Zürich, 31. Aug. 1893
Mein liebes Löhr,
Dank für Deinen Brief und die Zeitungen, die gestern ankamen. Ich bin mit August und St. Mendelson 6 Tage im Berner Oberland gewesen – schönes Wetter und herrliche Landschaft. Die Jungfrau hatte für uns ein besonders sauberes, weißes Nachtgewand angelegt. Die Jungfrau, der Mont Blanc und der Monte Rosa sind die drei schönsten Massive der ganzen Alpen.
Gestern waren wir auf dem Ütliberg, einem Hügel in der Nähe von Zürich, von dem man, wenn auch nur von ferne, eine schöne Aussicht auf die schneebedeckte Bergkette hat. Als der alte Thiers, nach 1870, hier mit seiner Garde war, hat er ihr sofort alles erklärt; auf den Glärnisch zeigend (genau südöstlich vom Ütli) sagte er, dies sei der Mont Blanc. Der Besitzer des Hotels auf dem Berggipfel, ein ausgezeichneter Kenner der ganzen Gebirgskette, wagte zu verstehen zu geben, daß dies der Glärnisch sei, daß der Mont Blanc in ganz entgegengesetzter Richtung liege und von diesem Punkt aus überhaupt nicht zu sehen sei. Aber das Männlein versetzte: Monsieur, je suis Adolphe Thiers, et je dois savoir cela! C’est bien là le Mont Blanc!1
Ich freue mich, daß Du das Wahlergebnis vom 20. als einen Sieg ansiehst. Hoffen wir, daß dies am nächsten Sonntag durch die Wahl Pauls und Delcluzes sowie einiger anderer bestätigt wird. Sonst fürchte ich, wird unsere Partei im Palais Bourbon nicht die Rolle spielen können, die sie, wie ich und viele andere es wünschen, spielen sollte. Wenn wir 8–10 Mann dort haben, werden sie einen Kern bilden, der stark genug ist, die Blanquisten, Possibilisten und unabhängigen Sozialisten zu zwingen, sich um sie zu scharen und so eine einheitliche Gruppe vorzubereiten. Wenn wir aber nur 3 oder 4 sind, wird jede der anderen Fraktionen etwa ebenso stark sein, und eine Einigung nicht nur sehr viel schwieriger werden, sondern auch mehr den Charakter eines Kompromisses annehmen. Deshalb hoffe ich, daß wir in voller Stärke in das Palais Bourbon einziehen können.
Ich hoffe, daß der „Socialiste" Guesdes Brief an seine Wähler nicht bringen wird. Was man auch darüber in Frankreich denken mag, jenseits der Grenzen würde es einfach grotesk klingen. Seine Wahl als eine Revolution zu erklären, durch die der Sozialismus im Palais Bourbon fait son entrée2 und durch die eine neue Ära für die Welt im allgemeinen anbricht, ist für gewöhnliche Sterbliche wirklich etwas zu stark.
Ich füge einen deutschen Fünfmarkschein bei, damit Du uns das Ergebnis der Wahlen vom nächsten Sonntag telegraphieren kannst. August und ich fahren von hier Montag morgen nach München ab und werden den ganzen Dienstag dort bleiben. Wir nehmen an, daß Du alle Ergebnisse, soweit für uns interessant, am Montag abend oder spätestens Dienstag früh haben wirst. Bitte telegraphiere, sobald Du kannst, aber nicht später als Dienstag nachmittag, die Namen unserer Leute und die Orte, als deren Vertreter sie gewählt worden sind, und wenn das Geld reicht, jede weitere interessante Information. Das Telegramm muß in deutscher Sprache adressiert werden an:
Bebel, Hotel Deutscher Kaiser, München;
aber es wäre vielleicht besser, den übrigen Text französisch abzufassen, damit eine korrekte Übermittlung von französischer Seite aus gewährleistet ist.
Dienstagabend oder Mittwoch fahren wir weiter nach Salzburg, von dort nach Wien, wo wir einige Tage bleiben, und dann nach Berlin. Wenn Du so freundlich wärst, weitere Informationen brieflich nach Wien zu schicken (wo sie für die „Arbeiter-Zeitung" verwendet werden können), so adressiere bitte an Frau L.Kautsky, Hirschengasse 46, Oberdöbling, Wien, Österreich (ein zweiter Briefumschlag erübrigt sich, da sie weiß, daß es für mich ist).
Und nun viel Glück für alle unsere Kandidaten und besonders für Paul! Ich habe wenig Vertrauen zu den Versprechungen von Opportunisten, aber ich hoffe, daß sie sich in seinem Fall ausnahmsweise einmal als wahr erweisen möchten.
Welchen Nutzen hat uns das Bündnis Millerand-Jaurès in dieser Kampagne gebracht? Ich bin hier völlig außerstande, das zu beurteilen.
Herzliche Grüße
von Deinem
F. E.
Aus dem Englischen.