246
Engels an Paul Lafarge
in Le Perreux

London, den 5.Dez. 1892

Mein lieber Lafarge,

Ihre Äußerungen über Bebel zwingen mich, auf Ihren Brief aus Lille zurückzukommen. Was Sie über ihn sagen, ist im höchsten Grade ungerecht. Nicht L[ie]bk[necht] korrigiert B[ebe]l, ganz gleich in welcher Angelegenheit (amüsante Idee für den, der die Situation kennt), sondern genau das Gegenteil ist der Fall. Es ist L[ie]bk[necht], der goldene Berge verspricht, aber wenn das alles nicht einstürzt und in Rauch aufgeht, so ist es Bebel zu verdanken, der arbeitet. Wenn L[ie]bk[necht] Ihnen in Marseille nur angenehme Dinge gesagt hat, so vergessen Sie nicht, daß er sich so zu jedermann verhält; daß er immer unter dem Eindruck des Augenblicks steht und infolgedessen heute und hier weiß, aber morgen und anderswo schwarz sagen wird und daß er mit der größten Aufrichtigkeit behaupten wird, er habe sich nicht widersprochen. Sie sind unzufrieden mit dem Beschluß von Berlin über den 1.Mai; nun gut, unserer deutschen Presse zufolge hat L[ie]bk[necht] gesagt, er habe Ihnen in Marseille die Situation dargelegt, darunter auch die Unmöglichkeit einer Arbeitsniederlegung der Deutschen am 1.Mai; und „die Franzosen" hätten seinen Gründen durchaus zugestimmt. Wenn das wahr ist, mit welchem Recht beklagen Sie sich dann über den Beschluß von Berlin? Wenn L[ie]bk[necht] sich geirrt hat (denn er glaubt, was er sagt), was halten Sie dann von dem Mann, der Ihnen zufolge Bebel „korrigieren" soll?

Ich fürchte, daß hinter alledem die Unzufriedenheit unseres Eremiten von Oxford1 steckt. Wenn ihn sein enthusiastischer Charakter zur Ungerechtigkeit gegen Bebel verleitet, einer ironischen und businessliken2 Natur, so wird der Gefühlsüberschwang, angestaut während seiner erzwungenen Untätigkeit inmitten der einzigen Stadt der Welt, in der das Mittelalter noch ganz lebendig ist, diese Abneigung bis zum Haß steigern. In der Tat erhalte ich nicht einen einzigen Brief von ihm, der nicht von Schmähungen gegen Bebel wimmelte. Ich begreife das alles, ich erkenne den guten Glauben und den guten Willen des Eremiten voll und ganz an, aber vor allem ist ein Enthusiast wie er ein gefährlicher Führer in den Dingen des praktischen Lebens, besonders wenn er in der Einsamkeit von Oxford lebt und von dem Verlangen besessen ist, etwas für die Bewegung zu tun. Und was er braucht, ist nicht nur irgend etwas zu tun, sondern etwas Großes und Entscheidendes. Sie wissen, wie er uns wegen der Zeitung zugesetzt hat. Vorgestern schickt er mir ein an die deutsche Partei adressiertes regelrechtes Ultimatum im Namen der französischen Partei (er spricht immer im Namen des Kollektivs): wenn die Deutschen in Zürich vorschlagen, die Maifeier auf den ersten Sonntag zu verlegen, ziehen sich die Franzosen ganz und gar von der Manifestation zurück, und es kommt, wenn nicht zum Krieg, so doch mindestens zu so etwas wie einem Abbruch der diplomatischen Beziehungen – was weiß ich? Schließlich warnt er die Deutschen, „daß sie mit dem Feuer spielen". Seine französische Logik erlaubt ihm jedoch hinzuzufügen, daß die Franzosen, wenn die Engländer unbedingt am Sonntag demonstrieren wollen, daran keinen Anstoß nehmen würden!

Ich habe ihm ziemlich ironisch geantwortet, daß ich Bebel sein Ultimatum mitteilen werde, aber als seine Privatmeinung.3

Natürlich fasse ich die Aufwallungen B[onnier]s nicht als Meinung der französischen Partei auf; im Gegenteil, ich täte das auch dann nicht, wenn Ihr ihm die Vollmacht gegeben hättet, ich kenne ihn – bei aller nur denkbaren Aufrichtigkeit ist er nicht fähig, die Ideen und die Äußerungen anderer wiederzugeben, ohne das Seine hinzuzutun. Er kann nicht dagegen an; wie L[ie]bk[necht] kennt er nur zwei Farben: weiß und schwarz; entweder liebt er, oder er haßt; und da er Bebel nicht lieben kann, muß er ihn hassen. Aber Sie hätten ausgesprochen unrecht, wenn Sie über die deutsche Bewegung nach seinen Ansichten urteilen würden. Laura, die auf dem Lande wohnt, kann nicht allem Gerede über die Deutschen entgegentreten, und es ist sehr schade, daß von Euch allen er der einzige ist, der Deutsch versteht.

Haben Sie sein „Moment" gesehen? Es gibt da Gedichte (die Poesiemusik4 von Heine, die Instrumental- und Vokalpoesie, die keine Musik ist5), Gedichte über Deutschland; dieses „unergründliche" und äußerst nebelhafte Deutschland hat immer nur in der Einbildung Victor Hugos existiert. Es war das Deutschland, von dem man glaubte, es beschäftige sich nur mit Musik, mit Träumen und Wolken, und es überlasse den französischen Bourgeois und Journalisten die Sorge, die Angelegenheiten hienieden zu regeln. Der gute Mann spricht da nur von Eichen, von Wäldern, von Studenten mit Schmissen, von Gretchen und anderem Schnickschnack – und das, nachdem er in dem Lande gelebt hat, das heute das prosaischste und irdischste der Welt ist. Lesen Sie das, und wenn Sie ihm danach noch ein einziges Wort von dem glauben, was er über Deutschland sagt, so ist das Ihre Schuld.

Übrigens werden Sie sich daran erinnern, daß es neulich, als Sie Materialien wegen L[ie]bk[necht] brauchten, Bebel gewesen ist, der sich unverzüglich an die Arbeit machte, während L[ie]bk[necht], den das am meisten anging, sich darauf beschränkte, Ihnen ein paar Zeitungen zu schicken.6

Genug. Wenn es sich bei alledem nicht darum handelte, falsche Urteile über den Mann zu zerstören, der der klügste und vernünftigste, der energischste der deutschen Partei ist, hätte ich Ihnen nicht so ausführlich geschrieben. Ich wollte Ihnen vom Panama schreiben, aber nun bin ich schon unten auf der 4.Seite – also schreibe ich darüber an Laura7.

Freundschaftlichst Ihr
F. Engels

Aus dem Französischen.