London, 14. Okt. 92
Mein liebes Löhr,
Dank von Louise und mir für Deine Briefe, die heute morgen eintrafen. Ich erhielt gestern abend einen von Paul aus Bordeaux.
Zuerst das Geschäft. Inliegend erhältst Du:
1. Manifest des soz. dem. Ausschusses1 (Executive), Braunschweig, 5. Sept. 1870 mit einem Brief von Mohr und mir2, den Paul besser als von Mohr stammend angibt, der ihn, glaube ich, auch unterschrieben hat. Darauf wird in den Manuskriptauszügen unter Nr. III (auf Seite 2) eingegangen.
2. „Erste und Zweite Adresse des Generalrats der Internationale über den Krieg" vom 23. Juli 1870 und 9. Sept. 1870 mit der französischen Übersetzung, die meiner Ansicht nach in Genf gemacht wurde; sie wird wahrscheinlich sowohl auf Genauigkeit als auch auf den Stil hin überprüft werden müssen.
3. Eine Reihe von Manuskriptauszügen, die ich von Bebel erhielt, der sich mit seiner Frau sogleich an die Arbeit gemacht hat, um uns mit dem, was wir wünschten, zu versehen.
Ich glaube, das wird für Pauls Rede3 genügen, obwohl ich Dich nicht darum beneide, alle diese Dinge übersetzen zu müssen, insbesondere, wenn ich an den ziemlich nachlässigen Stil unserer R[ichstagsredner denke.]
Jedenfalls ist Paul nun gerüstet und hängt nicht von Liebk[necht]s Versprechungen ab, die in der Regel rascher gegeben als gehalten werden.
Ich bin froh, daß Paul wieder an den Debatten in der Kammer teilnehmen wird, und wenn er klug ist, wird er während dieser letzten Session des jetzigen Parlaments das Palais Bourbon fleißig aufsuchen. Ich denke mir, daß die Wähler etwas von der parlamentarischen Tätigkeit ihres Abgeordneten sehen und hören wollen, und wenn sie davon nichts merken, besteht die Gefahr, daß er nicht nur seinen Sitz verliert, sondern auch nicht so leicht einen anderen erhält. Schließlich, wie die Dinge heute sowohl in Frankreich als auch in Deutschland liegen, hängt der Wahlerfolg, wenigstens in vielen Orten, von den Stimmen einer Anzahl von Sympathisierern der Partei ab, von Menschen, die von untergeordneten Erwägungen beeinflußt werden und deren bloße Stimmenthaltung den Verlust des Sitzes zur Folge haben kann. Außerdem spürte man in Pauls erster Rede offensichtliche Anzeichen der Verwirrung, die durch die ungewohnte neue Atmosphäre, in der er leben, sich bewegen und existieren mußte, verursacht waren; und je eher und je besser er sich daran, an die parlamentarischen Formen, die Geschäftsordnung und die Gepflogenheiten der Kammer gewöhnt, desto besser. Diesmal wird er ihnen zeigen müssen, daß ihr Geheul und ihre Zwischenrufe ihn nicht einschüchtern, und wenn er es wirklich versucht, bin ich überzeugt davon, daß er es auch kann. Ich kenne die französische Kammer nicht, aber mir scheint, ich würde in einem solchen Fall von Zwischenrufen keine Notiz nehmen, keinen beantworten und im Notfall den Präsidenten auffordern, mir mein Recht, gehört zu werden, zu verschaffen. (Vorzüglicher Rat von einem, der bekanntlich sein eigenes Temperament nicht im Zaum halten kann!)
Arndt schilderst Du mir ganz richtig. Ich sehe aus Liebk[necht]s Bericht über seine Reise, daß er A[rndt] einen leichten Schlag, aber immerhin einen Schlag versetzt hat, und wahrscheinlich wird man ihm in Marseille von dem Vorgehen der Blanquisten und Allemanisten berichtet haben. Liebk[necht] scheint ganz berauscht von seinem Triumph zu sein und im Augenblick plus français que les français eux-mêmes4. Unglücklicherweise bewegt er sich immer in Extremen, und ich kann nur hoffen, daß er nicht von patriotischen Streithähnen im Reichstag5 angestachelt wird, Hals über Kopf in das entgegengesetzte Extrem zu fallen. Bis jetzt ließ seine Haltung in seinen Reden in Mannheim usw. nichts zu wünschen übrig.
Ich verstehe Deine Mitteilung über Roubaix so, daß die Leute dort Paul bitten werden, sich im kommenden Herbst für die Kammer aufstellen zu lassen. Das wäre sehr gut, Roubaix wäre ein recht sicherer Sitz, während Lille ziemlich unsicher scheint, in einer Zeit besonderer örtlicher Erregung ist es zu halten, aber sehr unsicher in gewöhnlichen Zeitläuften.
Jedenfalls ça marche en France6 (alles außer der Tageszeitung!), und Carmaux beweist nicht nur den Fortschritt unserer Ideen in den Reihen der Arbeiterklasse, sondern auch die Tatsache, daß das die Bourgeois und die Regierung wissen. Die maßvolle Haltung der Menschen dort – et encore des méridionaux, des gascons gasconnants!7 – und die ruhige, aber bestimmte Art, in der die sozialistischen Stadträte ohne irgendwelche possibilistische Schwäche oder Konzession vorgehen, zeugen von einem ungeheuren Fortschritt. Je mehr die Franzosen in den Vordergrund treten, um so mehr freue ich mich. Die kontinentale Bewegung muß, um siegreich zu sein, weder ganz französisch noch ganz deutsch, sondern französisch-deutsch sein. Während die Deutschen die Franzosen lehren müssen, das Wahlrecht auszunutzen und eine straffe Organisation zu schaffen, werden die Franzosen die Deutschen mit jenem revolutionären Geist erfüllen, den die Geschichte eines Jahrhunderts bei ihnen zur Tradition gemacht hat. Die Zeit ist für immer vorbei, in der eine Nation den Anspruch erheben kann, alle übrigen zu führen.
Der „Socialiste" enthält in seinem Bericht weder die Resolution des Congrès syndical in Marseille über die Sache in Glasgow8 noch irgendeinen Hinweis darauf. Wie kommt es, daß aus dieser Sache ein solches Geheimnis gemacht wird?
Avelings Artikel in der „Pall Mall Gazette" ist auch in der „Workman's Times" veröffentlicht worden. Erhältst Du diese Zeitung noch?
Herzliche Grüße von Louise und
Deinem Dich liebenden
F. Engels
Aus dem Englischen.