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Engels an Laura Lafargue
in Le Perreux

London, 19. Dez. 93
122, Regent's Park Road, N. W.

Mein liebes Löhr,

Wenn ich auf Deinen Brief von vor genau einem Monat nicht früher geantwortet habe, so gab es dafür 2 Gründe:

1. weil ich vor Weihnachten die Schlußredaktion der Abschnitte I–IV von Bd. III1 beenden mußte, damit sie sofort nach Neujahr in Druck gehen können. Das ist jetzt getan. Bis Ostern hoffe ich das ganze Ms. (²/₃ müssen noch endgültig durchgesehen werden) beim Drucker zu haben, damit es im September veröffentlicht werden kann;

2. weil ich Bebel einen anderen Vorschlag für die deutsche Übersetzung usw. von Pauls Artikeln2 gemacht hatte und auf eine Antwort wartete. Es ist jedoch keine gekommen, und so vogue la galère3 auf dem eingeschlagenen Weg, der, soviel ich weiß, so etwas wie eine endgültige Gestalt angenommen hat. Es wird wohl am besten sein, die Angelegenheit in Ruhe zu lassen. L.[ie]bk[necht] ist ein ziemlich komischer Kauz, wenn es sich um seine Redaktionsangelegenheiten handelt. Wir erwarten ihn hier nach Neujahr.

Nun ein anderes Bild4. Gestern schickten wir Dir eine Kiste mit dem Pudding, Pauls Kuchen usw., grande vitesse5, damit sie Mittwoch oder Donnerstag dort ist, – durch Continental Daily Parcels Express, Fracht bezahlt, die hoffentlich gut ankommen und Eurem Geschmack entsprechen wird. Bonnier sollte ein Stück von dem Pudding abbekommen, denn er kam hierher, um den Teig zu rühren, und er hat ihn aus Leibeskräften gerührt. Er bessert sich sehr, schüttelt seine Germanismen ab und wird wirklich Franzose. Vor einiger Zeit fuhr ich für einen Tag nach Oxford, um den Ort und auch den armen, alten Roten Wolff6 zu sehen – Deinen ersten Verehrer, denn er bewunderte Dich schon in Brüssel, als Du noch keine 2 Jahre alt warst. Armer Teufel, er ist wieder ganz verdreht. Er hatte etwas über Bucher in der „Neuen Zeit" geschrieben, und seitdem bildet er sich jedesmal ein, daß es auf ihn gemünzt sei, wenn von einem Wolf oder Wolff die Rede ist (und Du weißt, sie sind so zahlreich wie die Smith und Jones), und glaubt, daß eine ganze Verschwörung existiere mit der Behauptung, er könne nicht Latein – und Du weißt, nicht Latein zu können ist das schrecklichste Verbrechen, dessen sich ein Mensch in Oxford schuldig machen kann. Aber ist es nicht eine traurige Ironie des Schicksals, daß einer der geistsreichsten Männer seine Laufbahn in dem Glauben beschließen soll, daß er der Maßmann – nicht eines Heine, sondern einer imaginären Verschwörung zweit- und drittrangiger deutscher literati sei! Denn er ist 81 Jahre alt – und abgesehen von anderen Erwägungen besteht kaum Hoffnung auf Heilung von dieser fixen Idee, die ihm niemand austreiben kann.

Deine Beschreibung des aufgeblasenen Zustands von Guesde hat mich sehr amüsiert.7 Ich hatte derartiges schon aus den pompösen Proklamationen ersehen, die er aus seinem neuen Jerusalem des Nordens erlassen hat, und war nur froh, daß sie von der bürgerlichen Presse im Ausland nicht bemerkt worden sind; mit der Rolle verglichen, die die französische Delegation in Zürich gespielt hat, hätten sie für eine Menge schlechter Scherze Anlaß geben können. Aber le bon sens français quelquefois n'a pas le sens commun8, und das ist gerade das Schöne daran. Sieh Dir die parti socialiste9 in der Kammer an. Wie lange ist es her, daß Clara Zetkin in der „Neuen Zeit" 24 élus ± Sozialisten10 aufzählte und daß Paul nicht wußte, wieviel von den 12, die auf Grund des marxistischen Programms gewählt wurden, sich daran halten würden; und jetzt, siehe und staune, stößt eine parlamentarische Gruppe von 54 sozialistischen Abgeordneten wie eine Kavalleriebrigade vor in die Majorität, stürzt ein Ministerium, und verdrängt ein anderes beinahe, bis dieser siegreiche Vormarsch plötzlich durch Vaillants Bombe aufgehalten wird, sich in eine Konzentration der Nachhut verwandelt und die neuen Mitglieder der Majorität aller trügerischen Illusionen beraubt sind, die sie aus der Provinz mitgebracht hatten, und sich in fügsame panamaische Opportunisten verwandelt haben.

Alles in allem glaube ich, daß das für uns eher von Vorteil ist. Ich kann mir nicht helfen, ich bilde mir ein, daß unter diesen 54, von denen viele plötzlich zu dem bekehrt worden sind, was sie Sozialismus nennen, nicht der Zusammenhalt bestehen kann, wie er für einen ernsten Kampf notwendig ist. Ganz zu schweigen von den alten Zwistigkeiten zwischen den wirklichen Altsozialisten „de la veille"11 innerhalb der Gruppe, Zwistigkeiten, die ein für allemal zu überwinden einige Zeit kosten wird. Wenn diese gemischte Bande von 54 sich eine gewisse Zeit in der vordersten Reihe der Kammer behauptet hätte, hätte sie sich entweder gespalten, oder aber der alte radikale Flügel – Millerand und Co. – wäre darin das bestimmende Element geworden. Wie die Dinge jetzt stehen, werden die verschiedenen Teile der Gruppe Zeit haben, sich näher miteinander bekannt zu machen, die Gruppe zu festigen und, wenn nötig, eins nach dem anderen von den Elementen auszusondern, die sich der Gruppe wirklich nur irrtümlich angeschlossen haben. Auf alle Fälle haben Millerand und Jaurès in der Dupuy-Casimir-Périer-Kampagne vollkommen die Führung übernommen. Und das wird auf die Dauer nicht angehen, obwohl ich durchaus billige, daß Guesde und Vaillant sich bis jetzt und unter den gegenwärtigen Umständen im Hintergrund gehalten haben.

Pauls Briefe an den „Vorwärts" sind bisher sehr gut, wir warten jede Woche auf sie. Und sie sind nicht ganz so schlecht verdeutscht, wie ich es bei anderen erlebt habe.

Dieser „Feuerbach" muß Dir viel Mühe gemacht haben. Aber nach dem, was ich von Deiner Arbeit gesehen habe, bin ich sicher, daß Du „im Fluge" alle Hindernisse „genommen" hast, um einen Ausdruck aus der Jägersprache zu gebrauchen. Hast Du einen Verleger dafür gefunden?

Würdest Du den einliegenden Scheck über £ 5 als Weihnachtsgeschenk annehmen?

Louise ist bei ununterbrochenem Regen unterwegs, um Einkäufe zu machen. Dieses Weihnachtsfest wird sie durch Erkältungen und Zahnschmerzen teuer zu stehen kommen.

Herzliche Grüße von ihr und immer

Deinem
F. E.

Freundliche Grüße an Paul, der sicher froh ist, aus dem Parlament wieder heraus zu sein.

Aus dem Englischen.