Interview
mit dem Grundleger des modernen Sozialismus

Besondere Korrespondenz der „Tribune“

London, den 18. Dezember [1878]

In einer kleinen Villa in Haverstock Hill, im nordwestlichen Teil Londons, wohnt Karl Marx, der Grundleger des modernen Sozialismus. Er ist 1844 wegen Verbreitung revolutionärer Theorien aus seinem Heimatlande Deutschland verbannt worden. Im Jahre 1848 kehrte er zurück, wurde aber ein paar Monate später erneut ausgewiesen. Darauf ließ er sich in Paris nieder, wo er 1849 seiner politischen Theorien wegen ebenfalls ausgewiesen wurde. Seitdem ist London sein Hauptquartier. Seine Überzeugungen haben ihm von Anfang an Schwierigkeiten bereitet. Nach seinem Heim zu urteilen, haben sie ihm keinen großen Wohlstand eingebracht. In all diesen Jahren hat Marx hartnäckig seine Ansichten mit einem Nachdruck vertreten, der zweifelsohne in seiner festen Überzeugung von ihrer Richtigkeit begründet ist. Wie sehr man auch gegen die Verbreitung dieser Ideen sein mag, so muß man doch der Selbstverleugnung des jetzt ehrwürdigen Mannes eine gewisse Achtung zollen.

Ich habe Dr. Marx zwei- oder dreimal besucht und ihn jeweils in seiner Bibliothek angetroffen, wo er mit einem Buch in der einen Hand und einer Zigarette in der anderen saß. Er muß über siebzig sein. Er ist gut gebaut, breitschultrig und von aufrechter Haltung. Er hat einen Intellektuellenkopf und das Äußere eines gebildeten Juden. Haar und Bart sind lang und eisengrau, die schwarzfunkelnden Augen werden von buschigen Brauen überschattet. Er ist Fremden gegenüber außerordentlich vorsichtig, doch Ausländer empfängt er im allgemeinen. Aber die ehrwürdig aussehende Deutsche, welche die Besucher empfängt1, ist angewiesen, solche aus dem Vaterland nur zuzulassen, wenn sie ein Empfehlungsschreiben vorzeigen können. Wenn man jedoch einmal in der Bibliothek ist und Marx sein Einglas eingeklemmt hat, um einem sozusagen intellektuell Maß zu nehmen, dann gibt er die Zurückhaltung auf. Er entfaltet dann für den interessierten Besucher sein Wissen um Menschen und Dinge überall in der Welt. In der Konversation ist er nicht einseitig, sondern er berührt so viele Gebiete wie die Bände in seinen Bücherschränken. Man kann jemanden meistens nach den Büchern beurteilen, die er liest. Der Leser möge seine eigenen Schlußfolgerungen ziehen, wenn ich ihm sage, was mir ein flüchtiger Blick zeigte: Shakespeare, Dickens, Thackeray, Molière, Racine, Montaigne, Bacon, Goethe, Voltaire, Paine; englische, amerikanische und französische Blaubücher; politische und philosophische Werke in russischer, deutscher, spanischer, italienischer Sprache usw. usw.

Bei unseren Unterhaltungen hat mich Marx' eingehende Kenntnis der amerikanischen Probleme der letzten zwanzig Jahre sehr überrascht. Die erstaunliche Genauigkeit in seiner Kritik unserer National- und Staatsgesetzgebung machte mir den Eindruck, daß er seine Informationen aus vertraulichen Quellen bezieht.2 Jedoch beschränkt sich diese Kenntnis nicht auf Amerika, sondern umfaßt sie ganz Europa.

Wenn er über sein Lieblingsthema, den Sozialismus, spricht, dann schwelgt er nicht in jenen melodramatischen Tiraden, die ihm allgemein zugeschrieben werden. Er verweilt dann bei seinen utopischen Plänen für „die Emanzipation der Menschheit" mit einem Ernst und einer Nachdrücklichkeit, die darauf weisen, daß er fest überzeugt ist von der Verwirklichung seiner Theorien, wenn nicht in diesem, dann zumindest im nächsten Jahrhundert.

