der militärischen Verteidigung eine Notwendigkeit geworden. Damit aber fällt auch das alte ökonomische System kleiner Bauernkultur, wo die Familie auch ihre Industrieprodukte selbst machte, in Stücke, und damit das ganze alte gesellschaftliche System, das relativ dichte Bevölkerung erlaubte. Millionen werden an die Luft gesetzt und gezwungen zur Auswanderung; und diese Millionen werden den Weg finden bis nach Europa, und das in Massen. Die chinesische Konkurrenz wird aber bei Euch und bei uns die Sache rasch auf die Spitze treiben, sowie sie massenhaft wird, und so wird die Eroberung Chinas durch den Kapitalismus zugleich den Anstoß geben zum Sturz des Kapitalismus in Europa und Amerika.
Ich hoffe, Dir und Deiner Frau geht's besser als nach Deinen letzten Nachrichten. Mir geht's nicht schlecht, aber man merkt doch auch mit der Zeit, daß zwischen 73 und 37 ein starker Unterschied ist.
Herzliche Grüße Dir und Deiner Frau
Dein
F. Engels