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Marx an Engels
in London

[Ventnor] 8. November 82

Dear Fred,

Was sagst Du von Deprez’ Experiment bei der Münchner Elektrizitätsausstellung? Es ist beinahe schon ein Jahr, als Longuet mir versprach, die Arbeiten von Deprez mir zu verschaffen (speziell zum Beweis, daß Elektrizität erlaube den Transport der Kraft auf große Entfernung vermittelst einfachen Telegraphendrahts). Nämlich ein intimus des Deprez, Dr. D’Arsonval, ist Mitarbeiter an der „Justice“ und hat Verschiednes publiziert über Deprez’ Forschungen. Longuet vergaß jedesmal, gewohnterweise.

Mit großem Vergnügen erblickte ich das von Dir überschickte „paper“1, wo Sherbrooke und Rivers Wilson als „trustees in London for the Bondholders“2 prunken! Gestern im „Standard“, House of Commons debates3, wurde Gladstone arg zerzaust von wegen dieser trustees, da benamster Rivers Wilson noch hohen (i.e. gut bezahlten) Platz in englischer Public Debts4 Verwaltung einnimmt. Gladstone, offenbar sehr verlegen, suchte erst to pooh-pooh5, dann aber auf Ankündigung drohender Motion6 gegen den Rivers Wilson lügt Gladstone, er wisse in der Tat gar nichts von der Galveston and Eagle etc. Railway Co. Nicht minder rühmlich spielt our saintly grand old man7 in der Gibraltar-„Auslieferung“. Man erinnert sich, daß dieser Gladstone nicht umsonst in der schikanösen Beamtenoligarchie neben einem Graham etc. unter Sir Robert Peel seine Schultage erlebt.

Für das ungeschickte Lügen, dumme Wortverdrehn, faule Ausflüchte in der ägyptischen Sache, hier Sir Charles Dilke ganz am Platz. Er hat weder die pietistische Kasuistik des Gladstone, noch den heitren Hohn des quondam8 Palmerston. Dilke ist einfach ungezogner Parvenu, der sich groß erscheint in seiner Flegelei.

Da ich „Standard“ hier halte, fand ich darin auch das erwähnte Telegramm aus Frankfurt.9

Apropos. Es wäre mir lieb, wenn Bernstein mir das „Jahrbuch“ schickte, worin der Artikel Oldenburgs (ich glaube wenigstens, so heißt der Verfasser) über meine Werttheorie. Obgleich das mir nicht nötig, wäre es doch besser, wenn ich vor mir habe, was damals plädiert wurde. Als ich an das holländische Pfäfflein10 schrieb, war mir alles gewärtig; es liegt seitdem meine ganze Krankheit und der Verlust meiner Frau dazwischen – eine Periode langer Kopfverfinsterung.

Die heftige Windstürmerei wütet hier fortwährend, namentlich abends und die Nacht; morgens früh meist regnigt oder wenigstens gloomy11; während des Tags immer gute Intervalle, die man erwischen muß; dabei unstetes, launiges Wetter. Z.B. letzten Sonntag ging ich um 4 Uhr auf die Downs12 und promenierte dort auf Fahrpfad entlang Bonchurch, dessen höchste terrassenmäßig aufsteigende Häuser (die niedrigsten dicht nah dem Meer) bis an den Pfad reichen; weiter schlängelt der Pfad, bald etwas auf – bald nieder, zwischen der Höhe der Downs und ihrer Abflachung bis ans Meer. (Als ich das letztemal hier mit Tussy, wagte ich nicht bis an den Pfad aufzusteigen.) Hier kann man stundenlang bummeln, Berg- und Seeluft zusammen genießend. Es war so warm wie im Sommer; reines Blau des Himmels, mit nur durchsichtig weißen Wölkchen; plötzlich kalter Regen, sky suddenly overcast13. Dem verdankte ich wohl den Muskelrheumatismus (auf linker Brustseite, nah dem alten corpus delicti), ward Montag nacht so heftig, daß ich Dienstag trotz meines Widerstrebens einen Dr. kommen ließ. Meine old spinster14 MacLean, auf mein Befragen, sagte mir, daß 2 Ärzte in ihr Haus kommen. The greatest, the most fashionable man was “I. G. Sinclair Coghill, Physician to the Royal Hospital for Consumption“15. Ich frug, whether he be the old fogey whose coach I had had the displeasure of meeting almost daily before the door of her house. Indeed16, er war der Mann. Er besucht namentlich eine hier konstant wohnende old lady „with whom nothing serious it was the matter“, but „she liked to see the doctor at least 3 times in the course of a week“17. Ich verbat mir diesen Patron. Aber der 2te Doktor, den andre ihrer Logierer konsultierten, sei dagegen ein junger Mann, Dr. James M. Williamson. Den berief ich; indeed he is a nice young fellow, nothing priestly about him18. Er hatte mir in der Tat nichts zu verschreiben als ein liniment zum Einreiben. (Es geniert mich, solange dieser Muskelrheumatismus dauert, indem er unangenehme Empfindung speziell während des Hustens provoziert.) Im übrigen entschuldigt er sich wegen des schlechten Wetters. Was den Husten betrifft, namentlich der in der letzten Zeit auch in London stets verdrießlicher werdenden spasmodischen Charakter angenommen hat, so bin ich darüber mein einziger Sanitätsrat, und hoffe ihn bald los zu sein ohne doctor med.

Damit ich nicht zu sehr vom kapriziösen Wind und Temperaturwechsel abhänge beim Bummeln im Freien, bin ich genötigt, wieder respirator für case in need19 bei mir zu halten.

Großen Skandal setzte hier ein in dem „Standard“ und in „Globe“ erschienener Brief to that effect20, daß Ventnor ein central head of typhoid fever21 sei und verschiedne Opfer desselben in letzter Zeit gefallen worden seien. Nun in der lokalen Presse offizielle und nichtoffizielle Antworten auf dies „libel“22. Aber das komischste, der Ventnor Munizipalphilister will daraus einen libel-case23 machen gegen den Briefschreiber!

Salut.

Der Mohr