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Engels an Laura Lafargue
in Le Perreux

London, 11. April 94
122, Regent's Park Road, N.W.

Mein liebes Löhr,
Dein lieber Brief kam genau zur rechten Zeit. Ich wollte heute morgen gerade an Paul schreiben und habe nun einen guten Vorwand, die Anrede meines Briefs zu ändern. Soeben habe ich Deine Übersetzung in der „Ère nouvelle“ gelesen und war ganz entzückt davon. Sie liest sich besser als das Original. Ich würde für einen etwaigen Nachdruck nur zwei oder drei unbedeutende Änderungen vorschlagen.

Das führt mich gleich zu dem libertaire, alas not libertin1, Dühring. Mein liebes Mädchen, vous avez fait vos preuves2! Am besten, Du einigst Dich mit Bonnet. Vorausgesetzt das Ms. geht durch Deine Hände, ist es in Ordnung, und ich will es gern nochmals durchsehen – soweit es meine Zeit erlaubt, cela s'entend3, sie ist, wie ich leider sagen muß, sehr knapp und wird wahrscheinlich auch nicht mehr werden, im Gegenteil!

Aber ich wünschte sehr, Du könntest Deine Talente und Deine Energie für andere Arbeiten verwenden, die dem Arbeitenden außer Ehre auch bares Geld einbringen. Kann mit Carré nicht irgendeine derartige Vereinbarung getroffen werden?

Ich schicke Dir eine Nr. der „Rheinischen Zeitung“, die, wie Du vielleicht gewahr geworden bist, von dem großen Carl Hirsch (seit dem 1. April) herausgegeben wird. Ich schicke sie Dir jedoch nicht, weil ich Dir eine Probe seiner gelehrten literarischen Ergüsse geben möchte, sondern weil sie einen Bericht über einen Antrag enthält, der von Graf Kanitz im Reichstag eingebracht worden ist, einer der hellsten Leuchten unter jenen preußischen Junkern4, die laut Hermann Wagener, ihrem theoretischen Verteidiger, entweder Ochsen von Geburt oder Ochsen aus Prinzip5 sind. Dieser Antrag wurde im Interesse der ostdeutschen Landaristokratie gestellt und entspricht fast wörtlich dem Vorschlag Jaurès6, der den Sozialisten der Welt zeigen sollte, wie sie ihre parlamentarische Position im Interesse der Arbeiterklasse und der Bauernschaft zu nutzen haben. Derselbe Graf Kanitz verkündete kürzlich einen neuen Weg, um alte Schulden zum Nutzen des deutschen Kaiserreichs zu tilgen: Verkauft alle eure Goldmünzen und ersetzt sie durch etwa 4 Milliarden Silbermünzen, was 2 Milliarden Reingewinn ergeben würde (da Silber zu 28 pence die Unze gekauft und aus einer Unze 60 pence Geld geprägt wird), wodurch die Reichsschulden getilgt würden. Wenn ich boshaft sein wollte, so könnte ich Herrn Jaurès jetzt fragen, ob er nicht als Gegenleistung für das Wohlwollen, das sein Getreideantrag bei Kanitz gefunden hat, dessen Silbervorschlag akzeptieren möchte, der ebenso sozialistisch aussieht und gegen den vom ökonomischen Standpunkt aus genausowenig einzuwenden ist. Aber ich will großzügig sein, sogar Jaurès gegenüber, und ihn in Ruhe lassen; unsere französischen Genossen sollten sich jedoch – ich kann nicht umhin, das zu bemerken – wirklich die Vorschläge ihrer ex-radikalen Verbündeten7 ein wenig genauer ansehen, ehe sie sie blindlings annehmen. Noch einige solcher Streiche, und ihr Ruf als politische Ökonomen wird in großer Gefahr sein.

Vom „Discours sur le libre échange8 existiert nur ein Exemplar, das ich zufällig mit Hilfe eines Antiquariatskatalogs erwischte. Wenn dies verloren ginge, wäre das Ganze, wenigstens im französischen Original, für immer verloren. Ich kann es nicht schicken, solange es keine sicheren Garantien gegen einen Verlust gibt. Ich erwarte heute abend ein neues Posthandbuch, das die neuesten Informationen hinsichtlich der internationalen Vereinbarungen über Postversicherung enthält; sind diese zufriedenstellend, dann werde ich Dir das Ding sofort schicken, sonst aber irgendwelche anderen Möglichkeiten ausfindig machen. Ein Nachdruck wäre jedenfalls in jeder Hinsicht sehr wünschenswert. Inzwischen werde ich Dir noch ein Exemplar der englischen Übersetzung schicken, die in Boston veröffentlicht wurde.

Sorels „Métaphysique“ zu lesen habe ich wirklich keine Zeit gehabt. Ich bin schrecklich beschäftigt, stecke tief in der Grundrente (Bd. III9), die mir große Mühe macht, da Mohrs Tabellen fast ausnahmslos Rechenfehler enthalten – Du weißt, was für ein Genie er in Zahlen war! – und neu berechnet werden müssen. Und 15 Bogen sind schon gedruckt, so daß mit dem Rest des Ms. keine Zeit zu verlieren ist. Und dazu die Hitze – genau wie bei Euch in Le Perreux. Gibt's etwas Bemerkenswertes an dieser Studie Sorels?

Louise dankt für Deinen Brief und wird Dir bald schreiben; sie läßt herzlich grüßen. Ihr Mann bekommt hier einen ziemlichen Ruf als anatomischer Präparator; er arbeitet viel für das Anatomie-Museum am Middlesex Hospital; die ungeschickten Leute hier können das Wiener Niveau in diesen delikaten Dingen nicht erreichen.

Gertrud Liebknecht ist bei uns, zurück aus Amerika, aber dort kaum gebessert.

Soeben Pauls Brief im „Vorwärts“ gelesen – großartig. So gut, daß nicht einmal die Berliner Übersetzung ihn verderben kann.

Stets Dein alter
F. Engels

Aus dem Englischen.