London, 4. Juni 1887
Lieber Sorge,
Keine Bewegung gibt soviel fruchtlose Arbeit als die noch auf der Stufe der Sektè steht. Das weißt Du so gut wie ich. Dann dreht sich noch alles um Klatsch. Und so auch wieder dieser Brief über englische Geschichten.
Also vorigen Sonntag war Konferenz der Socialist League. Die darin zugelassenen anarchistischen Elemente, unterstützt von Morris, der alles Parlamentarische tödlich haßt und überhaupt konfus ist, und als Poet über der Wissenschaft steht, haben gesiegt. Resolution – an sich ziemlich unschuldig, da heute von parlamentarischer Aktion hier ja keine Rede sein kann – mit 17 gegen 11 Stimmen angenommen (s. „Commonweal", 4. Juni). Davon eine, eine ad hoc wieder konstituierte Bogus branch1 (3 Männer, ihre 3 Frauen und – Frau Schack!) und drei Londoner Delegierte mit Mandaten aus der Provinz, die aber die Verpflichtung enthielten, gegen jede derartige Abstentionsresolution zu stimmen. Also drei gestohlene Stimmen, und eine ungültige.
Der wirklich entscheidende Grund war, daß Morris austreten zu wollen erklärte, sobald irgendwelche parlamentarische Aktion im Prinzip anerkannt werde. Und da Morris das Defizit der „Commonweal", wöchentlich £ 4, deckt, überwog das bei vielen.
Unsre Leute wollen nun die Provinz organisieren, womit sie grade im besten Zug, und nach 3–4 Monaten eine außerordentliche Konferenz berufen, die das umstoßen soll. Das wird schwerlich gelingen, in Fabrizieren von Stimmsektionen sind die Anarchisten den Unsern weit überlegen, und machen aus 7 Mann 8 stimmfähige Sektionen. Aber die Komödie hat immerhin gewisse gute Seiten und ist bei der Stimmung der Arbeiter in der League nicht zu vermeiden. Bax natürlich mit uns, von Arbeitern Donald, Binning, Mahon u.a. – die Besten. Keiner der Unsrigen nahm eine Wahl in den Exekutive-Council an. Übrigens werden die Anarchisten vielleicht die Unsern kurzerhand herauswerfen, und das wäre das beste.
Worauf es ankommt, ist, daß unsre Leute beim bevorstehenden Ausbruch einer wirklichen Arbeiterbewegung nicht an eine Organisation gefesselt sind, die Ansprüche auf Leitung des Ganzen erhebt – à la Exekutive in New York und Social Democratic Federation hier. Die Arbeiter in den Provinzen organisieren überall lokale Verbände (sozialistisch), unabhängig von London. Sie haben eine kolossale Verachtung gegen alles, was von London kommt.
Nun neuer Klatsch. Kaum sind wir mit der New-Yorker Exekutive einigermaßen fertig, so schreibt mir die Mutter Schack, sie könne mein Haus nicht besuchen, weil sie mit Aveling nicht zusammenkommen könne, gegen den schwerwiegende Tatsachen vorlägen, weit schwerer als die amerikanischen Anklagen etc. Auf meine Aufforderung, sie möge spezifizieren und Beweise beibringen, antwortet sie mit geheimnisvollen Insinuationen, die der ärgsten Klatschschwester würdig, lehnt alle Einzelangaben und Beweise ab, fordert mich auf, ich soll mich in London selbst über A[velings] Vorleben erkundigen und verspricht ihre Beihülfe! Ich habe ihr natürlich geantwortet, ich habe keine Verpflichtung noch Lust, wenn sie etwas behaupte, dafür die Beweise beizubringen; das sei ihre Schuldigkeit, und da sie das verweigere, so sei ich ihr für ihren Entschluß, mich nicht mehr zu besuchen, sehr dankbar.
