[London] 30. Januar 70
Mein lieber Doktor,
Ich schreibe diese Zeilen, um Ihnen zu erklären, weshalb Mohr Ihre Briefe nicht beantwortet hat. Seit etwa drei Wochen hatte er Karbunkel unter dem Arm, die so schmerzhaft waren, daß der arme Mohr den Arm nicht bewegen konnte. Der Arzt hat zweimal geschnitten.1 Diese Operation brachte fast augenblicklich Erleichterung. Es freut mich, heute sagen zu können, daß unser lieber Patient beinahe wieder gesund ist, obwohl er sich natürlich noch sehr schwach fühlt – die unvermeidliche Folge seiner großen Schmerzen. Jetzt, da alles vorbei ist, glaube ich, es war doch gut, daß es zu einer Krise kam, da Mohr sich monatelang mit der Krankheit herumgequält hatte. Sie werden sich erinnern, daß er in Hannover alles andere als gesund war, und in diesem Zustand befand er sich bis heute – manchmal etwas besser, manchmal schlechter.
Ihre Korrespondenz mit Jacoby hat ihn sehr amüsiert.2 Nach der weitschweifigen Antwort dieses ehrenwerten Herrn zu urteilen, müssen Ihre Briefe ihn ziemlich schwer getroffen haben.
Ich muß auch den Empfang Ihres Briefes an mich bestätigen, dessen Inhalt mich nicht wenig überrascht und sehr neugierig darauf gemacht hat, die endgültige Entscheidung der Philister vom „Künstler-Verein“3 zu erfahren. Wenn man bedenkt, daß dieser Verein aus der Crème der hannoverschen Gesellschaft besteht, dann ist doch die „Bildung“ der oberen Klassen, auf Grund derer sie sich den arbeitenden Klassen so sehr überlegen dünken, wahrlich etwas, worauf sie mächtig stolz sein können! Es ist nur schade, daß es diesen Dummköpfen gelungen ist, Sie zu ärgern und Ihnen soviel Zeit zu stehlen.
Ich muß Sie und das liebe Trautchen4 dafür um Verzeihung bitten, daß ich Ihnen die Ankunft eines neuen kleinen Erdenbürgers in der Familie Lafargues nicht eher mitgeteilt habe. Am zweiten Januar zeigte Paul uns die Ankunft eines Mädchens in der rue du Cherche-Midi an. Sie ist genau ein Jahr jünger5 als ihr Bruder6, die Geburtstage der Kinder fallen auf den gleichen Tag7. Vor ein paar Tagen schrieb uns Laura, daß es ihr viel besser geht. Mit ihrem Brief kamen eine Reihe höchst interessante französische Zeitungen – die „Marseillaise“, „Cloche“, „Réforme“, „Rappel“ und „Pays“. Diese Blätter geben ein ausgezeichnetes Bild des gegenwärtigen Zustands in Frankreich. Der Tumult und die Aufregung, die in der Hauptstadt herrschen, sind unglaublich. Alle Parteien, ja sogar alle Individuen liegen sich in den Haaren. Rochefort führt Krieg bis aufs Messer mit seinen ehemaligen Freunden und Anhängern Vermorel, Villemessant usw. usw., die er öffentlich als mouchards8 denunziert, und diese wiederum zahlen ihm in ihrem Organ, im „Figaro“, mit gleicher Münze heim. Was die Bancel, Gambetta, Pelletan, Favre usw. usw. angeht, diese Sippschaft großmäuliger Phrasendrescher, so sind sie allesamt verschwunden – sie bedeuten nichts mehr. Die Erfahrung hat das Volk gelehrt, was es von der prahlerischen „gauche“9 zu erwarten hat. Nicht einer von ihnen hat es gewagt, bei Victor Noirs Beerdigung zu erscheinen oder seine Stimme im Parlament zu erheben. Rochefort hat sie, mit Unterstützung des wackeren alten Raspail, vernichtet – dazu verdammt, als lebende Leichname dahinzuvegetieren. Was Liebknecht auch immer dagegen sagen mag, Rochefort herrscht überlegen in Paris, und sein weises Verhalten, um einen Zusammenstoß mit dem Militär am Tage der Beisetzung zu verhindern, leuchtet jetzt allen ein. Wenn Liebknecht das „Pays“ läse, würde er sehen, daß Cassagnac und somit die Regierung ihre Wut darüber nicht verbergen – „que le peuple ne savait pas mourir pour ses convictions“, „qu’ils n’ont pas élevé dans l’air le drapeau rouge“10. Früher, so wehklagte der wildgewordene Clown Cassagnac, „les