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Engels an Paul Lafargue
in Le Perreux

4, Royal Parade
Eastbourne, 22. August 1894

Mein lieber Lafargue,

Wir sind seit 8 Tagen hier in Eastbourne, Louise, ihr Mann und ich. Ich hatte es sehr nötig, und die ozonhaltige Meeresluft wirkt bereits. Leider regnet es seit gestern mehr als nötig.

Ihren Scheck werden Sie Anfang des nächsten Monats erhalten, sobald ich Eingänge gehabt habe.

Ich bin sehr gespannt, wie man das neue Verdächtigen-Gesetz handhaben wird. Ich bin überzeugt, daß man es im gegebenen Augenblick ebenso gegen die Sozialisten wie gegen die Anarchisten anwenden wird. Aber wenn auch einige Personen darunter leiden sollten, so wird dies Gesetz bei Euch bestimmt dasselbe bewirken wie das Gesetz von 78 bei den Deutschen; Ihr werdet es besiegen und aus dem Kampf unendlich viel stärker hervorgehen, als Ihr es zu Beginn des Kampfes wart.

Hier ist die Social Democratic Federation, die eine Zeitlang eine vernünftige und tolerante Linie einzuschlagen schien, plötzlich in die Hyndmaniaden von früher zurückgefallen. Auf dem Kongreß, den sie in London vor 15 Tagen oder 3 Wochen abgehalten haben, schlug der Delegierte von Liverpool vor, daß man bei den nächsten allgemeinen Wahlen die Kandidaten der Independent Labour Party unterstützen sollte, vorausgesetzt, daß sie sich offen als Sozialisten erklärten. Das wurde gegen alle in England üblichen Regeln für Debatten beiseite gelegt und mit 42 gegen 12 Stimmen ein Beschluß gefaßt, daß es die Pflicht eines jeden Sozialisten sei, in eine offen sozialistische revolutionäre Organisation wie die Social Democratic Federation einzutreten (und da die Social Democratic Federation behauptet, daß es außer ihr keine andere gibt, so bedeutet das: in die Social Democratic Federation einzutreten). Was die Wahltaktik anbelangt, so wurde damit ein Komitee beauftragt, das dem Exekutivrat darüber berichten wird. Sie wissen doch, daß die Nationalisierung der Produktionsmittel einen wesentlichen Programmpunkt der Independent Labour Party ausmacht. Somit ist also die gegenseitige Unterstützung, die bisher zwischen den beiden Gruppen im Norden (besonders Lancashire und Yorkshire) bestand, praktisch aufgehoben worden von der Social Democratic Federation, die die Politik des Kalifen Omar verkündet, der die alexandrinische Bibliothek verbrannte: entweder widersprechen diese Bücher dem Koran, dann sind sie schlecht; oder sie sagen dasselbe wie der Koran, dann sind sie überflüssig: also ins Feuer damit! Und diese Leute erheben Anspruch auf die Führung der sozialistischen Bewegung in England!

Aber es gibt Schlimmeres. Hyndman hat erklärt, es sei an der Zeit, daß sich der Sozialismus klar vom Trade-Unionismus trennt und daß statt der allgemeinen Kongresse ein rein sozialistischer stattfinden soll. Und da man gleichzeitig feststellte, daß es noch zu früh ist, einen direkten Schlag gegen den Kongreß von 1896 zu führen, hat man beschlossen, daß die Social Democratic Federation einen rein sozialistischen Kongreß einberufen wird, der drei Tage vor Eröffnung des allgemeinen Kongresses in London 1896 abgehalten werden soll.

Was werden die Kontinentalen dazu sagen? Werden sie zu einem solchen Kongreß kommen, um sich danach, an Händen und Füßen gebunden durch zwei oder drei Tage vorher1 in kleinem Kreis gefaßte Beschlüsse, auf den großen, auf unseren Kongreß zu begeben? Werden sie die Spaltung provozieren zwischen den eindeutig sozialistischen Delegierten und jenen, die es noch nicht sind, aber im Begriff sind, es zu werden? Werden sie den englischen Trade-Unionisten diese Ohrfeige verabreichen, die solche Fortschritte gemacht haben, seit der New Unionism sie auf den Weg zum Sozialismus getrieben hat; die 1893 in Belfast für die Nationalisierung der Produktionsmittel gestimmt haben (die vor einigen Wochen sogar in das politische Programm des widerspenstigen London Trades Council aufgenommen worden ist), und die sich in 15 Tagen abermals in Norwich über ihre Haltung uns gegenüber äußern sollen?

