London, 9.Nov.1882
Lieber Sorge,
Den „Labour Standard“ habe ich bezahlt bis 3. Dez., 4 sh. 5 d., und dem Shipton angezeigt, alle ferneren Rechnungen mir zu schicken. Solltest Du also desabonnieren, so bitte ich um prompte Anzeige.
Marx war 3 Wochen hier, hat sich sehr erholt, bedarf nur noch guter Luft und Schonung. Die kleineren Leiden sind so weit heruntergebracht, daß er sie nächsten Sommer sicher kuriert. Hauptsache ist, ihn durch den Winter zu bringen ohne Rückfall von Pleurisy, und deshalb ist er nach Ventnor, Isle of Wight, gegangen, von wo er mir eben ein paar Zeilen schrieb1. Die 3. Auflage2 wird nun dort mit Macht, soweit Umstände erlauben, in Angriff genommen, und hoffentlich nicht zuviel Zeit in Anspruch nehmen. Im übrigen war er sehr munter und aufgelegt, und wenn’s bis nächsten Herbst gut geht, wird er stärker sein als seit Jahren.
Dank von wegen Lilienthal[al]. Ich kenne den Mann jetzt so gut, als wären wir zusammen in die Schule gegangen.
Ich freue mich zu hören, daß es Deinem Adolph3 gut geht, er wird hoffentlich bald eine line4 finden, die ihm die erwünschte Chance zu raschem Vorankommen findet. Seine Briefe hieher sind angekommen, aber leider wie viele andre noch unbeantwortet.
Hepner ist ein rechter Schlemihl, auch seine Feldzüge, wie der gegen Schewitsch, drehen sich viel zu sehr um des Kaisers Bart. Wer wird sich denn so für „deutsche Kultur“ begeistern! Er soll doch mal erst amerikanische Kultur kennenlernen. Aber das ist echt deutsch. Da kommt so einer aus einem deutschen Mittelstädtchen und will gleich Amerika belehren. Indes Amerika wird ihn schon „break in“5, und da er Talent hat und auch einmal viel Witz hatte, kann er dann noch sehr nützlich werden.
16. Nov. Da siehst Du, wie’s hier geht. Vor 8 Tagen unterbrochen, komme ich erst heute dazu, fortzufahren, und hoffentlich auch abzuschließen.
Lafargue ist schon seit Frühjahr in Paris, seine Frau ist im Sommer nachgekommen, sie war mit Marx in Vevey 4 Wochen. Nämlich zuerst war Marx in Algier, dann in Monte Carlo (Monaco) und hatte in beiden Orten Rückfall von Pleurisy. Dann in Argenteuil bei Longuets, wo er wegen der chronischen Bronchitis die Schwefelbäder des benachbarten Enghien benutzte. Dann nach Vevey, und endlich hieher.
Du weißt, Lafargue hat (unter meiner sehr starken Nachhilfe, da er von seiner Frau platterdings kein Deutsch lernen wollte) 3 Kapitel meines „Anti-Dühring“ (Einleitung und die beiden ersten des Abschnitts III, Sozialismus) unter dem Titel „Socialisme utopique et soc[jalisme] scientifique“ französisch herausgegeben. Die Wirkung in Frankreich war enorm. Dicke Bücher wie das „Kapital“ zu lesen, dazu sind die meisten zu faul, und so wirkt so ein dünnes Broschürli viel rascher. Ich werde nun die Sache – mit stark popularisierenden Einschüben – deutsch herausgeben, das Ms. ist schon in Zürich und der erste Bogen gedruckt. Sobald fertig, schicke ich es Dir. Inzwischen habt Ihr ja den Dr. Stiebeling als Volksaufklärer für Amerika in utraque lingua6. Der Mann ist wohlmeinend, aber kein theoretischer Kopf und daher ziemlich konfus.
Die „Égalité“ erscheint jetzt täglich und wöchentlich. Ob die Tagesausgabe (statt des „Citoyen“, aus dem unsre Leute durch einen Coup de finance herausgeworfen7) sich hält, hängt vom Erfolg von Unterhandlungen mit einem Geldmann ab. Der „S[ozialdemokrat]“ ist in Beziehung auf die Spaltung zwischen den Unsern und Malon viel zu schlapp, aber der schlaue, sanft tuende Schuft Malon (einer der 17 Stifter von Bakunins geheimer „Alliance“) hat sich bei den Pariser Deutschen so eingeschmeichelt, und die Unsrigem einige so kolossale Dummheiten gemacht, daß die Pariser mit aller Macht auf Zürich drücken. Dazu hat Liebknecht auch mit Malon gemogelt, als er von hier über Paris heimging. Indes, wenn Laf[argue] und Guesde gar zu große Narrheiten machen, werde ich den „S[ozialdemokrat]“ schon herumkriegen.
Dein
F. E.
Grüße Adolph.