London, 24. Jan. 72
Lieber Cuno,
Soeben erhalte ich durch Becker1 Ihren Brief und sehe daraus, daß die verdammten Mardochäer2 meinen ausführlichen Brief an Sie vom 16. Dez. abgefaßt haben. Es ist dies um so ärgerlicher, als derselbe alles Nötige wegen der Bakuninschen Intrigen enthielt und Sie daher einen vollen Monat früher in Kenntnis von allem gesetzt worden wären, und als ich Sie darin bat, als Ausländer, der der Ausweisung unterliegt, lieber in der öffentlichen Agitation sich etwas zurückzuhalten, damit Sie dort bleiben können und Ihre Stelle behielten, die inzwischen leider zum Teufel ist. Die Karten sind durch den Konferenzbeschluß wegen der Stempelmarken abgeschafft und durch letztere ersetzt, es ist schon lange viel Mißbrauch mit den Karten getrieben worden, da überall sehr viele Blankokarten der Polizei in die Hände fielen und von dieser benutzt wurden. Ich werde in ein paar Tagen die 100 Stempelmarken als Quittung für die 10 fr. einschicken, ich habe keine im Hause. – Von dem alten Hauptmann mit dem hölzernen Bein ist hier nichts bekannt, mit dem Generalrat steht er nicht in Verbindung. Statuten würde ich Ihnen gern schicken, wenn ich welche hätte. Französisch und englisch sind sie gedruckt, deutsch kommen sie dieser Tage heraus, die italienische Übersetzung liegt druckfertig in meinem Pult, aber 1. haben wir kein Geld, sie für unsre Rechnung drucken zu lassen, und 2. ist bei der von Bakunin angestifteten allgemeinen Rebellion der Italiener gegen die Konferenz und den Generalrat sehr fraglich, ob man dort die in Einstimmung mit den Konferenzbeschlüssen durch den Generalrat besorgte revidierte Ausgabe überhaupt anerkennen würde; ehe dies nicht entschieden, ist der Druck meiner Ansicht nach nutzlos. Inzwischen sind dort verschiedne Ausgaben der Statuten italienisch erschienen, z.B. in Girgenti (Expedition der „Eguaglianza") und ebenso in Ravenna (Expedition des eingegangnen „Romagnolo" – Lodovico Nabruzzi in Ravenna könnte Auskunft geben) und auch „La Plebe" von Lodi, Corso Palestro, hat welche zu 10 c. zum Verkauf angezeigt. Diese alle sind zwar schlecht und teilweise falsch übersetzt und enthalten nur die ursprünglichsten Verwaltungsbestimmungen, aber man wird sich damit vorläufig behelfen müssen.
Becker schreibt, er werde Ihnen über die Bakuninschen Intrigen schreiben, indes verlass' ich mich nicht darauf und gebe Ihnen kurz das Nötigste. Bakunin, der bis 1868 gegen die Internationale intrigiert hatte, trat dann, als er im Berner Friedenskongreß Fiasko gemacht, der Internationale bei und fing sofort an, in ihr gegen den Generalrat zu konspirieren. B[akunin] hat eine aparte Theorie, ein Sammelsurium von Proudhonismus und Kommunismus, wobei fürs erste die Hauptsache ist, daß er nicht das Kapital, d.h. den durch die gesellschaftliche Entwicklung entstandenen Klassengegensatz von Kapitalisten und Lohnarbeitern für das zu beseitigende Hauptübel ansieht, sondern den Staat. Während die große Masse der sozialdemokratischen Arbeiter mit uns der Ansicht sind, daß die Staatsmacht weiter nichts ist als die Organisation, welche sich die herrschenden Klassen – Grundbesitzer und Kapitalisten – gegeben haben, um ihre gesellschaftlichen Vorrechte zu schützen, behauptet Bakunin, der Staat habe das Kapital geschaffen, der Kapitalist habe sein Kapital bloß von der Gnade des Staats. Da also der Staat das Hauptübel sei, so müsse man vor allem den Staat abschaffen, dann gehe das Kapital von selbst zum Teufel; während wir umgekehrt sagen: schafft das Kapital, die Aneignung der gesamten Produktionsmittel in den Händen weniger, ab, so fällt der Staat von selbst. Der Unterschied ist wesentlich: die Abschaffung des Staats ist ohne vorherige soziale Umwälzung ein Unsinn – die Abschaffung des Kapitals ist eben die soziale Umwälzung und schließt eine Veränderung der gesamten Produktionsweise in sich. Nun aber, da für Bak[unin] der Staat das Grundübel ist, darf man nichts tun, das den Staat, d.h. irgendwelchen Staat, Republik, Monarchie oder wie immer, am Leben erhalten kann. Daher also vollständige Abstention von aller Politik. Einen politischen Akt begehn, besonders aber an einer Wahl teilnehmen, wäre Verrat am Prinzip. Man soll Propaganda machen, auf den Staat schimpfen, sich organisieren, und wenn man alle Arbeiter auf seiner Seite hat, also die Mehrzahl, so setzt man alle Behörden ab, schafft den Staat ab und setzt an seine Stelle die Organisation der Internationalen. Dieser große Akt, womit das Tausendjährige Reich anfängt, heißt die soziale Liquidation.
