83
Engels an Paul Lafargue
in Le Perreux

London, den 19.Nov. 93

Mein lieber Lafargue,

Liebk[necht] wird Ihnen geschrieben haben, daß man Sie als Korrespondenten für den „Vorwärts“ und für das „Hamburger Echo“ für einen Brief wöchentlich engagieren will, den Sie im gleichen Wortlaut und gleichzeitig an beide Zeitungen schicken sollen, aber daß man ihn deutsch haben möchte und Laura vorschlägt, ihn zu übersetzen.

Hier der Grund, weshalb man ihn deutsch haben will, und das ist sehr wichtig. Die beiden Zeitungen könnten am gleichen Tage die gleichlautende Korrespondenz veröffentlichen, so daß sie für beide ein Originalbeitrag wäre. Wenn die Veröffentlichung nicht zur gleichen Zeit erfolgte, wenn eine der beiden Zeitungen sie einen Tag später brächte, würde man vermuten, sie hätte den Artikel aus der vorhergehenden Nummer der andern Zeitung nachgedruckt wie so viele verschiedene andere Fakten, die der gleichen Nummer entnommen sind.

Jetzt gäbe es vielleicht in Hamburg jemanden, der sie – es fragt sich nur wie – übersetzte, aber in Berlin! Dort ist es durch L[i]ebk[necht] zur Gewohnheit geworden, daß alle Übersetzungen von Frau L[i]ebk[necht] oder einem seiner Söhne gemacht werden. Das Manuskript geht nach Charlottenburg in das Haus von L[i]ebk[necht] und wer weiß, wann die Übersetzung ins Zeitungsbüro gelangt. Es würden also immer Verzögerungen entstehen und, was schlimmer ist, Verzögerungen von unbestimmter Dauer.

Die Möglichkeit, Ihre Briefe für beide Zeitungen zu verwenden und Ihnen entsprechende Honorare zu zahlen, hängt also ganz von der Übersendung Ihrer Briefe in deutscher Sprache ab. Das wäre für Sie außerdem eine Garantie gegen die Zensur der Redaktion; Bonnier sagt mir, daß L[i]ebk[necht] davon Guesde gegenüber reichlich Gebrauch gemacht, was diesen verstimmt hat! Da die Hamburger Redaktion vollkommen unabhängig ist und auch nicht weiß, was in Berlin geschieht – und vice versa –, werden Ihre Artikel ohne Verstümmelung in der einen oder anderen Zeitung oder, was am wahrscheinlichsten ist, in allen beiden erscheinen.

Wird Laura nun bereit sein, die Übersetzung zu übernehmen? Ich hoffe es, das würde Ihnen ermöglichen, die Sache sofort abzumachen. Ich bin sicher, daß sie mit ein wenig Praxis ebensogut deutsch schreiben wird wie englisch und französisch.

Doch gäbe es andernfalls nicht eine Möglichkeit, zu einer Übersetzung zu kommen? Gibt es nicht irgend jemanden, der gegen eine kleine Beteiligung an Ihrem Honorar Ihnen diese Arbeit ausführt? Sagen wir 10 frs. je Brief für die Übersetzung und doppelte Kopie, so daß Ihnen 40 frs. je Brief bleiben, und der Übersetzer doch einen gewissen Anreiz hätte. Eventuell Frankel? Aber er ist vielleicht selber Korrespondent des „Vorwärts“ (ich weiß überhaupt nicht, von wem die Pariser Briefe sind, die ich von Zeit zu Zeit darin finde). Überlegen Sie es sich jedenfalls und versuchen Sie es einzurichten. Sie sehen, daß unsere Berliner Freunde ihr Möglichstes tun; versuchen Sie, ihnen die Sache zu erleichtern, und vergessen Sie nicht, daß Ihnen das erlauben würde, zu 60–70000 Abonnenten zu sprechen, d. h. zu mindestens 250000 Lesern, nicht gerechnet die Leser anderer Zeitungen, die Ihre Artikel diesen beiden wichtigsten Organen entnehmen, die unsere Partei in Deutschland besitzt.

Auf alle Fälle fangen Sie immer schon mit dem „Vorwärts“ an, vorbehaltlich einer späteren Regelung mit dem „Echo“ und der Übersetzung. Aber tun Sie alles, um keine Zeit zu verlieren! Und mehr noch: B[ebel] ebenso wie L[i]ebk[necht] bestehen auf einer regelmäßigen Korrespondenz, die ihnen die wichtigen Tatsachen mit Ihren Erwägungen dazu und Berichte über die allgemeine Situation liefert. Einen Brief wöchentlich und zum festgesetzten, von Ihnen selbst gewählten Tage (ich glaube nicht, daß man Ihnen den Tag bestimmen wird).

Grüßen Sie Laura herzlich von mir. Ich erwarte von ihr noch immer diamantene und andere Neuigkeiten.

Grüße von Louise.

Freundschaftlichst Ihr
F. E.

Aus dem Französischen.