Dr. Karl Marx ist in Amerika vielleicht am besten bekannt geworden als Verfasser des „Kapital" und als Gründer der Internationale oder zumindest als ihr hauptsächlichster Träger. Das folgende Interview wird zeigen, was er über diese Gesellschaft in ihrer heutigen Form zu sagen hat. Hier folgen erst einige Auszüge aus den gedruckten Statuten, die 1871 im Auftrage des Generalrates veröffentlicht worden sind und aus denen man sich ein unparteiisches Urteil über Zweck und Ziel der Internationale bilden kann.

Während meines Besuches wies ich Dr. Marx darauf hin, daß J. C. Bancroft Davis 1877 in seinem offiziellen Bericht ein Programm mitteilt, das mir die bis jetzt deutlichste knappe Darstellung der Ziele des Sozialismus zu sein schien. Er antwortete, das Programm sei dem Bericht über den Gothaer Sozialisten-Kongreß vom Mai 1875 entnommen. Aber die Übersetzung sei fehlerhaft. Dr. Marx erbot sich, sie zu verbessern, und ich lasse sie hier nach seinem Diktat folgen:

1. Allgemeines, gleiches, direktes Wahl- und Stimmrecht mit geheimer und obligatorischer Stimmabgabe aller Staatsangehörigen vom zwanzigsten Lebensjahre an für alle Wahlen und Abstimmungen in Staat und Gemeinde. Der Wahl- oder Abstimmungstag muß ein Sonntag oder Feiertag sein.

2. Direkte Gesetzgebung durch das Volk. Entscheidung über Krieg und Frieden durch das Volk.

3. Allgemeine Wehrhaftigkeit. Volkswehr an Stelle der stehenden Heere.

4. Abschaffung aller Ausnahmegesetze, namentlich der Preß-, Vereins- und Versammlungsgesetze; überhaupt aller Gesetze, welche die freie Meinungsäußerung, das freie Denken und Forschen beschränken.

5. Rechtsprechung durch das Volk. Unentgeltliche Rechtspflege.

6. Allgemeine und gleiche Volkserziehung durch den Staat. Allgemeine Schulpflicht. Unentgeltlichen Unterricht in allen Bildungsanstalten.

7. Möglichste Ausdehnung der politischen Rechte und Freiheiten im Sinne der obigen Forderungen.

8. Eine einzige progressive Einkommenssteuer für Staat und Gemeinde, anstatt aller bestehenden, insbesondere der das Volk belastenden indirekten Steuern.

9. Unbeschränktes Koalitionsrecht.

10. Einen den Gesellschaftsbedürfnissen entsprechenden Normalarbeitstag. Verbot der Sonntagsarbeit.

11. Verbot der Kinderarbeit und aller die Gesundheit und Sittlichkeit schädigenden Frauenarbeit.

12. Schutzgesetze für Leben und Gesundheit der Arbeiter. Sanitätliche Kontrolle der Arbeiterwohnungen. Überwachung der Bergwerke, der Fabrik-, Werkstatt- und Hausindustrie durch von den Arbeitern gewählte Beamte.
Ein wirksames Haftpflichtgesetz.

13. Regelung der Gefängnisarbeit.

In Bancroft Davis' Bericht kommt noch ein zwölfter Artikel vor, der der wichtigste von allen ist und lautet:

„Die Errichtung von sozialistischen Produktivgenossenschaften mit Staatshilfe unter der demokratischen Kontrolle des arbeitenden Volkes."

