London, 22.[-23.] April 1872
Lieber Cuno,
Heute morgen erhielt ich Ihren Brief, auf den ich mit Schmerzen gewartet hatte. Gandolfi hatte mir vor einiger Zeit geschrieben, man vermute, daß die italienische Regierung Sie an die Preußen ausgeliefert habe. – Ihre Verhaftung etc. ersah ich aus den Blättern, die auch schon andeuteten, man habe Sie aus „Mangel an Subsistenzmitteln“ ausgewiesen – die Mailänder Zeitung hatte eine Polizeinotiz der Art. Diese Geschichte hat Bedeutung. Es ist die erste Tat der internationalen Polizeikonspiration zwischen Preußen, Östreich und Italien, und wenn Sie nicht noch per Schub von der bayrischen Grenze bis nach Düsseldorf transportiert worden sind, so verdanken Sie dies bloß der Dummheit der Bayern. Morgen abend bringe ich die Sache im Generalrat vor und dann kommt das Ganze in den offiziellen Bericht, der in der „Eastern Post“ gedruckt wird und in alle Weltgegenden geht. Schreiben Sie indes einen Bericht in Ihrem eignen Namen und schicken ihn an den „Volksstaat“, die „Égalité“ von Genf und das „Gazz[ettino] Rosa“. Für hier, Amerika und Spanien sowie Frankreich sorgen wir hier. Die Schweinhunde sollen doch merken, daß das nicht so einfach mehr geht, und daß der Arm der Internationalen immer länger ist als der des Königs von Italien1. Sowie die Sache gedruckt ist, schicke ich Ihnen ein Ex. sowie auch, was ich sonst an Zeitungen für Sie zusammenbringen kann, viel wird’s nicht sein.
Was Liebkn[echt] Ihnen rät, an Bismarck zu schreiben, ist schon ganz gut, nur aus ganz andern Gründen. Erstens, statt Ihnen zur Entschädigung zu verhelfen, wird Bismarck sich freuen und sich nur ärgern, daß die Bayern Sie losgelassen haben, statt zu begreifen, daß hier die schönste Gelegenheit vorlag, einen Internationalen per Schub durch ganz Deutschland zu transportieren. Dann aber müssen Sie an B[ismarck] schreiben, bloß damit Sie später seine – sicher sehr faule – Antwort an Bebel schicken und dieser dann Skandal im Reichstag macht. Aber daß Bismarck auch nur einen Finger rühre, um Italien dafür zu strafen, daß es seine Vorschriften so gut ausgeführt, davon kann sicher keine Rede sein.
Daß Sie so wenig Unterstützung bei den Parteigenossen fanden, darf Sie nicht wundern. Ich sah schon aus einem früheren Brief, daß Sie sich einige jugendliche Illusionen machen über den Beistand, den man im Pech findet; leider wurde meine Antwort darauf von den Mardochäern2 konfisziert und kam nicht in Ihre Hände. Nun kommt aber noch dazu, daß unsre deutschen Arbeiter, obwohl theoretisch allen andern weit voraus, in der Praxis den alten „Knoten“ noch lange nicht abgestreift haben und infolge der erschrecklich kleinbürgerlichen deutschen Verhältnisse namentlich im Geldpunkt von einer kolossalen Engherzigkeit sind. Ich wundere mich deshalb auch keineswegs über die Erfahrungen, die Sie in dieser Beziehung gemacht haben. Hätte ich Geld, ich würde Ihnen welches schicken, aber wir sind hier in diesem Punkt total auf dem Hund. Wir haben über hundert hülflose (und buchstäblich hülflose, denn keine Nation ist so hülflos im Ausland, wie die Franzosen) Flüchtlinge von der Kommune von Paris hier, und was die nicht aufschlucken, ist an einen sehr braven Kerl3 in Cork, in Irland, gegangen, der dort die Internationale gestiftet hat und zum Dank von den Pfaffen und Bourgeois in den Bann getan und total ruiniert worden ist. Wir sind in diesem Moment ganz auf dem trocknen. Sollte uns von irgendeiner Seite etwas einkommen, so werde ich dafür sorgen, daß Sie nicht vergessen werden.
Schreiben Sie mir, in welchen Branchen Ihres Fachs Sie praktisch gearbeitet haben und was Sie im allgemeinen leisten können, ich will mich sofort umsehn, ob etwas hier für Sie zu finden ist. England ist von ausländischen Ingenieuren zwar überlaufen, aber vielleicht ist doch noch was zu machen. Ich habe einige sehr gute Verbindungen.