révolutionnaires etaient des hommes de cœur, des hommes de principes qui se battaient pour des idées, et qui savaient bien que ni canons, ni fusils, ni bayonettes ne tiendraient devant la poitrine nue du peuple qui réclame son droit“11. Diese „offene Brust“ wäre tatsächlich ein Fest für die Kanonen und Hinterlader der Dezember-Mannes12 gewesen, um so mehr, als die 100000 Soldaten in den Vororten von Paris stationiert waren, wo keine Barrikaden errichtet werden konnten und wo sie folglich nicht, wie in den engen Straßen von Paris, einem Handgemenge mit dem Volk ausgesetzt gewesen wären. – Dann bringt der „Volksstaat“ noch eine unrichtige Darstellung des Streiks in Creuzot. Es ist nicht wahr, daß die Arbeiter höhere Löhne und eine Herabsetzung der Arbeitszeit fordern. Sie verlangen nur, die Verwaltung ihrer gegenseitigen Versicherungskasse solle in ihren Händen und nicht in denen des Herrn Schneider liegen; ferner, daß ihr Arbeitskamerad Assi nicht entlassen, sondern ein Vorarbeiter, der sie schikaniert hat, entfernt wird. Dies sind die wahren Ursachen des Streiks. Die französische Regierung und die offizielle Presse erklären, der Streik sei „à l’excitation artificielle“13 hervorgerufen. Herr Guéroult, von der „Opinion Nationale“, „montre les sociétés secrètes dominant donnant des mots d’ordre et des consignes“14. Mit diesen Gesellschaften ist natürlich die Internationale gemeint, von der Assi, der Führer des Streiks, 55 000 frs. erhalten haben soll. Die „Times“ druckt diese Behauptungen nach und pflichtet ihnen bei. Ich wollte, sie wären wahr! Es ist ewig schade, daß die Internationale in ihrem Wirken nicht mit den glänzenden Phantasien dieser Ehrenmänner Schritt halten kann.
Eine bezeichnende Tatsache ist, daß sich einige der nach Creuzot entsandten Soldaten sofort mit den Bergarbeitern verbrüderten. Vier dieser Soldaten sollen vor Gericht gestellt werden, weil sie versucht haben, ihre Kameraden für die Sache des Volkes zu gewinnen.
In Yorkshire hat es ebenfalls einen Streik gegeben: die Arbeiter fordern die Selbstverwaltung ihrer eigenen Versicherungskassen und protestierten dagegen, daß die Unternehmer den Arbeitern das Koalitionsrecht verweigern. Da in England das Koalitionsrecht seit dem Jahre 1824 gesetzlich festgelegt ist, handeln die Unternehmer in direktem Widerspruch zu den bestehenden Gesetzen; dessenungeachtet stellt ihnen die Regierung auf Anforderung Soldaten zur Verfügung.
Die Einzelheiten des Streiks sind genau die gleichen wie in Creuzot – das freie konstitutionelle England und das despotisch beherrschte Frankreich unterscheiden sich nicht – beide Länder haben sofort Soldaten in Bereitschaft, um die Männer niederzuschießen, die den Mut haben, sich für intelligent genug zu halten, ihre Fonds – ihre schwer verdienten Ersparnisse – selbst zu verwalten.
Nach der Schätzung eines Korrespondenten, der sich im Auftrage einer englischen Zeitung in Creuzot aufhält, verlieren die Arbeiter bei dem Streik täglich 8000 £ (Löhne), während der Verlust der Unternehmer täglich etwa 40 000 £ beträgt!!!
Bitte grüßen Sie Trautchen herzlichst von mir und übermitteln Sie ihr meinen Dank für ihren Brief. Ich werde ihr sehr bald schreiben. Sagen Sie ihr bitte auch, daß ich sie bitten muß, ein gewisses kleines Armband an „Käuzchen“15 auszuhändigen, für die es bestimmt war. Da sie ein geschworener Feind der Kommunisten ist, wird sie meine Achtung des Privateigentums zu würdigen wissen. Doch Scherz beiseite, ich möchte das Armband wirklich nicht gern an Trautchens Arm sehen – es ist viel zu „primitiv“.
Mit Mohrs freundlichsten Grüßen an die „Frau Gräfin“16, Käuzchen und an den Mann von der plastischen Bewegung17 verbleibe ich aufrichtigst
Ihre
Jenny Marx
Aus dem Englischen.