London, 18. Jan. 721
Lieber Liebknecht,
Mit den Belgiern ist es so: De P[aepe] ist der einzig Tüchtige, aber tut nicht viel, Steens ist ein Esel und Klüngler und vielleicht noch mehr, und Hins ein Proudhonist, der schon hierdurch, noch mehr aber durch seine russische Frau zu Bak[unin] neigt. Die andern sind Marionetten. Andrerseits sind die belgischen Arbeiter keineswegs geneigt, eine Rebellion in der Internationale anzufangen. Daher die sauer süße Fassung des Beschlusses. Zum Glück hat Herr Hins sich durch seine eigne Superklugheit geschlagen, denn die Arbeiterblätter, die nicht hinter die Kulissen gesehn haben, legen den Beschluß wörtlich aus und sehen darin eine Erklärung für uns. So die „Tagwacht“, „Emancipación“ von Madrid etc.
Konferenzbeschlüsse haben keine notwendig bindende Kraft, weil eine Konferenz an sich eine ungesetzliche, nur durch die Not zu rechtfertigende Maßregel ist. Daher die Anerkennung immer wünschenswert.
Wenn Du in dem obigen Sinn den belgischen Beschluß deutest, so wie es in der „Tagwacht“ geschehn, dabei sagst, der Beschluß wegen der Statutenrevision, die zuerst in ihrem Kongreß (Juni) beraten und dann dem regelmäßigen internationalen Kongreß vorgelegt werden solle, was nicht vor dem regelmäßigen Septembertermin geschehen könne, sei eine Ablehnung der bakunistischen Aufforderung zum sofortigen Kongreß, so wird das gut sein. Dann kannst Du noch bemerken, wenn die Belgier meinten, der Generalrat sei bloß ein Korrespondenzbüro, so müßten sie wohl die Baseler Beschlüsse vergessen haben, die ganz andrer Natur seien und jedenfalls bis zu ihrer Aufhebung durch einen regelmäßigen internationalen Kongreß zu Recht beständen.
Wir haben soweit vor, den Kongreß zur regelmäßigen Zeit zu berufen. Ort ist noch nicht zu bestimmen, aber wohl sicher nicht nach der Schweiz und ebensowenig nach Deutschland.
Von der Nr. des „Volksst[aats]“ mit meinem Artikel2 habe ich ein Ex. erhalten, die folgende Nr. gar nicht. Marx hat die folgende erhalten, aber meinen Artikel nicht! Das ist doch wohl in der Expedition versehn. Schick mir umgehend ein halb Dtzd. Ex. der Nr. 3 und eins von Nr. 4. Ich brauche mehrere für Korrespondenten in Italien, die deutsch lesen etc.
M[arx'] besten Dank für die Diskretion bei der Sendung des „N[euen] S[ocial]-D[emokraten]“, der seine Frau, unvorbereitet und ehe Gegenaktion eingeleitet, nur unnötig aufgeregt hätte. Der Arbeiterverein wird darauf antworten und dem „Volksst[aat]“ die Antwort zuschicken; ebenso auf Schneider. Inzwischen lege ich Dir eine Notiz bei, die den Herren nicht angenehm sein wird. Apropos Arbeiterverein, so sind da auch komische Geschichten vorgegangen. Schneider und der alte Esel und Lumpacius Scherzer glaubten die Majorität zu haben, traten mit und durch Weber mit den dissidierenden Franzosen in Verbindung und trugen an, der Verein solle sich von der Internationale lossagen. Unsre Leute waren schlapp geworden, hatten viel verbummelt, viel zu viel Lumpen zugelassen, aber jetzt wurde es zu arg; sie wurden zusammengetrommelt und der Antrag mit 27 gegen 20 zurückgewiesen. Darauf beantragt, die 20 auszuschließen. Abstimmung durch Skandal unmöglich. Darauf retteten die Unsern sofort alles Vereinseigentum, traten in einem andern Lokal zusammen und schlossen die 20 aus. Diese sind jetzt beschissen und ratlos, hatten aber die Frechheit, den Scherzer am Dienstag als ihren Delegierten zum Generalrat zu schicken! Natürlich nicht angenommen.
Die Allianz der ultraföderalistischen Franzosen mit den ultrazentralistischen Deutschen ist auch nicht übel. Dabei sind diese Franzosen auch schon vollständig aufgelöst. Als Vésinier zum Sekretär gewählt, zogen sich Theisz, Avrial et Co. (zum zweiten Mal) zurück. Der Rest teilte sich in zwei Körper, deren einer von Vésinier, der andre von Vermersch (vom „Père Duchêne“, hier Redakteur des „Qui Vive!“ und jetzt des „Vermersch-Journal“) genasführt wird. Beide sind persönlich und politisch gleich anrüchig und mindestens 3 andre als Spione mehr als verdächtig. Die französische Polizei hat es mit ihrer Pfiffigkeit dahin gebracht, daß ihre Mouchards3 sich nur noch gegenseitig überwachen.