Während Ihrer Gefangenschaft hat sich allerlei ereignet. In Turin ist Terzaghi wegen Unterschleif und verdächtiger Verbindungen mit dem Questore4 von der Emancipazione del Proletario an die Luft gesetzt worden5, er hat noch 2–3 Nrn. des „Proletario“ veröffentlicht, worin er sie – grade wie früher die Federazione Operaia – als canaglia, borghesi, vigliacchi6 etc. angreift, aber das Blatt, wie fast alle die kleinen neuen Blätter in Italien – „Martello“, „Campana“ etc. scheint jetzt tot. Ich schrieb an T[erzaghi]7, was es mit diesen Anklagen auf sich habe, er schickt mir einen „Prol[etario]“ voll Schimpfereien und sagt, daraus würde ich sehn, daß es lauter Lumpen seien! Der Mensch war mir seit Monaten verdächtig; Regis (der unter dem Namen Péchard bei Ihnen war und jetzt in Genf ist) erfuhr, daß er fortwährend zu Bakunin nach Locarno reise, und es ist ganz gut, daß er sich jetzt als einfacher Lumpacius demaskiert hat.
In Bologna hat das Fascio Operaio der Romagna einen Kongreß abgehalten und sich als reine Bakunisten demaskiert. Die Romagnolen treten der Internationale bei, aber wollen von Anerkennung der Statuten etc. nichts wissen. Sie haben uns noch nicht geschrieben, obwohl der Kongreß schon am 18.März war; sie werden schön bei uns ankommen. – Die Sektion Ravenna hat uns geschrieben, den Anschluß angezeigt, aber salva la propria autonomia8, ich habe sie einfach gefragt, ob sie unsre Statuten annehmen oder nicht.
Eben sehe ich in einem Pack mir zugeschickter Zeitungen, daß Pezza und Testini in Mailand auch verhaftet sind (30.März etwa).
Das Zirkular des Generalrats über Bakunin und die Seinen ist in der Presse und wird wohl Ende nächster Woche fertig sein. Ich schicke es Ihnen sofort zu. Es spricht sehr gradeaus und wird einen Heidenlärm setzen.
Zeitungen denk’ ich Ihnen morgen schicken zu können, „Gazz[ettino] Rosa“ und einige andre italienische Sachen sowie was ich sonst auftreiben kann.
In Saragossa hat am 8.–11.April spanisch int[erner] Kongreß stattgefunden, wobei unsre Leute die Bakunisten besiegt haben. Es stellt sich jetzt heraus, daß in Spanien die Alliance de la Démocratie Socialiste innerhalb der Internationale unter Bak[unin]s Leitung als geheime Gesellschaft ruhig fortbestanden hat – eine geheime Gesellschaft, gerichtet nicht gegen die Regierung, sondern gegen die Masse der Arbeiter! Ich habe allen Grund zu vermuten, daß dies in Italien ebenfalls der Fall ist; was für Erfahrungen haben Sie in diesem Punkt?
Falls aus der Stelle in Spanien, die Becker9 für Sie im Aug hatte, etwas werden sollte, so lassen Sie mich’s doch gleich wissen, damit ich Ihnen Empfehlungen an unsre Leute dort gebe. Die Stelle wird wohl in Katalonien, der einzigen industriellen Provinz Spaniens, sein, und dort würden Sie sehr nützlich wirken können, da die Masse der Arbeiter zwar gut ist, aber die Bakunisten im Besitz ihres Blatts („La Federación“ von Barcelona) und der einflußreichsten Stellen läßt.
In Turin ist jetzt das einzige Blatt „L’Anticristo“, eine Art wöchentliches „Gazzettino Rosa“. Sonst bestehn noch „La Plebe“, Lodi, „Il Fascio Operaio“, Bologna, „L’Eguaglianza“, Girgenti, alle andern italienischen Blätter sind kaputt. Nach der Erfahrung andrer Länder war mir längst klar, daß es so kommen mußte. Die paar Leute an der Spitze machen es nicht, und in Italien sind die Massen noch viel zu weit zurück, um soviel Journale am Leben halten zu können. Es wird lange und geduldige Arbeit nötig sein, und mit mehr theoretischem Inhalt als die Bakunisten besitzen, um die Massen aus dem mazzinistischen Blödsinn zu reißen.
Besten Dank für die Mailänder Adresse. Wäre es nicht gut, Sie schreiben dem Mann10 zuerst und bäten ihn, Bericht über die gegenwärtige Lage der Internationale in Mailand an Sie zu schicken, den Sie mir dann zuschicken könnten und worauf ich ihm antworten würde? Der gegenwärtige korrespondierende Sekretär ist M. Gandolfi, also einer von den Bakunisten.
Schreiben Sie mir recht bald wieder und namentlich wegen dessen, was Sie in Ihrem Fach leisten können, damit ich Schritte tun kann.
Mit herzlichem Gruß
Ihr
F. E.
Die Adresse, unter der Sie mir schrieben, ist weitaus die beste (die Ihres Düsseldorfer Briefs).
23.April 72.