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Marx an Friedrich Adolph Sorge
in Hoboken

[London] 19.Oktober 1877

Lieber Sorge,

Du erhältst zugleich mit diesen Zeilen einliegend Manuskript für Douai1; falls er die Übersetzung des „Kapital“ macht. Das Manuskript enthält, außer wenigen Änderungen im deutschen Text, angegeben, wo letzterer durch die französische Ausg. zu ersetzen ist. In dem für Douai bestimmten und heute ebenfalls an Deine Adresse versandten Exemplar der französischen Ausgabe sind die im Manuskript angeführten Stellen markiert. Ich fand die Arbeit viel zeitraubender als ich dachte, wozu noch eine garstige, nicht ganz überstandne Influenza hinzukam.

Im Fall der Herausgabe müßte Douai in der Vorrede bemerken, daß er neben der 2ten deutschen Ausgabe die später erschienene und von mir umgearbeitete französische Ausgabe benutzt hat, aber, by no means2, daß diese amerikanische Ausgabe vom Verfasser autorisiert ist. Täte er letzteres, so würden die englischen Buchhändler sofort Nachdruck in England veranstalten und legal dazu befugt sein. Obgleich ich überall in Europa, wo copyright mit England existiert, das Übersetzungsrecht mit Vergnügen gewähre, so sicher nicht in England, diesem Land des Mammons. Londoner Buchhändler haben schon einige von mir vereitelte Versuche gemacht, ohne meine Erlaubnis, also auch ohne Zahlung an mich, eine englische Ausgabe zu bewerkstelligen. Ich bin aber fest entschlossen, daß diese Herrn sich nicht auf meine Kosten bereichern sollen auch nur um einen Deut.

Engels’ Zeit ist für den Augenblick in der verschiedensten Weise beansprucht, erstens Arbeit für den „Vorwärts“, zweitens Überflutung von Philisterbesuchen aus Deutschland, drittens persönliche „Influenza“ und viertens Krankheit seiner Frau3. Daher konnte bis dato das „Manifest“ noch nicht von uns gemeinsam in Angriff4 genommen werden.

In Deutschland macht sich in unsrer Partei, nicht so sehr in der Masse, als unter den Führern (höherklassigen und „Arbeitern“) ein fauler Geist geltend. Der Kompromiß mit den Lassallianern hat zu Kompromiß auch mit andern Halbheiten geführt, in Berlin (via Most) mit Dühring und seinen „Bewunderern“, außerdem aber mit einer ganzen Bande halbreifer Studiosen und überweiser Doctores, die dem Sozialismus eine „höhere, ideale“ Wendung geben wollen, d. h. die materialistische Basis (die ernstes, objektives Studium erheischt, wenn man auf ihr operieren will) zu ersetzen durch moderne Mythologie mit ihren Göttinnen der Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit und fraternité5. Herr Dr. Höchberg, der die „Zukunft“ herausgibt, ist ein Vertreter dieser Richtung und hat sich in die Partei „eingekauft“ – ich unterstelle, mit den „edelsten“ Absichten, aber ich pfeife auf „Absichten“. Etwas Miserableres wie sein Programm der „Zukunft“ hat selten mit mehr „bescheidner Anmaßung“ das Licht erblickt.

Die Arbeiter selbst, wenn sie wie Herr Most et Cons. das Arbeiten aufgeben und Literaten von Profession werden, stiften stets „theoretisch“ Unheil an und sind stets bereit, sich an Wirrköpfe aus der angeblich „gelehrten“ Kaste anzuschließen. Namentlich, was wir seit Jahrzehnten mit so viel Arbeit und Mühe aus den Köpfen der deutschen Arbeiter gefegt und was selben das theoretische Übergewicht (daher auch das praktische) über Franzosen und Engländer gab – der utopistische Sozialismus, das Phantasiegespiel über den künftigen Gesellschaftsbau – grassiert wieder und in einer viel nichtigeren Form, nicht nur verglichen mit den großen französischen und englischen Utopisten, sondern mit – Weitling. Es ist natürlich, daß der Utopismus, der vor der Zeit des materialistisch-kritischen Sozialismus letzteren in nuce6 in sich barg, jetzt wo er post festum kommt, nur noch albern sein kann, albern, fad und von Grund aus reaktionär.

Das „Vorwärts“ scheint das Hauptprinzip in der letzteren Zeit zu befolgen, Manuskript zu nehmen, „copie“ wie die Franzosen sagen, woher es immer komme. Z. B. in einigen der letzteren Nummern schreibt erstens ein Bursche, der nicht das ökonomische ABC kennt, groteske Enthüllungen über die „Gesetze“ der Krisen. Er enthüllt nichts als seinen eignen innern „Krach“. Und nun gar der naseweise Bengel aus Berlin, dem erlaubt wird, seine unmaßgeblichen Gedanken über England und den plattesten Panslawismusblödsinn in endlosen Bandwurmsartikeln auf Kosten des „souveränen Volks“ drucken zu lassen! Satis superque!7

Dein
Karl Marx

Apropos. Vor einigen (wenigen) Jahren erschien eine Art Blaubuch (ich weiß nicht, ob offizielles) über die Zustände der miners8 in Pennsylvanien, die bekanntlich sich in feudalster Abhängigkeit von ihren money-lords befinden (ich glaube, die Sache erschien nach einem blutigen Konflikt). Es ist von der höchsten Wichtigkeit für mich, diese Veröffentlichung zu haben und wenn Du mir sie verschaffen kannst, schicke ich Dir den Preis; wenn nicht, kannst Du mir vielleicht den Titel verschaffen, und würde ich dann mich an Harney wenden (in Boston).