Ich fragte den Doktor, weshalb er diesen Artikel ausgelassen habe, und er antwortete:

Marx: „Zur Zeit der Gothaer Versammlung, 1875, gab es eine Spaltung in der Sozialdemokratie. Den einen Flügel bildeten die Anhänger Lassalles; den anderen jene, welche im allgemeinen das Programm der Internationale anerkannt hatten und die Eisenacher Partei genannt wurden. Der angeführte zwölfte Artikel wurde nicht in das eigentliche Programm aufgenommen, sondern als Konzession gegenüber den Lassalleanern in der allgemeinen Einleitung untergebracht. Nachher wurde nie wieder davon gesprochen. Herr Davis sagt nichts darüber, daß dieser Artikel als Kompromiß ohne irgendeine besondere Wichtigkeit in das Programm hineingenommen wurde, sondern er hebt ihn in vollem Ernst als einen der Hauptgrundsätze des Programms hervor."

Frage: „Aber die Sozialisten betrachten doch ganz allgemein die Überführung der Arbeitsmittel in gesellschaftliches Gemeineigentum als das große Ziel der Bewegung?"

Marx: „Gewiß, wir sagen, daß dies das Ergebnis der Bewegung sein wird. Doch wird das eine Frage der Zeit, der Erziehung und der Ausbildung höherer Gesellschaftsformen sein."

Frage: „Dieses Programm gilt wohl nur für Deutschland und ein oder zwei andere Länder?"

Marx: „Wenn Sie nur aus diesem einen Programm Schlüsse ziehen wollen, so verkennen Sie die Tätigkeit der Bewegung. Mehrere Punkte dieses Programmes sind außerhalb Deutschlands ohne Bedeutung. Spanien, Rußland, England und Amerika haben eigene Programme, die jeweils ihren besonderen Schwierigkeiten angepaßt sind. Ihre einzige Ähnlichkeit besteht in dem gemeinsamen Endziel."

Frage: „Und das ist die Arbeiterherrschaft?"

Marx: „Das ist die Freimachung der Arbeit."

Frage: „Wird die amerikanische Bewegung von den europäischen Sozialisten ernstgenommen?"

Marx: „Ja. Sie ist das natürliche Resultat der Entwicklung dieses Landes. Man hat gesagt, die Arbeiterbewegung sei von Ausländern importiert worden. Als vor fünfzig Jahren die Arbeiterbewegung in England ungemütlich wurde, hat man dasselbe gesagt. Und das war lange bevor von Sozialismus die Rede war! In Amerika hat die Arbeiterbewegung erst seit 1857 größere Bedeutung erlangt. Damals nahmen die örtlichen Gewerkschaften ihren Aufschwung, dann wurden Zentralgewerkschaften für die verschiedenen Berufe gebildet, und nachdem kam die Nationale Arbeiter-Union. Dieser chronologische Fortschritt zeigt, daß der Sozialismus in Amerika ohne ausländische Hilfe und lediglich durch die Kapitalkonzentration sowie durch die veränderten Beziehungen zwischen den Arbeitern und Unternehmern entstanden ist."

Frage: „Was hat der Sozialismus bis jetzt erreicht?"

Marx: „Zwei Dinge: die Sozialisten haben bewiesen, daß der allgemeine Kampf zwischen Kapital und Arbeit überall stattfindet, kurz, sie haben seinen kosmopolitischen Charakter bewiesen. Sie haben daher versucht, eine Verständigung zwischen den Arbeitern der verschiedenen Länder zustande zu bringen. Dies wurde um so notwendiger, als die Kapitalisten stets kosmopolitischer wurden und nicht nur in Amerika, sondern auch in England, Frankreich und Deutschland ausländische Arbeitskräfte anheuerten und sie gegen die einheimischen Arbeiter benutzten. Sofort entstanden internationale Verbindungen zwischen den Arbeitern der verschiedenen Länder: es zeigte sich, daß der Sozialismus nicht nur ein örtliches, sondern ein internationales Problem war, das durch internationale Aktion der Arbeiter gelöst werden mußte. Die arbeitenden Klassen sind spontan in Bewegung gekommen, ohne zu wissen, wohin die Bewegung sie führen werde. Die Sozialisten erfinden keine Bewegung, aber sie erklären den Arbeitern ihren Charakter und ihre Ziele."

