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Engels an Eduard Bernstein
in Zürich

London, 20. Okt. 1882

Lieber Herr Bernstein,

Ich habe Ihnen schon längst über die französischen Dinge schreiben wollen, komme aber erst jetzt dazu. Auch gut, ich kann da zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.

1.St.-Étienne. – Trotz der wohlmeinenden Ratschläge der Belgier ist das Unvermeidliche geschehn, die unverträglichen Elemente haben sich getrennt. Und das ist gut. Im Anfang, bei der Stiftung des parti ouvrier1, mußten alle Elemente zugelassen werden, die das Programm annahmen: taten sie das mit geheimen Vorbehalten, so mußte sich das später zeigen. Wir hier haben uns über Malon und Brousse nie getäuscht. Beide in der bakunistischen Intrigenschule großgezogen; Malon sogar Mitschuldiger bei der Stiftung von Bakunins geheimer „Alliance (einer der 17 Gründer). Aber enfin2, man mußte ihnen die Chance geben zu zeigen, ob sie mit der bakunistischen Theorie auch die Praxis abgestreift. Der Verlauf hat gezeigt, daß sie das Programm nur annahmen (und fälschten, Malon hat verschiedne Verschlechterungen hineingebracht) unter dem geheimen Vorbehalt, es umzuwerfen. Was in Reims und Paris begonnen, ist in St.-Étienne vollendet. Der proletarische Klassencharakter des Programms ist beseitigt. Die kommunistischen Considérants von 1880 sind ersetzt durch die der Statuten der Internationale von 1866, die so weit gefaßt werden mußten, grade weil die französischen Proudhonisten so weit zurück waren und doch nicht ausgeschlossen werden durften. Die positiven Programmforderungen sind annulliert, da jeder Lokalität freisteht, sich zu jedem Spezialzweck, so oft sie will, ein besonders Programm zu machen. Die angebliche Partei von St.-Étienne ist nicht nur keine Arbeiterpartei, sie ist überhaupt keine Partei, weil sie in der Tat kein Programm hat: sie ist höchstens eine Partei Malon-Brousse. Der schlimmste Vorwurf, den diese beiden dem alten Programm machen konnten, war: daß es mehr Leute abgestoßen als zugeführt habe. Dem ist nun abgeholfen: Proudhonisten wie Radikale haben keinen Grund mehr, draußen zu bleiben, und wenn es nach Malon & Co. ginge, so wäre der „Revolutionsbrei“, über den Vollmar klagt, der offizielle Ausdruck des französischen Proletariats.

In allen romanischen Ländern (vielleicht auch sonstwo) hat immer eine sehr milde Praxis geherrscht von wegen der Kongreßmandate. Viele darunter konnten das Tageslicht nicht gut vertragen. Solange das nicht zu arg getrieben, und solange es sich um Nebendinge handelte, schadete das wenig. Aber die Bakunisten erst führten (zuerst im Jura) dies als Regel ein, betrieben Mandatsunterschleif handwerksmäßig und suchten sich dadurch an die Spitze zu bringen. So jetzt in St.-Étienne. In der Vorbereitung des Kongresses herrscht überhaupt die ganze alte bakunistische Taktik, der jedes Mittel recht ist, Lüge, Verleumdung, Klüngelei im stillen. Das ist das einzige, worin Brousse Meister. Die Leute vergessen, daß, was bei kleinen Sektionen und auf einem kleinen Gebiet, wie der Jura, Erfolg haben kann, bei einer wirklichen Arbeiterpartei eines großen Landes notwendig diejenigen kaputtmachen muß, die derlei Dinge und Kniffe betreiben. Der Scheinsieg von St.-Étienne wird nicht lange vorhalten, und mit Malon-Brousse wird's bald definitiv zu Ende sein.

Es scheint, jede Arbeiterpartei eines großen Landes kann sich nur in innerem Kampf entwickeln, wie das in dialektischen Entwicklungsgesetzen überhaupt begründet ist. Die deutsche Partei wurde, was sie ist, im Kampf der Eisenacher und Lassalleaner, wo ja die Keilerei selbst eine Hauptrolle spielte. Einigung wurde erst möglich, als die von Lassalle absichtlich als Werkzeug gezüchtete Lumpenbande sich abgearbeitet hatte, und auch da geschah sie unsererseits mit viel zu großer Übereilung. In Frankreich müssen die Leute, die zwar die bakunistische Theorie geopfert, aber die bakunistischen Kampfmittel fortführen und gleichzeitig den Klassencharakter der Bewegung ihren Sonderzwecken opfern wollen, sich auch erst abarbeiten, ehe wieder Einigung möglich. Unter solchen Umständen Einigung predigen wollen, wäre reine Torheit. Mit Moralpredigten richtet man nichts aus gegen Kinderkrankheiten, die unter heutigen Umständen nun einmal durchgemacht werden müssen.

Übrigens haben auch die Roanner sehr nötig, daß man fortwährend scharfe Kritik gegen sie übt. Die revolutionäre Phrase und der ohnmächtige Tatendrang gehn oft genug mit ihnen durch.

2. „Citoyen“ – „Bataille“. Schon im Sommer, als es mit der „Bataille“ schlecht ging, das Geld in Reklamen etc. verpufft war, die Kapitalisten sich zurückzogen und Liss[agaray] mit Malon-Brousse gebrochen, schlug Liss[agaray] dem Guesde Fusion beider Blätter vor; sie beide sollten zusammen Chefredakteure sein, und jeder das Recht haben, aus den Redakteuren des andern Blatts drei herauszuwerfen. So dachte Liss[agaray] den verhaßten Lafargue zu beseitigen. Die Redakteure des „Citoyen“ lehnten dies einstimmig ab. Die „Bataille“ blieb im Sinken. Da arrangierte Liss[agaray] mit dem Eigentümer des „Citoyen“ (einem holländischen financier3) hinter dem Rücken der Redakteure desselben die Fusion, hoffend, sie durch diesen Staatsstreich sich unterwürfig zu machen. Das Gegenteil geschah: die Redakteure des „Citoyen“ setzten das Blatt, ohne einen Tag zu unterbrechen, fort und belangen den Eigentümer wegen Kontraktsbruch. Damit war Liss[agaray]s Coup gescheitert, er selbst tödlich blamiert, und er gesteht dies selbst ein, indem er zu seinem letzten Mittel flüchtet, und den „lâche4Lafargue“, wie er ihn in der „Bat[aille]“ nennt, zum Duell provoziert, was dieser hoffentlich unter keinen Umständen annimmt. – Daß Liss[agaray] durch diesen bonapartistischen Streich sich für immer ruiniert hat, ist wohl sicher. Im Augenblick, wo die Partei zum Kampf gegen die St.-Etienner ihr Blatt mehr als je nötig hat, seine Existenz aufs Spiel setzen, um sein eignes fallendes Blatt zu retten, unter allen Umständen (wenn der Coup gelungen) den Charakter des Blatts zu ändern, und das durch Allianz mit dem Bourgeoisbesitzer gegen die Repräsentanten der Partei, die Redakteure – das geht nun einmal nicht.

Ist Inliegendes zu stark, so mildern Sie. Wie steht's mit dem Druck der Broschüre? Marx ist hier (aber Geheimnis!) und wird den Winter hoffentlich an der englischen Küste verbringen können.

Ihr
F. E.

Dieser Brief geht ab 5 Uhr abends, 20. Okt., sollte also morgen abend oder Sonntag5 morgen in Ihren Händen sein.