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Engels an Friedrich Adolph Sorge
in Mount Desert

London, 30. Juni 87

Lieber Sorge,

Briefe etc. bis 16. Juni erhalten.

Ich schreibe an Wisch[newetzky], sie sollen die Anmerkung so machen: „Die albernen Verleumdungen zurückzuweisen, denen Aveling infolge seiner amerikanischen Agitationsreise ausgesetzt gewesen ist." Wollen sie auch das nicht, so sollen sie sich an Dich wenden, und dann kannst Du im Notfall sie autorisieren, die ganze Anmerkung zu streichen. Denn ich kann Aveling unmöglich zitieren, ohne auch über den Kram ein Wort zu sagen.

Aveling schreibt wegen „Time" incl. Postkarte. Die Hefte werden nach Rochester gegangen sein.

Die Geschichte mit der Annonce des „Capital" bei Scribner sieht aus wie eine beabsichtigte piracy1. Dank für die Mitteilung, ich werde sie an Sonnenschein gehn lassen. Soviel ich weiß, ist Scribner nicht Sonnenscheins Agent in New York.

Daß die Leute der Exekutive glaubten, mit den Wahlgeldern das Stillschweigen Liebk[necht]s erkauft zu haben, war vorauszusehn und nicht unberechtigt. Glücklicherweise hatte ich L[iebknecht] durch seinen ersten renommistischen Brief vollständig in der Hand und machte, als er sich zurückziehn wollte, sehr entschiednen Gebrauch davon.2

Hyndman hat auch hier den A[veling] in einem fort verklatscht und ist dabei durch A[veling]s Verschämtheit, von den Sachen zu sprechen, stark unterstützt worden. Könnten wir den Kerl ein einziges Mal fassen, so sollte er dran denken, indes wirtschaftet er sich selbst mehr und mehr ab. Er ist so elend neidisch, daß er keinen Konkurrenten dulden kann und mit allen in offnem oder verstecktem Krieg lebt. Und A[veling] ist endlich kampflustig geworden, und Tussy wird dafür sorgen, daß er's bleibt.

Die Geschichten über die Schack mußt Du nicht vergessen.3 Die Person will wieder herkommen und partout hier eine Rolle spielen. Da ist's besser, wenn man über sie vollständig im klaren ist. Die Geschichte zwischen ihr und Wisch[newetzkys] hat hier bei Kautskys und Av[eling]s großen Hurra verursacht; war wohl auch nicht ohne Einfluß auf ihre Schwenkung zu den Anarchisten, als Beweis, daß sie bei uns ausgespielt. Liebk[necht] schreibt, sie habe nach Dresden die erschreckliche Neuigkeit geschrieben, Aveling habe eine frühere Frau, von der er nicht geschieden, und lebe mit Tussy, ohne mit ihr verheiratet zu sein! Das ist hier ein so großes Geheimnis, daß A[veling]s es jedem irgend in diesem Punkt zweifelhaften Engländer, der ihre Bekanntschaft sucht, schriftlich anzeigen, damit er nicht sagen kann, er habe es nicht gewußt und sei under false pretences4 empfangen worden. Eines Tages sentimentalisierte sie dem alten Lenchen was vor, die A[veling]s schienen sehr ineinander verliebt zu sein, wenn das nur immer so bliebe usw. „Nun ja", platzte Lenchen heraus, „wenn's nicht so bleibt, dann gehn sie eben wieder auseinander, und dann ist's noch so." Worauf die Klatschmadam verstummte – diese praktische Auffassung hatte sie von Lenchen nicht erwartet.

Ich habe Lafargue geschrieben, Dir den „Soc[ialiste]" nach Rochester zu schicken, aber keine Antwort.

Hoffentlich bringt Dich das Sommerwetter wieder auf die Beine. Mir tut's sehr gut. Seit 4 Wochen Dürre, ich habe alle Fenster weit auf, lebe sozusagen in der freien Luft, das hilft mir fast wie eine Baderreise und wird auch hoffentlich meine Augen wieder in Ordnung bringen.

Father Mc-Glynn steht mir zum Hals heraus, und George hat sich als echter Sektenstifter herausgebissen.5 Ich hab's eigentlich nicht anders erwartet, aber bei der Neuheit der Bewegung war dieser Durchgang schwer zu vermeiden. Solche Leute müssen the length of their tether haben6, die Massen lernen eben nur durch die Folgen ihrer eignen Böcke.

Gute Besserung und gutes Wetter in Mount Desert!

Dein
F. Engels