Frage: „Das heißt: Der Umsturz der herrschenden Gesellschaftsordnung?"

Marx: „In diesem System sind das Kapital und das Land im Besitze der Unternehmer, während die Arbeiter nur ihre bloße Arbeitskraft haben, die sie wie eine Ware verkaufen müssen. Wir behaupten, dieses System ist lediglich eine historische Phase, es wird verschwinden und einer höheren Gesellschaftsordnung Platz machen. Wir stellen überall eine Teilung der Gesellschaft [in Klassen] fest. Der Antagonismus dieser beiden Klassen geht Hand in Hand mit der Entwicklung der industriellen Hilfsquellen in den zivilisierten Ländern. Vom sozialistischen Standpunkte aus gesehen, sind bereits die Mittel vorhanden, um die gegenwärtige historische Phase revolutionär zu verändern. In vielen Ländern haben sich aus den Gewerkschaften politische Organisationen entwickelt. In Amerika ist deutlich geworden, daß man eine unabhängige Arbeiterpartei braucht. Die Arbeiter können den Politikern nicht mehr trauen. Spekulanten und Cliquen haben sich der gesetzgebenden Körperschaften bemächtigt, und die Politik ist ein Geschäft geworden. Darin steht Amerika nicht allein, aber dort ist das Volk entschlossener als in Europa. In Amerika reift alles schneller, man redet nicht um die Sache herum und nennt die Dinge beim rechten Namen."

Frage: „Wie erklären Sie das rasche Anwachsen der sozialistischen Partei in Deutschland?"

Marx: „Die heutige sozialistische Partei ist spät entstanden. Die deutschen Sozialisten haben sich nicht mit den utopischen Systemen aufgehalten, die in Frankreich und in England einige Bedeutung erlangten. Die Deutschen neigen mehr als andere Völker zum Theoretisieren, und sie haben aus früheren Erfahrungen [anderer] praktische Schlüsse gezogen. Sie dürfen nicht vergessen, daß für Deutschland im Gegensatz zu anderen Ländern der moderne Kapitalismus etwas völlig Neues ist. Er stellte Fragen auf die Tagesordnung, welche in Frankreich und England schon fast vergessen waren. Die neuen politischen Kräfte, denen sich die Völker jener Länder gefügt hatten, sahen sich in Deutschland einer Arbeiterklasse gegenüber, die bereits von sozialistischen Theorien durchdrungen war. Daher konnten die Arbeiter schon fast bei der Einführung des modernen Industrie-Systems eine unabhängige politische Partei bilden.3 Sie hatten ihre eigenen Vertreter im Parlament. Es gab keine Oppositionspartei gegen die Regierungspolitik, und diese Rolle fiel der Arbeiterpartei zu. Es würde zu weit führen, hier die Geschichte der Partei schildern zu wollen. Aber ich darf dies sagen: die deutsche Bourgeoisie, wenn sie nicht, im Gegensatz zur amerikanischen und englischen, aus den größten Feiglingen bestünde, hätte schon längst diese Oppositionspolitik gegen die Regierung führen müssen."

Frage: „Wieviel Lassalleaner gibt es in den Reihen der Internationalen?"

Marx: „Die Lassalleaner existieren nicht als Partei. Es gibt natürlich ein paar Gläubige bei uns, aber nur eine kleine Anzahl. Lassalle hat unsere allgemeinen Grundsätze schon vorher angewendet. Als er nach der Reaktion, die auf 1848 folgte, seine Bewegung begann, glaubte er die Arbeiterbewegung am besten wiederbeleben zu können, wenn er Arbeiter-Produktivgenossenschaften empfahl. Damit wollte er die Arbeiter zur Tätigkeit anstacheln. Er betrachtete dies als ein bloßes Mittel zum Erreichen des wirklichen Zieles der Bewegung. Ich habe Briefe in diesem Sinne von ihm."

