London, 16.September 1870
Mein sehr geehrter Herr,
Sie müssen entschuldigen, daß ich Sie wieder mit einem Brief belästige1, aber à la guerre comme à la guerre2.
Die schlimmsten Voraussagen der beiden Adressen des Generalrats der Internationale3 sind bereits Wirklichkeit geworden.
Preußen, das erklärt hat, gegen Louis Bonaparte und nicht gegen das französische Volk Krieg zu führen, kämpft jetzt gegen das französische Volk und macht Frieden mit Bonaparte. Es hat den Mörder freigelassen. Es hat seine Absicht erklärt, ihn oder seine Familie wieder einzusetzen in den Tuilerien. Die niederträchtige „Times“ versucht heute, das als bloßes Geschwätz abzutun. Sie weiß oder sollte doch wissen, daß die Sache im Berliner „Staatsanzeiger“ (dem preußischen „Moniteur“) gedruckt worden war. Aus halbamtlichen preußischen Zeitungen, wie der „Kölner Zeitung“, sehe ich, daß der alte Esel König Wilhelm getreu seinen Hohenzollernschen Familientraditionen sich bereits dem Zaren4 zu Füßen wirft und ihn anflehrt, so großmütig zu sein und ihn als seinen Untergebenen gegen die Türken zu verwenden! Schließlich hat die Reaktion in Deutschland schon eingesetzt. Unsere Leute in Braunschweig, um damit zu beginnen, sind, wie ich Ihnen schrieb, in Ketten wie gemeine Verbrecher nach der Ostgrenze abgeführt worden. Aber das ist nur eine Tatsache unter Hunderten.
Nach dem ersten deutschen Unabhängigkeitskrieg gegen Napoleon I. dauerte die wilde und wütende Jagd der Regierung auf die sogenannten Demagogen (die demagogischen Untersuchungen5) volle 20 Jahre! aber sie setzte erst nach Ende des Krieges ein. Jetzt beginnt die Verfolgung vor Abschluß des Friedens.
Damals waren ihre Verfolgungen gegen die windigen Idealisten und die überschäumende Jugend (die Studenten an den Universitäten) des Bürgertums, der Bürokratie und Aristokratie gerichtet. Jetzt sind sie gegen die Arbeiterklasse gerichtet.
Was mich angeht, so bin ich erfreut über alle diese Missetaten der preußischen Regierung. Sie werden Deutschland in Bewegung bringen. Sie sollten meiner Ansicht nach nun folgendes tun: Die erste Adresse des Generalrats über den Krieg wurde nur von der „Pall Mall“ vollständig veröffentlicht, Auszüge und sogar Leitartikel darüber erschienen aber auch in vielen anderen Zeitungen. Diesmal hat, obwohl die Adresse an alle Londoner Zeitungen geschickt worden ist, nicht eine die geringste Notiz davon genommen, mit Ausnahme der „Pall Mall“, die einen sehr kurzen Auszug brachte. (Nebenbei bemerkt, diese Zeitung, die Sie in ihrer gestrigen Nummer so gut behandelte, hat gewisse private Verpflichtungen gegen mich, da ich ihr meines Freundes Engels „Notes on the war“ vorgeschlagen habe. Ich tat das auf Ersuchen von A---B---6, der von Zeit zu Zeit einige Abschnitte über die „Internationale“ in die „Pall Mall“ eingeschmuggelt hatte. Daher ist unsere zweite Adresse in dieser Zeitung nicht ganz unterdrückt worden.)
Vom Kontinent, sogar von Moskau und St.Petersburg, ja selbst in den französischen Zeitungen unter der bonapartistischen Herrschaft, ebenfalls jetzt von Berlin, wo die Menschen daran gewöhnt waren und sind, die Manifeste der Internationale ernst behandelt und von der einen oder anderen Zeitung vollständig wiedergegeben zu sehen, ist uns des öfteren vorgeworfen worden, wir versäumten es, uns der „freien“ Londoner Presse zu bedienen. Sie haben natürlich keine Vorstellung von der völligen Korruption dieses gemeinen Gelichters, das schon vor langer Zeit von William Cobbett als „käuflich, niederträchtig und ungebildet“ gebrandmarkt wurde, und wollen es auch nicht glauben.
Ich glaube, Sie würden der Internationale den größtmöglichen Dienst erweisen – und ich würde dafür Sorge tragen, daß man Ihren Artikel in unseren Zeitungen in Spanien, Italien, der Schweiz, Belgien, Holland, Dänemark, Ungarn, Deutschland, Frankreich und den Vereinigten Staaten abdruckte – wenn Sie in der „Fortnightly Review“ etwas über die Internationale, die Manifeste des Generalrats über den Krieg und die Behandlung, die wir von dieser vorbildlichen Presse, dieser „freien“ englischen Presse erfahren, veröffentlichen könnten! Diese Burschen sind in der Tat mehr zu Sklaven der preußischen Politik geworden als die Berliner Zeitungen.
Lafargue, jetzt Herausgeber einer Zeitung7 in Bordeaux, sendet Ihnen und Ihrer Gattin seine besten Grüße.
Ihr ergebener
Karl Marx
Nach: „The Social-Democrat“, Nr. 4–6, London 1903.
Aus dem Englischen.