London, 11. Jänner 94
Lieber Victor,
Vor allem meinen Dank und herzlichste Erwiderung aller Eurer Glückwünsche, besonders der von Dir, Deiner Frau und Kinder, und Dank für die Bundesnadel, die ich tragen werde, sobald ich wieder im Besitz einer dazu passenden Halsbinde bin – sie soll extra dafür angeschafft werden.
Daß es bei Euch viel zu tun gibt, glaub’ ich Dir gern, und was uns alle wundert, ist nur, wie Du das alles fertigbringst, und das unter den schwierigsten Verhältnissen. Wir bewundern Deine Zähigkeit und beneiden Dich darum. Ganz besonders freut mich aber Deine Zusicherung, daß es mit den Torheiten, die dort zu befürchten standen, am Ende ist.1 Seitdem habe ich die Berichte über die beiden Kongresse und daraus das einzelne wenigstens zum Teil gesehen. In Beziehung auf diese Hauptfrage ist in der Tat alles vortrefflich verlaufen.
Für die gesunde Entwicklung der Bewegung war es ein wahres Glück, daß der gescheite Höger erklärte, das Wahlrecht sei bürgerlicher Schwindel, und dafür könne man nicht streiken, und daß die Bergleute sich in ihrer Weise gegen jeden Streik erklärten, der nicht auch für den Achtstundentag sei. Und die Tschechen in Budweis haben uns auch geholfen, indem sie die Zulassung von Anerkennung des Programms und der Taktik abhängig machten (à la Zürich) und den Generalstreik, der dort am meisten zu spuken scheint, auf die lange Bank des Parteitages schoben, wo dieser ihn schon weiter schieben wird.
Der Artikel von K.K[autsky], den Du abdrucktest, wird Euch sehr nützlich sein. Aber bezeichnend ist er dafür, wie sehr der Verfasser die Fühlung mit der lebendigen Parteibewegung verloren hat. Vor ein paar Monaten die unbegreifliche Taktlosigkeit, inmitten einer Bewegung, die auf Leben und Tod gegen die Phrase vom allgemeinen Streik ankämpfte, eine rein akademische Untersuchung über den Generalstreik in abstracto und die allgemeinen Pros und Kontras der Sache schleudern zu wollen. Und jetzt dieser Artikel, der wenigstens in diesen Stellen ganz vortrefflich das Richtige trifft!
Jedenfalls geht bei Euch im nächsten Monat mit der Wahlreformvorlage die Agitation wieder lustig los. Es ist ganz gut, daß das erste akute Fieber etwas Gelegenheit hatte, seinen Verlauf durchzumachen, jetzt werden die Leute die Dinge etwas kühler ansehn. Wie es auch gehn mag, die Regierung und der Reichsrat müssen Euch neue Waffen in die Hand geben, und im nächsten Jahr sitzen Eurer ein halbes oder ganzes Schock im Parlament. Und Proletarier in dieser altfränkischen, ständisch abgestuften Versammlung! Die werden den Franzosen beweisen, daß das Proletariat nicht, wie sie in falscher Analogie so gern sagen, le quatrième état2 ist, sondern eine ganz moderne jugendliche Klasse, die mit dem ganzen alten Ständekram unverträglich ist und ihn sprengen muß, ehe sie soweit kommt, ihre eigene Aufgabe in die Hand nehmen zu können, die Sprengung der Bourgeoisie. Ich freue mich schon auf das erste Erscheinen unserer Leute im Reichsrat.
Ich bin übrigens noch immer der Ansicht, daß das Koalitionsministerium auseinanderfallen muß, sobald es ernstlich zu handeln anfangen will. Zur einen reaktionären Masse scheint mir in Österreich die Zeit noch nicht gekommen – wenigstens nicht zur dauernden Bildung dieser Masse. Und selbst wenn die im Kabinett sitzenden Chefs sich einigten, die Unterleute im Parlament brächten es nicht fertig; und wenn hinter all dem ein Franz Joseph steht, der sich nach seinem Taaffe zurücksehnt, so will mich bedünken, als wären die Tage des Windischgrätz gezählt. Und Taaffe, das heißt jetzt praktisch allgemeines Stimmrecht.
Ich bin begierig, wie sich die angeblichen 60 Sozialisten im französischen Parlament machen werden.3 Es ist eine gemischte Bande, selbst die socialistes de la veille4 sind teilweise sehr unbestimmter Natur und dabei, trotz aller Fusionslust, doch von allerlei alten, häßlichen Erinnerungen erfüllt, dazu aber sind diese alle zusammen nur die Minorität gegenüber der aus socialistes du lendemain5 bestehenden Millerand-Jaurèsschen Majorität. Auch schweigen sich die Franzosen auf alle Anfragen über den Charakter ihrer Fraktion hartnäckig aus. Sonntag kommt Bonnier von Paris zurück hier durch, da werde ich ihn ausfragen und wohl etwas erfahren.
Der 3. Band6 ist endlich im Druck. Die ersten 20 Kapitel (664 S. aus ca. 1870 S. Manuskript) sind bereits fort, am zweiten Drittel bin ich, es bedarf nur noch der Schlußredaktion, und das dritte Drittel, das wohl noch etwas mehr Arbeit erfordern wird, kommt dann auch bald dran. Im September erscheinen wir, denke ich.
Jetzt muß ich aber wieder an mein geliebtes 23. Kapitel, ich habe in den Feiertagen leider arg viel Zeit verlieren müssen.
Herzliche Grüße an Deine Frau und Kinder, Popp, Ulbing, Pernerstorfer, Reumann, Schrammel, Adelheid, die kleine Ryba und tutti quanti und besonders auch Dich selbst von
Deinem
F. Engels
Nach: Victor Adler, „Aufsätze, Reden und Briefe“, Heft 1, Wien 1922.