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Engels an Friedrich Adolph Sorge
in Hoboken

London, 18. Juni 87

Lieber Sorge,

Dieser Brief geht schon nach Rochester, oder doch noch besser nach Hoboken, um Deine Instruktion genau zu erfüllen.

Postkarte erhalten. Richtig geraten. Die ganze Verzögerung kam von Wilhelm1, dem ich erst die Pistole auf die Brust setzen mußte. Zirkulare (6 englische, 6 deutsche) wirst Du von Sendung 4. Juni inzwischen erhalten haben.

Schluß der Schack-Geschichte2: Nachdem ich ihr für ihr Vorhaben, mich ferner nicht mehr zu besuchen, bestens gedankt, gingen Tussy und Aveling Freitag, 10. Juni, zu ihr. Sie empfing nur Tussy, die zu wissen verlangte, welche Tatsachen, und auf welche Beweise hin, sie gegen Aveling vorzubringen habe. – Antwort abermals verweigert. – Tussy erklärt ihr – Frau Kautsky war dabei –, dies sei eine Gemeinheit. – Die Schack: Das lasse ich mir von niemandem sagen. – Tussy: Dann werden Sie es sich jetzt nochmals von mir und in Gegenwart von Louise Kautsky sagen lassen, daß es eine Gemeinheit ist, wenn Sie Anklagen gegen Dritte vorbringen und nicht den Mut haben, dafür einzustehn. – Darauf riß die Schack aus ihrem eignen Schlafzimmer, wo dies stattfand, aus, und ward nicht mehr von Tussy gesehn. Ein paar Tage drauf ging sie nach Deutschland. Sie ist eine der ordinärsten Klatschschwestern, die ich je gesehn, echter preußischer Junkeradel.

Ich schicke Dir einstweilen die „Commonweal" nach, wegen der Debatte zwischen Bax und Bradlaugh. Bax wird mit dem schlauen Bradlaugh – in den Augen des großen Publikums – schwerlich fertig. Er ist sehr talentvoll, studiert sehr viel, sitzt aber noch dick in deutscher Philosophie, die er wohl auf die Dauer überwinden wird, aber noch lange nicht verdaut hat.

Um ganz korrekt zu sein, will ich die Behauptung meines vorigen Briefs, daß Avelings erste Frau ihm mit einem Pfaffen durchgegangen3, dahin berichtigen, daß er sich von ihr durch gegenseitige Übereinkunft getrennt hat, und will ich den fraglichen Pfaffen, der dabei auch eine Rolle gespielt, vorderhand auf sich beruhen lassen.

Der „Socialiste" erscheint wieder. Deville hat von seinem Alten geerbt und fr. 12 000 zur Verfügung gestellt. Ich schreibe an Lafargue, daß man ihn Dir zuschickt, ob's aber geschieht oder nicht, werde ich wohl erst von Dir erfahren, ich kenne die Wirtschaft.

Gestern abend ist die irische Zwangsbill in 2 Minuten Paragraph für Paragraph durchs Unterhaus durchgepeitscht worden. Ein würdiges Seitenstück zum Sozialistengesetz. Die reine Polizeiwllkür. Was in England Grundrecht, wird in Irland verboten und Verbrechen. Es ist der Grabstein der jetzigen Tories, die ich nicht für so dumm, und der Unionist Liberals, die ich kaum für so gemein gehalten. Dabei soll die Bill nicht auf Zeit, sondern für immer gelten. Das englische Parlament heruntergebracht aufs Niveau des deutschen Reichstags. Lang wird's freilich nicht vorhalten.

Es wird jetzt bald Zeit, Marx' Brief an Dich über H. George abzudrucken. Vielleicht nach den nächsten Novemberwahlen in New York, wenn G[eorge] sich da wieder breitmacht. Man mußte ihm den Spielraum lassen, sich entweder fortzuentwickeln oder sich abzuarbeiten, und letzteres scheint er vorzuziehn.

Ein Paket geht wieder an Dich ab. Die letzte „Commonweal" habe ich noch nicht erhalten, folgt nächstens.

Ich hoffe, die Ruhe in Rochester bringt Dich bald wieder auf die Beine. Das Faulenzen, wozu mich mein Auge noch immer nötigt, bekommt mir bei dem brillanten Wetter sehr gut. Wollen hoffen, daß es so bleibt.

Dein
F. Engels