Ich belästige Dich hiermit nur, weil die Schack jedenfalls ihrer Busenfreund Wischnewetzky ein langes und breites darüber schreiben wird und man Dich damit möglicherweise behelligt. Der ganze Klatsch geht von den Frommen aus, die wütend sind, daß A[veling] als Sohn eines sehr renommierten Pfaffen2 (Congregationalist), der übrigens bis zu seinem neulichen Tode auf dem besten Fuß mit ihm stand, in die unrespektable Bradlaughsche Atheistenagitation eintrat, und wird jetzt von Bradlaugh & Co. mit Wollust weiterverbreitet, weil A[veling] zum Sozialismus übergegangen ist. Er dreht sich um zwei Punkte, daß seine erste Frau getrennt von ihm lebt und auf ihn schimpft – sie ist ihm mit einem Pfaffen durchgegangen – und daß er den Puckel voll Schulden hat. Diese Schulden sind kontrahiert: 1. weil er dumm genug war, für Bradlaughs Drucker bedeutende Wechsel aus purer Gefälligkeit zu endossieren, ohne zu wissen, daß B[radlaugh] diesem gekündigt und ihn so zum Bankerott gezwungen. 2. Weil er mit Bradlaugh ein physiologisches Laboratorium nebst Schule in Newman St. errichtete und der schlaue Bradlaugh – ein ehemaliger attorney's clerk3 – es so einrichtete, daß A[veling] allein juristisch haftbar war. Als nun die Sache schlecht ging und A[velings] Trennung von Br[adlaugh] kam, war es für Br[adlaugh] ein leichtes, dem A[veling] alle Passiva aufzubürden, während er selbst sich alle Aktiva ungeniert aneignete. An diesen Schulden hat A[veling] nun abzuzahlen, daß er schwarz wird. Er ist in Geldsachen so leicht zu prellen wie ein dreijähriges Kind, und man braucht ihn nur bei der Ehre zu fassen, so tut er mehr als man verlangt. Und wie immer werden dann diese Leute, die im Geldpunkt von einer lächerlich übertriebenen Edelmütigkeit sind, als Geldpreller verschrien. Alles das hätte die Schack von mir erfahren können, wenn sie mich einfach gefragt. Aber das war nicht, was ihr paßte. Es handelte sich um ganz was andres.
Die Schack – sonst eine ganz umgängliche lustige Person – hat den Drang, à tout prix eine Rolle zu spielen. Durch Polizeischikanen wegen ihrer Polemik gegen die Sittenpolizei in unsre Partei gedrängt, hat sie in Deutschland eine Frauenagitation gemacht, die unter andern Umständen einen Zweck hätte haben können, unter dem Sozialistengesetz aber nur den Erfolg hatte, daß, wie Singer mir erzählt, sie der Partei drei Geheimbundsprozesse auf den Hals lud, indem die Weiber, sobald sie sich untereinander zankten, die Tätigkeit der Männer in der Parteiorganisation ausklaatschten wo nicht denunzierten. Glücklicherweise legte ihr die Polizei auch dies Handwerk. Jetzt kommt sie her, verkehrt fortwährend mit den frommen Bourgeoisweibern der Anti-Contagious-Diseases Acts Agitation (gegen die versuchte Einführung der staatlich konzessionierten und beaufsichtigten Hurenhäuser und für den Freihandel in Hurenfleisch, eine Sache, die an sich manches für sich hat), von denen sie all den Klatsch über A[veling] etc. aufnimmt, andererseits mit den anarchistischen Elementen der League, die ihr denselben Klatsch mit Wollust teils abhören, teils neu erzählen, und wirft sich mehr und mehr auf die Anarchisterei. Da jetzt die Krise in der League kam, sah sie ein, daß es mit ihren sehr regelmäßigen Besuchen bei mir ein Ende nehmen müsse und suchte nach einem anständigen oder unanständigen Vorwand, um selbst abzubrechen, ehe sie abgebrochen würde. Dazu sollte A[veling] herhalten, und daher der ganze Klatsch, der mir nur neue Schreiberei[en] über Lumpereien verursacht, die meinen Augen nicht sehr nützlich sind.
Und hiermit lebe wohl für heute. Ich schicke per selbe Post Paket mit 1 „To-Day", 2 „Commonweal", 1 „Gleichheit", 5 englischen und 5 deutschen Aveling-Zirkularen.
Der Wisch[newetzky] habe ich die Vorrede jetzt deutsch registriert zugeschickt (Mittwoch4-Steamer).
Dein
F. Engels