Alles dies klingt äußerst radikal und ist so einfach, daß man es in fünf Minuten auswendig lernen kann, und daher hat diese bakunistische Theorie auch in Italien und Spanien bei jungen Advokaten, Doktoren und andern Doktrinären rasch Anklang gefunden. Die Masse der Arbeiter aber wird sich nie einreden lassen, daß die öffentlichen Angelegenheiten ihres Landes nicht zugleich ihre eignen Angelegenheiten sind, sie sind von Natur politisch, und wer ihnen vormacht, daß sie die Politik beiseit lassen sollen, den lassen sie schließlich stehn. Den Arbeitern Enthaltung von Politik unter allen Umständen predigen, heißt sie den Pfaffen in die Arme treiben oder den Bourgeoisrepublikanern.
Da nun die Internationale nach Bak[unin] nicht für den politischen Kampf geschaffen sein soll, sondern damit sie bei der sozialen Liquidation sofort an die Stelle der alten Staatsorganisation treten kann, so muß sie dem Bakuninschen Ideal der zukünftigen Gesellschaft so nahekommen wie möglich. In dieser Gesellschaft existiert vor allem keine Autorität, denn Autorität = Staat = absolut vom Übel. (Wie die Leute eine Fabrik treiben, eine Eisenbahn befahren, ein Schiff leiten wollen, ohne einen in letzter Instanz entscheidenden Willen, ohne einheitliche Leitung, das sagen sie uns freilich nicht.) Auch die Autorität der Majorität über die Minorität hört auf. Jeder einzelne, jede Gemeinde ist autonom, wie aber eine Gesellschaft von nur zwei Menschen möglich ist, ohne daß jeder von seiner Autonomie etwas aufgibt, das verschweigt Bakunin abermals.
Also die Internationale muß auch nach diesem Muster eingerichtet werden. Jede Sektion ist autonom und in jeder Sektion jeder einzelne. Zum Teufel mit den Baseler Beschlüssen, die dem Generalrat eine verderbliche und ihn selbst demoralisierende Autorität übertragen! Selbst wenn diese Autorität freiwillig übertragen ist, muß sie aufhören, eben weil sie Autorität ist!
Hier haben Sie in kurzem die Hauptpunkte des Schwindels. Aber wer sind denn die Urheber der Baseler Beschlüsse? Nun, Herr Bakunin selbst und Konsorten!
Als die Herren im Baseler Kongreß sahen, daß sie mit ihrem Plan, den Generalrat nach Genf zu verlegen, d.h. in ihre Hände zu bekommen, nicht durchdringen würden, fingen sie es anders an. Sie stifteten die Alliance de la Démocratie Sociale, eine internationale Gesellschaft innerhalb der großen Internationale unter dem Vorwand, den Sie jetzt in der bakunistischen italienischen Presse, z.B. „Proletario", „Gaz[zettino] Rosa" wiederfinden: für die heißblütigen lateinischen Racen sei ein prononcierteres Programm nötig als für die kalten langsamen Nordländer. Dies Plänchen scheiterte am Widerstand des Generalrats, der natürlich keine separate internationale Organisation in der Internationale dulden konnte. Seitdem kam es unter allerhand Formen wieder, verbunden mit dem Bestreben des Bak[unin] und seiner Leute, das bakunistische Programm dem der Internationalen unterzuschieben; während andererseits die Reaktion von Jules Favre und Bismarck bis Mazzini sich grade immer auf die bakunistische hohle Renommistenphrase warf, wenn es galt, die Internationale anzugreifen. Daher die Notwendigkeit meiner Erklärung gegen Mazzini und Bak[unin] vom 5. Dez.3, die auch im „Gaz[zettino] Rosa" stand.