Frage: „Dies war also gewissermaßen sein Heilsmittel?"

Marx: „Genau das. Er suchte Bismarck auf und erzählte ihm, was er beabsichtige. Bismarck ermutigte damals Lassalles Bestrebungen auf alle denkbare Weise."

Frage: „Welche Absicht hatte Bismarck dabei?"

Marx: „Er wollte die Arbeiterklasse gegen die Bourgeoisie ausspielen, von der die 1848er Revolution ausgegangen war."

Frage: „Man sagt, Sie seien das Haupt und der Lenker der sozialistischen Bewegung, und in Ihrem Hause ziehen Sie alle Drähte, die zu den Organisationen, Revolutionen usw. führen. Ist das so?"

Marx: „Ich weiß. Es ist sehr abgeschmackt, hat aber eine komische Seite. Zwei Monate vor Hödels Attentat hat sich Bismarck in der Norddeutschen [Allgemeinen] Zeitung darüber beklagt, ich stünde im Bunde mit dem Jesuitengeneral Beckx, und wir seien verantwortlich dafür, daß Bismarck nichts mit der sozialistischen Bewegung anfangen könne."

Frage: „Aber Ihre ‚Internationale Gesellschaft' in London leitet doch die Bewegung?"

Marx: „Die Internationale hat ihren Nutzen gehabt, aber sie hat sich überlebt und es gibt sie nicht mehr. Es hat sie gegeben und sie hat die Bewegung geführt. Sie ist überflüssig geworden durch das Wachsen der sozialistischen Bewegung in den letzten Jahren. In den verschiedenen Ländern sind Zeitungen gegründet worden, die gegenseitig ausgetauscht werden. Das ist die einzige Verbindung, welche die Parteien der verschiedenen Länder miteinander unterhalten. Die Internationale war in erster Linie geschaffen worden, um die Arbeiter zusammenzubringen und ihnen zu zeigen, wie ratsam es ist, eine Organisation zwischen ihren verschiedenen Nationalitäten herzustellen. Die Interessen der einzelnen Parteien in den verschiedenen Ländern ähneln sich nicht. Jenes Gespenst der Internationale-Führer, die in London sitzen, ist reine Erfindung. Richtig ist, daß wir ausländischen Arbeiterorganisationen Vorschriften gemacht haben, als die Organisation der Internationalen fest gegründet war. So waren wir gezwungen, einige New-Yorker Sektionen auszuschließen, unter anderen eine, in der Frau Woodhull sehr in den Vordergrund trat. Das war 1871. Es gibt mehrere amerikanische Politiker, die gerne ihr Geschäft mit der Bewegung machen würden. Ich will keine Namen nennen – die amerikanischen Sozialisten kennen sie sehr gut."

Frage: „Ihren Anhängern und Ihnen, Herr Dr. Marx, werden allerhand Brandreden gegen die Religion zugeschrieben. Sie möchten natürlich gerne das ganze System mit Stumpf und Stiel ausgerottet sehen?"

Marx: „Wir wissen, daß Gewaltmaßnahmen gegen die Religion unsinnig sind. Nach unserer Auffassung wird die Religion verschwinden in dem Maße, wie der Sozialismus erstarkt. Die gesellschaftliche Entwicklung muß diesem Verschwinden Vorschub leisten, wobei der Erziehung eine wichtige Rolle zufällt."

Frage: „Der Pfarrer Joseph Cook in Boston hat letztens in einer Vorlesung behauptet: Karl Marx soll gesagt haben, in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien, vielleicht auch in Frankreich, sei eine Arbeits-Reform ohne blutige Revolution durchführbar, aber in Deutschland und in Rußland sowie in Italien und Österreich müßte dazu Blut vergossen werden."

