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Marx an Ludwig Kugelmann
in Hannover

London, 13. Dezember [1870]

Lieber Kugelmann,

Du mußt mein langes Schweigen Dir daraus erklären, daß ich während dieses Kriegs, der den größten Teil der foreign correspondents des General Council1 nach Frankreich gezogen hat, fast die ganze internationale Korrespondenz zu führen habe, was keine Kleinigkeit ist. Außerdem ist es bei der „Postfreiheit", welche jetzt in Deutschland und namentlich im Norddeutschen Bund herrscht, und ganz „namentlich" in Hannover, zwar nicht für mich, wohl aber für meine deutschen Korrespondenten gefährlich, wenn ich ihnen meine Ansichten über den Krieg schreibe, und worüber kann man sonst schreiben in diesem Augenblick?

Du wünschst z.B. von mir unsre erste Adresse über den Krieg. Ich hatte sie Dir geschickt. Sie ist offenbar unterschlagen worden. Ich lege Dir heute sowohl beide in ein Pamphlet vereinigte Adressen2 als auch Professor Beeslys Artikel aus der „Fortnightly Review"3 und die heutige „Daily News" ein. Da dies ein preußisch gefärbtes Blatt, werden die Sachen wohl passieren. Prof. Beesly ist Comtist und ist als solcher verpflichtet, allerlei Crotchets4 geltend zu machen, im übrigen aber ein sehr tüchtiger und kühner Mann. Er ist Professor der Geschichte an der Universität von London.

Es scheint, daß man nicht nur den Bonaparte, seine Generale und seine Armee in Deutschland eingefangen, sondern mit ihm auch den ganzen Imperialismus mit allen seinen Gebresten im Land der Eichen und der Linden akklimatisiert hat.

Was den deutschen Bourgeois betrifft, so verwundert mich seine Eroberungsbesoffenheit in keiner Weise. Erstens ist die Accaparation5 das Lebensprinzip aller Bourgeoisie, und fremde Provinzen nehmen ist immer „nehmen". Außerdem hat der deutsche Bürger soviel Fußtritte von seinen Landesvätern und speziell den Hohenzollern ergebenst akzeptiert, daß es für ihn ein wahrer Genuß sein muß, wenn dieselbigen Fußtritte zur Abwechslung einmal auch dem Fremdling appliziert werden.

Jedenfalls hat uns dieser Krieg von den „bürgerlichen Republikanern" befreit. Er hat dieser Sippe ein Ende mit Schrecken gemacht. Und das ist ein bedeutendes Resultat. Er hat unseren Professoren die beste Gelegenheit gegeben, sich vor aller Welt als servile Pedanten zu blamieren. Die Verhältnisse, die er in seinem Gefolg führt, werden die beste Propaganda für unsre Prinzipien machen.

Hier in England war die öffentliche Meinung bei Beginn des Kriegs ultrapreußisch; sie ist jetzt ins Gegenteil umgeschlagen. In den cafés chantants z.B. werden die deutschen Sänger mit ihrer Wi-Wa-Wacht am Rhein niedergezischt, während die französischen Sänger mit der Marseillaise in choro begleitet werden. Abgesehn von der entschiednen Sympathie der Volksmasse für die Republik und dem Ärger der respectability6 über das nun sonnenklare Bündnis zwischen Preußen und Rußland und dem unverschämten Ton der preußischen Diplomatie seit den militärischen Erfolgen, hat die Weise der Kriegsführung – das System der Requisitionen, Niederbrennen der Dörfer, Erschießen der franc-tireurs, Bürgennehmen und ähnliche Rekapitulationen aus dem Dreißigjährigen Krieg – hier allgemeine Entrüstung hervorgerufen. Of course7, die Engländer haben dergleichen getan in Indien, Jamaika etc., aber die Franzosen sind weder hindoos noch Chinesen noch Neger, und die Preußen sind keine heaven-born englishmen8! Es ist eine echt hohenzollernsche Idee, daß ein Volk ein Verbrechen begeht, wenn es sich fortfährt zu verteidigen, sobald sein stehendes Heer alle geworden ist. In der Tat war der preußische Volkskrieg gegen Napoleon I. dem braven Friedrich Wilhelm III. ein wahrer Dorn im Auge, wie man sich überzeugen kann aus Prof. Pertz' Geschichte über Gneisenau, welcher letztrer in seiner Landsturmordnung den franc-tireurs-Krieg in ein System gebracht hatte. Es wurmte dem F[riedrich] W[ilhelm] III., daß das Volk sich auf eigne Faust und unabhängig von allerhöchster Ordre schlug.