Der Kern der Bakunisterei besteht aus ein paar Dutzend Leuten im Jura, die im ganzen kaum 200 Arbeiter hinter sich haben; die Vorposten sind die jungen Advokaten, Doktoren und Journalisten in Italien, die überall jetzt sich als Wortführer der italienischen Arbeiter gebärden, einige ditto in Barcelona und Madrid, und hier und da ein einzelner – fast nie Arbeiter – in Lyon und Brüssel – hier ist ein einziges Exemplar, Robin. – Die im Drang der Not statt des unmöglich gewordnen Kongresses berufene Konferenz gab ihnen den Vorwand, und da in der Schweiz sich die meisten französischen Flüchtlinge auf ihre Seite schlugen, weil diese (Proudhonianer) dort verwandte Saiten fanden und aus persönlichen Motiven – so fingen sie die Kampagne an. Natürlich gibt es überall in der Internationale malkontente Minoritäten und verkannte Genies, und auf diese wurde nicht mit Unrecht gerechnet. Gegenwärtig sind ihre Streitkräfte wie folgt:
1. Bakunin selbst – der Napoleon dieser Kampagne.
2. Die 200 Jurassiens und 40–50 der französischen Sektion (Flüchtlinge in Genf).
3. In Brüssel Hins, Redakteur der „Liberté", der aber nicht offen für sie ist.
4. Hier die Reste der von uns nie anerkannten Section française de 1871, die sich bereits in 3 sich befehdende Teile gespalten hat, ferner ca. 20 aus der deutschen Sektion (wegen Beantragung des Massenaustritts aus der Internationale) herausgeworfne Lassalleaner von der Sorte des Herrn von Schweitzer4, die als Verteidiger der extremen Zentralisation und straffen Organisation famos in den Bund der Anarchisten und Autonomisten passen.
5. In Spanien einige persönliche Freunde und Anhänger Bakunins, die die Arbeiter besonders in Barcelona stark beeinflußt haben, wenigstens theoretisch. Dagegen aber sehn die Spanier sehr auf Organisation, und der Mangel daran fällt ihnen bei den andern auf. Wieweit Bakunin hier auf Erfolg rechnen kann, wird sich erst beim spanischen Kongreß im April zeigen, und da dort die Arbeiter vorwiegen werden, ist mir nicht bange.
6. Endlich in Italien haben sich meines Wissens die Sektionen Turin, Bologna und Girgenti für Berufung des Kongresses vor der Zeit erklärt.
Die bakunistische Presse behauptet, 20 italienische Sektionen hätten sich angeschlossen, ich kenne sie nicht. Jedenfalls ist fast überall die Leitung in den Händen von Freunden und Anhängern Bakunins, die sich sehr laut gebärden, wenn aber die Sache genauer untersucht wird, wird sich wohl herausstellen, daß nicht viel Leute hinter ihnen stehn, denn am Ende ist doch die große Masse der italienischen Arbeiter bis jetzt noch mazzinistisch und wird es auch bleiben, solange die Internationale dort mit der politischen Abstention identifiziert wird.
Jedenfalls steht es aber so in Italien, daß vorderhand dort die Bakunisterei in der Internationale das große Wort führt. Es fällt dem Generalrat nicht ein, sich darüber zu beschweren; die Italiener haben das Recht, soviel Blödsinn zu machen, wie sie wollen, und der Generalrat wird dem nur auf dem Wege der friedlichen Debatte entgegenwirken. Die Leute haben auch das Recht, sich für den Kongreß im Sinn der Jurassier zu erklären, obwohl es jedenfalls höchst sonderbar ist von Sektionen, die eben erst beigetreten sind und von nichts nichts wissen können, in einer solchen Sache ohne weiteres Partei zu ergreifen, besonders ehe sie beide Teile gehört haben! Ich habe den Turinern hierüber klaren Wein eingeschenkt5 und werde es auch den andern Sektionen, die sich ebenso erklärt haben, tun. Denn jede solche Beitrittserklärung ist indirekt die Billigung der im Zirkular enthaltenen falschen Anklagen und Lügen gegen den Generalrat, der übrigens auch in kurzem sein Zirkular in der Sache erlassen wird. Wenn Sie bis zu dessen Erscheinen eine ähnliche Erklärung der Mailänder verhindern können, so werden Sie alle unsre Wünsche erfüllen.
Das komischste ist, daß diese selben Turiner, die sich für die Jurassier erklären, uns hier also Autoritarismus vorwerfen, jetzt plötzlich vom Generalrat verlangen, er solle gegen die rivale Federazione Operaia von Turin in einer Weise autoritär einschreiten, wie er das bisher nie getan, den Beghèlli vom „Ficcanaso", der gar nicht zur Internationale gehört, in die Acht erklären usw.6 Und das alles, ehe wir auch nur die Federazione Operaia angehört hätten, was sie dazu zu sagen hat!