Marx: „Ich habe von Herrn Cook gehört. Er ist über den Sozialismus sehr schlecht unterrichtet. Man braucht kein Sozialist zu sein, um vorauszusehen, daß es in Rußland, Deutschland, Österreich, und möglicherweise in Italien, wenn die Italiener auf dem bisherigen Wege fortschreiten, zu blutigen Revolutionen kommen wird. Die Ereignisse der Französischen Revolution könnten sich in diesen Ländern noch einmal abspielen. Das ist jedem Kenner der politischen Verhältnisse deutlich. Aber diese Revolutionen werden von der Mehrheit gemacht werden. Revolutionen werden nicht von einer Partei gemacht, sondern von der ganzen Nation."

Frage: „Der erwähnte Geistliche hat einen Auszug aus einem Briefe zitiert, den Sie 1871 an die Pariser Kommunarden geschrieben haben sollen, und in dem es heißt: ‚Jetzt sind wir höchstens 3 Millionen. Aber in zwanzig Jahren werden wir 50 oder vielleicht 100 Millionen sein. Dann wird uns die Welt gehören, dann werden sich nicht nur Paris, Lyon und Marseille gegen das verhaßte Kapital erheben, sondern auch Berlin, München, Dresden, London, Liverpool, Manchester, Brüssel, St. Petersburg und New York – kurz, die ganze Welt. Und vor diesem neuen, in der Geschichte noch nicht dagewesenen Aufstande wird die Vergangenheit wie ein abscheulicher Alpdruck verschwinden: der an hundert Stellen gleichzeitig ausbrechende Volksbrand wird sogar die Erinnerung an die Vergangenheit auslöschen.' Geben Sie zu, Herr Doktor, diesen Auszug geschrieben zu haben?"

Marx: „Nicht ein Wort. Ich schreibe niemals derart melodramatischen Unsinn. Ich überlege mir sehr, was ich schreibe. Dies hat damals mit meiner Unterschrift im Figaro gestanden. Derartige Briefe wurden damals zu hunderten verbreitet. Ich habe der Londoner Times geschrieben und sie für Fälschungen erklärt.4 Wenn ich aber alles widerlegen wollte, was über mich gesagt und geschrieben worden ist, dann müßte ich zwanzig Sekretäre beschäftigen."

Frage: „Aber Sie haben doch zugunsten der Pariser Kommune geschrieben?"

Marx: „Gewiß habe ich das getan, angesichts dessen, was in Leitartikeln über sie geschrieben wurde. Jedoch die Pariser Korrespondenzen in der englischen Presse widerlegen hinreichend die Behauptungen der Leitartikel über Plünderungen usw. Die Kommune hat nur ungefähr 60 Menschen getötet. Marschall Mac-Mahon und seine Schlächterarmee haben mehr als 60000 getötet. Niemals ist eine Bewegung derart verleumdet worden wie die Kommune."

Frage: „Halten die Sozialisten Mord und Blutvergießen für notwendig zur Durchführung ihrer Grundsätze?"

Marx: „Keine einzige große Bewegung ist ohne Blutvergießen geboren worden. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika errangen ihre Unabhängigkeit durch Blutvergießen, Napoleon hat Frankreich durch blutige Geschehen erobert, und er ist auf die gleiche Weise überwunden worden. Italien, England, Deutschland und jedes andere Land liefern weitere Beispiele derselben Art. Was den Meuchelmord betrifft, so ist er bekanntlich nichts Neues. Orsini hat versucht, Napoleon umzubringen, aber die Könige haben mehr Menschen getötet als jemand anders. Die Jesuiten haben getötet, und die Puritaner unter Cromwell haben getötet. All dies geschah, ehe man von Sozialisten gehört hatte. Heute macht man jedoch für jeden Attentatsversuch gegen Könige oder Staatsmänner die Sozialisten verantwortlich. Der Tod des deutschen Kaisers5 würde von den Sozialisten gerade jetzt besonders bedauert werden: er ist auf seinem Posten sehr nützlich, und Bismarck hat für unsere Bewegung mehr als irgendein anderer Staatsmann getan, weil er die Dinge auf die Spitze treibt."6

Frage: „Was denken Sie von Bismarck?"