Die Nachricht wegen des Beschlusses der Sachsen hat uns viel Freude gemacht. Für Veröffentlichung in der nötigen Form wird gesorgt. Briefe wegen individual members4 noch nicht angekommen.
1. Die Karten sind durch den Beschluß wegen der Stempel beseitigt.
2. Die Stempel sollten gestern fertig bei Jung sein, sind jedenfalls bis zu Deiner Antwort fertig, und wir sehen nur Euren Aufforderungen entgegen, wieviel ihr braucht. Wir werden sie schon schicken.
3. Du solltest doch gleich die Namen oder Lokalitäten der italienischen Freidenker angeben. Alle Leute in Italien, mit denen wir in Verbindung stehn, sind Freidenker. Ich vermute, Du meinst Stefanoni in Florenz, er ist ein Industrieller, ein Bakunist und – Stifter einer internationalen freidenkerisch sozialistischen Konkurrenzgesellschaft.
Mit M[arx]' zweiter Antiproudhonausgabe5 hat es Zeit. Es ist viel wichtiger, daß das „Kap[ital]“ französisch erscheint, und das wird jetzt wohl bald geschehn, Unterhandlungen schweben. Wegen der 2. Ausg. des „Kap[itals]“ wird gewünscht, davon nicht zu sprechen, da der Rest der 1. Ausg. noch abzusetzen ist und es besser ist, daß diese Bombe den Roschers, Fauchers und Co. unerwartet an den Kopf fliegt.
Wegen Abdrucks des Aufsatzes über Pr[oudhon]6 aus dem „S[ocial]-D[emokrat]“ hat M[arx] mir nichts gesagt, wenn ich Dir nicht in 1–2 Tagen das Gegenteil schreibe, druckt ihn ruhig ab.
Der Sorge ist ein busybody7, der vergißt, daß Briefwechsel zwischen hier und New York 3 Wochen Zeit braucht und daß der Generalrat außer dem amerikanischen Krakeel auch andre Sachen zu tun hat. Hätten sie mit ihrem Staatsstreich noch 1 Tag gewartet, so hätten sie die Antwort von hier, die ihn überflüssig machte. Erst nehmen sie mit unbegreiflichem Leichtsinn eine Masse unbekanntes Gesindel auf, und nachher, wenn der Skandal da ist, sollen wir sie herausfressen!
Vor ein paar Tagen war Goegg hier. Er hat sich in der Tat sehr gebessert, er ist jetzt ungefähr so weit wie die deutschen Knoten 1848, aber vom Kleinbürger zum Knoten ist immer ein Fortschritt. Man kann jetzt wenigstens mit ihm sprechen, was vor 4 Jahren positiv unmöglich war. Er ist in Geschäften nach New York und wünscht zu wissen, ob Du die Kiste Wein erhalten, die er Dir zu Weihnachten geschickt. Er sagte, mein Artikel8 habe den Vogt vollständig totgemacht, und er scheint überhaupt zu finden, daß wir ihm gegenüber immer recht behalten haben. Es ist immer möglich, daß er sich noch weiter entwickelt, oder vielmehr vom Gang der Bewegung weiter entwickelt wird.
Die Nachrichten aus Spanien sind gut, soweit der Föderalrat in Frage kommt. In Barcelona wird noch stark intrigiert, und die Federación ist stark unter bakunistischem Einfluß, aber da in Spanien der Kongreß (April) die Sache beraten wird, und dort Arbeiter die Majorität haben und nicht Advokaten, Doktoren etc., so vermute ich, es wird gut gehn. Lafargue ist glücklicherweise noch in Madrid, von ihm rührt das über den „N.S.-D.“ her. Mesa, Redakteur der „Emanc[ipación]“ ist ganz auf unsrer Seite.
In Italien haben wir in Mailand Cuno, einen Schweizer Ingenieur, der Dich und Bebel kennt und der dort bakunistische Beschlüsse bis jetzt verhindert hat – sonst entweder Bakunisten oder Leute, die sich sehr zurückhalten. Es ist ein schwieriges Terrain und macht mir eine Heidenarbeit.
Ich lege 2 Sitzungsberichte nebst Bradlaugh-Polemik bei, ferner das Zirkular von Sonvillier, falls Du es nicht haben solltest.
Beste Grüße von uns allen an Dich und die Deinigen.
Dein
F. E.