Vorigen Montag schickte ich Ihnen die „Rév[olution] Sociale" mit dem Jurazirkular, eine Nr. der Genfer „Égalité" (von der mit der Antwort des Genfer Comité Fédéral, das 20mal mehr Arbeiter vertritt als die Juraleute, habe ich leider keine mehr) und einen „Volksstaat", der Ihnen zeigt, was die Leute in Deutschland von der Geschichte denken. Die sächsische Landesversammlung – 120 Delegierte aus 60 Orten – hat sich einstimmig für den Generalrat erklärt. – Der belgische Kongreß (25./26. Dez.) verlangt Statuten-Revision, aber auf dem regelmäßigen Kongreß (im Sept.). Aus Frankreich kommen uns täglich Zustimmungserklärungen zu. Hier in England finden alle die Intrigen selbstverständlich keinen Boden. Und den paar Intriganten und Wichtigmachern zu Gefallen beruft der Generalrat sicher keinen außerordentlichen Kongreß. Solange diese Herren sich auf gesetzlichem Boden halten, läßt der Generalrat sie gern gewähren, diese Koalition der verschiedenartigsten Elemente wird bald auseinanderfallen; aber sowie sie etwas gegen Statuten oder Kongreßbeschlüsse tun, wird der Generalrat seine Schuldigkeit tun.
Wenn man bedenkt, in welchem Augenblick – grade wo die Internationale überall mit allen Hunden gehetzt ist – diese Leute ihre Konspiration eröffnen, so kann man sich des Gedankens nicht erwehren, daß die Herren von der internationalen Mardocherei ihr Händchen im Spiel dabei haben. Und so ist es. In Béziers haben die Genfer Bakunisten zum Korrespondenten den Commissaire central de police! Zwei der Hauptbakunisten, Albert Richard aus Lyon und Blanc7, waren hier und erklärten einem Arbeiter, Scholl aus Lyon, an den sie sich wandten, das einzige Mittel, den Thiers zu stürzen, sei, den Bonaparte wieder auf den Thron zu bringen, und sie reisten ebendeswegen mit bonapartistischem Geld herum, um unter den Flüchtlingen Propaganda für die bonapartistische Restauration zu machen! Das nennen diese Herren Abstention von der Politik! In Berlin tutet der von Bismarck bezahlte „Neue Social-Demokrat" ganz in dasselbe Horn. Wieweit die russische Polizei ihre Hand darin hat, will ich vorderhand dahingestellt sein lassen, aber Bakunin war bis über die Ohren in die Netschajewsche Geschichte verwickelt (er leugnet es zwar, aber wir haben die russischen Originalberichte hier, und da Marx und ich russisch verstehn, so kann er uns nichts weismachen), und Netschajew ist entweder russischer Agent provocateur oder hat doch gehandelt, als wäre er einer, und ferner hat Bak[unin] unter seinen russischen Freunden allerhand verdächtige Leute.
Daß Sie Ihre Stelle verloren, tut mir sehr leid, ich hatte Ihnen ausdrücklich geschrieben, Sie möchten doch alles vermeiden, was dahin führen könne, Ihre Gegenwart in Mailand sei für die Internationale viel wichtiger als das bißchen Effekt, den man mit öffentlichem Auftreten machen kann; unterderhand ließe sich auch viel tun usw. Wenn ich Ihnen zu Übersetzungen etc. behülflich sein kann, geschieht es mit dem größten Vergnügen, sagen Sie mir nur, aus welchen Sprachen und in welche Sprache Sie übersetzen können und wie ich Ihnen nützlich sein kann.
Meine Photographie haben die Polizeischweinhunde also auch abgefaßt. Ich lege Ihnen eine andre bei und bitte um 2 Exemplare der Ihrigen, wovon eins dazu dienen soll, Fräulein Marx zur Herausgabe einer Photographie ihres Vaters für Sie zu bewegen (sie allein hat noch ein paar gute).
Noch bitte ich Sie, sich mit allen Leuten, die mit Bakunin in Verbindung stehn, etwas in acht zu nehmen. Es ist die Eigenschaft aller Sekten, fest zusammenzuhalten und zu intrigieren – jede Ihrer Mitteilungen, verlassen Sie sich darauf, geht sofort an Bak[unin]. Es ist einer seiner Hauptgrundsätze, daß Versprechen halten und andre derartige Dinge reine Bourgeoisvorurteile sind, die der wahre Revolutionär im Interesse der Sache stets mit Mißachtung behandeln muß. In Rußland sagt er das offen, in Westeuropa ist es Geheimlehre.
Schreiben Sie mir recht bald; wenn wir erlangen könnten, daß Sektion Mailand nicht in den Chor der übrigen italienischen Sektionen einstimmt, so wäre das sehr gut.
Salut et fraternité.8
Ihr
F. Engels
Wenn Sie an Miss B[urns] schreiben, ist weder ein inwendiges Kuvert noch irgendwelche Erwähnung meines Namens nötig. Ich öffne alles selbst.