Marx: „Vor seinem Fall hielt man Napoleon für ein Genie – nachdem hat man ihn einen Narren gescholten. Bismarck wird es genauso ergehen. Unter dem Vorwande, Deutschland zu einigen, hat er angefangen, eine Despotie zu errichten. Worauf er hinaus will, ist jedem klar. Seine neueste Handlung ist nur ein verkappter Staatsstreich – er wird aber mißlingen. Die deutschen und französischen Sozialisten haben gegen den Krieg von 1870 als einen rein dynastischen Krieg protestiert. In ihren Manifesten haben sie dem deutschen Volke vorausgesagt, wenn es die Umwandlung des angeblichen Verteidigungskrieges in einen Eroberungskrieg zuließe, werde es mit der Errichtung einer Militärdespotie und mit rücksichtsloser Unterdrückung der werktätigen Massen bestraft werden. Die Sozialdemokratische Partei in Deutschland hat damals Versammlungen abgehalten und Manifeste veröffentlicht, in denen sie für einen ehrenvollen Frieden mit Frankreich eintrat. Sie wurde sofort von der preußischen Regierung verfolgt, und viele ihrer Führer wurden eingekerkert. Trotzdem wagten ihre Abgeordneten es, und sie allein, sehr heftig im Deutschen Reichstage gegen die gewaltsame Annektierung französischer Provinzen zu protestieren. Bismarck setzte jedoch seine Politik mit Gewalt durch, und die Leute sprachen von dem Genie Bismarck. Der Krieg war zu Ende, und als er keine neuen Eroberungen mehr machen konnte, sondern originelle Ideen hervorbringen sollte, hat Bismarck kläglich versagt.7 Das Volk hat seinen Glauben an ihn verloren und seine Popularität ist auf die Neige gegangen. Er braucht Geld, und der Staat braucht Geld. Mit einer Schein-Verfassung hat er dem Volk Steuern für seine Militär- und Einigungs-Pläne auferlegt, bis es nicht mehr länger geht, und da versucht er es jetzt ohne jegliche Verfassung. Um weiterhin schröpfen zu können, wie er will, hat er das Gespenst des Sozialismus heraufbeschworen und tut er alles, was in seiner Macht steht, um einen Volksaufstand hervorzurufen."

Frage: „Erhalten Sie regelmäßig Berichte aus Berlin?"

Marx: „Ja, ich werde von meinen Freunden sehr gut unterrichtet. Berlin ist durchaus ruhig, und Bismarck ist enttäuscht. Er hat 48 führende Männer ausgewiesen, darunter die Abgeordneten Hasselmann und Fritzsche sowie Rackow, Baumann und Auer von der Freien Presse8. Diese Männer haben die Berliner Arbeiter zur Ruhe ermahnt, und Bismarck wußte das. Er wußte ebenfalls, daß in Berlin 75000 Arbeiter dem Verhungern nahe sind. Er rechnete zuversichtlich darauf, daß es nach der Entfernung der Führer zu Krawallen kommen würde, die ihm das Zeichen zu einem Blutbad geben würden.9 Dann hätte er dem ganzen Deutschen Kaiserreiche die Daumenschrauben ansetzen und seiner geliebten Blut- und Eisenpolitik freien Lauf lassen können, und der Steuereintreibung würden keine Grenzen mehr gesetzt sein. Bis jetzt sind noch keine Unruhen vorgekommen und Bismarck muß zu seiner Bestürzung feststellen, daß er sich vor allen Staatsmännern blamiert hat."

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Nach: Archiv für Sozialgeschichte, Band 5,
Hannover 1965, S. 363–376.