Indes ist noch nicht aller Tage Abend. Der Krieg in Frankreich kann noch sehr „ökliche" Wendung nehmen. Der Widerstand der Loire-Armee war „außer" Rechnung, und die jetzige Zerstreuung der deutschen Kräfte rechts und links soll bloß Schrecken einflößen, hat aber in der Tat keinen andren Erfolg, als die Defensivkraft auf allen Punkten ins Leben zu rufen und die Offensivkraft zu schwächen. Auch das angedrohte Bombardement von Paris ist ein bloßer Trick. Auf die Stadt Paris selbst kann es nach allen Regeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung durchaus keinen ernsthaften Effekt machen. Werden ein paar Vorwerke niedergeschossen, Bresche gemacht, was nützt das in einem Fall, wo die Zahl der Belagerten größer ist als die der Belagerer? Und wenn die Belagerten sich ausnehmend gut schlugen in den sorties9, wo die Gegner sich hinter entrenchments10 verteidigten, wie erst, wo die Rollen umgekehrt sind?

Die Aushungerung von Paris ist das einzig reale Mittel. Verzögert sich dieser Termin aber lang genug zur Bildung von Armeen und Entwicklung des Volkskriegs in den Provinzen, so ist auch damit nichts gewonnen als Verlegung des Schwerpunkts. Außerdem würde selbst nach der Kapitulation Paris, das nicht mit einer Handvoll besetzt und ruhiggehalten werden kann, einen großen Teil der invaders11 brachlegen.

Wie aber der Krieg immer ende, er hat das französische Proletariat in den Waffen geübt, und das ist die beste Garantie der Zukunft.

Der unverschämte Ton, den Rußland und Preußen England gegenüber annehmen, könnte für sie zu ganz unerwarteten und mißliebigen Resultaten führen. Die Sache beruht einfach darauf: England hat sich im Pariser Friedensvertrag von 1856 selbst entwaffnet. Es ist eine Seemacht und kann den großen kontinentalen Militärmächten gegenüber nur die Mittel des Seekriegs in die Waagschale werfen. Das unfehlbare Mittel hier ist die temporäre Vernichtung – resp. Stillesetzung des überseeischen Handels der Kontinentalen. Es beruht hauptsächlich in der Geltendmachung des Grundsatzes – feindliche Waren in neutralen Schiffen zu kapern. Dies maritime right12 (neben andern ähnlichen rights) haben die Engländer aufgegeben durch die sog. Deklaration, die dem Pariser Vertrag annexiert ist. Clarendon tat dies auf geheime Ordre des Russen Palmerston. Die Deklaration bildet jedoch keinen inhärierenden Teil des Vertrags selbst und ist niemals in England gesetzlich sanktioniert worden.13 Die Herrn Russen und Preußen rechnen ohne den Wirt, wenn sie sich einbilden, der Einfluß der Königin14, die aus family interests15 verpreußt ist, und die bürgerliche Schwachsinnigkeit eines Gladstone würden John Bull im entscheidenden Moment abhalten, dies selbstgeschaffne „holde Hindernis" über Bord zu werfen. Und dann kann er in wenigen Wochen dem russisch-deutschen überseeischen Handel den Garaus machen. Wir werden dann die langen Gesichter der Diplomaten von Petersburg und Berlin und die noch längeren der „Kraftpatrioten" zu studieren Gelegenheit finden. Qui vivra, verra.16

My best compliments to Madame la Comtesse and Fränzchen17.

Dein
K.M.

Apropos. Kannst Du mir die diversen Windthorstschen Reichstagsreden zukommen lassen?