Aber wissen Sie, wie die Social Democratic Federation in ihrem Jahresbericht und den Kongreßreden die Stärke dieser Organisation dargestellt hat, die sich anmaßt, die Beschlüsse von Zürich zu ändern (denn das ist doch eine offensichtliche Revision, die den Züricher Beschluß fälscht)? Sie zählt – 4500 Mitglieder. Im vergangenen Jahr enthielten ihre Mitgliederlisten 7000 Namen, also haben sie 2500 Mitglieder verloren! Aber was will das heißen? sagt Hyndman. In den 14 Jahren ihrer Existenz hat die Social Democratic Federation eine Million Mitglieder!! kommen und gehen sehen. Was für eine Organisation! Von 1 Million haben 995500 Reißaus genommen, aber – 4500 sind geblieben!

Nun der Schlüssel zu all diesen Tollheiten, die ohne diesen Schlüssel unbegreiflich wären. Der Kongreß von 1896 läßt keine Sekten, Fraktionen, Gruppen usw., die aus denen bestehen, was man hier organised labour2 nennt, mehr ruhig schlafen. Das Parlamentarische Komitee des Trades Congress hat große Lust, to boss the Congress3. Es gibt bereits Vorschläge für die Tagesordnung des Kongresses der Trades in Norwich (Sept.), die Zulassung von englischen Delegierten zum Kongreß von 96 auf jene allein zu beschränken, die für den Trades Congress qualifiziert sind: bona fide working men, working or having worked at the trade they represent4. Und dabei hat man nicht übel Lust, dies System auch auf die Kontinentalen auszudehnen, was Lachsalven hervorrufen würde, die so stark wären, daß ganz London in seinen Grundfesten erschüttert würde. Nun gut, die Social Democratic Federation, die ihrerseits den Zeitpunkt für gekommen hält, den Kongreß zu beherrschen und durch den Kongreß die englische Bewegung, scheint diese Gerüchte zum Vorwand genommen zu haben, um ihr Gegenplänchen loszulassen.

Bis jetzt ist es nur ein Versuchsballon. Aber sobald die Social Democratic Federation ein Einladungs-Zirkular oder Ähnliches erläßt, nimmt die Sache Gestalt an, und die Parteien auf dem Kontinent würden aufgerufen sein, sich zu äußern.

Eine Frage: „Le Socialiste“, lebt er noch oder aber ist er tot5? Seit April haben wir von ihm nichts mehr gesehen und gehört. Wenn Sie es fertiggebracht haben, ihn umzubringen, halten Sie das für einen der Siege der Partei in Frankreich?

Auf alle Fälle werden die beiden Monate Sept. und Okt. interessant sein. Um den 5. herum Trades Congress in Norwich (nach dem spanischen Kongreß nächsten Sonntag), dann Euer Kongreß in Nantes, dann der Parteitag der Deutschen in Frankfurt am 21. Oktober. Die letzten beiden werden sich mit der Bauern- und Landarbeiterfrage beschäftigen. Im allgemeinen sind die Ansichten der zwei nationalen Gruppen die gleichen, nur daß Ihr, die kompromißlosen Revolutionäre von früher, jetzt etwas mehr zum Opportunismus hinneigt als die Deutschen, die wahrscheinlich keine Maßregel unterstützen werden, die dazu dienen könnte, das kleinbäuerliche Eigentum entgegen dem im Kapitalismus erfolgenden Verfall zu erhalten oder zu konservieren. Andererseits wird man mit Euch darin übereinstimmen, daß es nicht unsere Aufgabe ist, diesen Verfall zu beschleunigen oder zu forcieren, und daß das Wesentliche der Zusammenschluß der Kleineigentümer zu landwirtschaftlichen Genossenschaften zwecks gemeinsamer Bewirtschaftung im Großen ist. Ich bin neugierig, welcher der beiden Kongresse sich in der ökonomischen Theorie als der fortgeschrittenere und in den vorzuschlagenden praktischen Mitteln als der wirksamere erweisen wird.

Umarmen Sie Laura für mich, um sie daran zu erinnern, daß sie mir einen Brief schuldet.
Herzliche Grüße von den Freybergers.

Freundschaftlichst Ihr
F. E.

In einigen Wochen wird die „Neue Zeit“ einen Artikel von mir über den Ursprung des Christentums6 bekommen. Mit dem 3. Bd. geht es gut voran; 43 Bogen sind gesetzt; ich schreibe das Vorwort7.

Aus dem Französischen.