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Marx an Ludwig Kugelmann
in Hannover

London, 12. Dez. 1868

Lieber Freund,

Ich wollte Ihnen ausführlicher schreiben, bin aber durch unvermutete auswärtige „Geschäfte“ daran verhindert. Lassen Sie sich dadurch aber nicht abhalten, bald wieder die Feder zu ergreifen.

Der Brief Freunds (inliegend mit Dank zurück) hat mich sehr interessiert.1 Es ist Zeit, daß andre Leute in Deutschland aufkommen als die jetzigen „Träger“ der Wissenschaft.

Hier folgt auch Dietzgens Porträt zurück. Seine Lebensgeschichte ist nicht ganz so, wie ich mir sie dachte. Doch munkelte mir immer, daß er „kein Arbeiter wie Eccarius“ war. In der Tat gehört zu der Art philosophischer Anschauung, wie er sie sich selbst herausgearbeitet hat, eine gewisse Ruhe und Verfügung über Zeit, die der every day workman2 nicht genießt. Ich habe zwei sehr gute Arbeiter in New York sitzen, Schuster A. Vogt und Bergwerksingenieur Sigfrid Meyer, beide früher in Berlin. Ein dritter Arbeiter, der Vorlesungen über mein Buch3 halten könnte, ist Lochner, Tischler (Common working man4), der sich seit about5 15 Jahren hier zu London befindet.

Sagen Sie Ihrer lieben Frau, daß ich sie nie „in Verdacht“ hatte, unter Generalin Geck6 zu stehn. Meine Anfrage war nur ein Scherz. Übrigens können sich die Damen über die „Internationale“ nicht beklagen, da dieselbe eine Dame, Madame Law, zum Mitglied des Generalrats ernannt hat. Scherz beiseite, zeigt sich sehr großer Fortschritt in dem letzten Kongreß der American „Labor Union“ darin u. a., daß er die weiblichen Arbeiter mit völliger Parität behandelt, während ein engherziger Geist in dieser Beziehung den Engländern, noch viel mehr aber den galanten Franzosen zur Last fällt. Jeder, der etwas von der Geschichte weiß, weiß auch, daß große gesellschaftliche Umwälzungen ohne das weibliche Ferment unmöglich sind. Der gesellschaftliche Fortschritt läßt sich exakt messen an der gesellschaftlichen Stellung des schönen Geschlechts (die Häßlichen eingeschlossen).

Was das „settlement“7 betrifft, so konnte bei mir von vornherein nie die Rede von Übernahme eines Geschäfts sein, bevor mein Buch fertig ist. Sonst hätte ich mich lang aus jeder Peinlichkeit der Lage herausziehn können. Die Sache ist einfach die – aber dies unter uns –, daß ich einerseits mit meiner Familie, andrerseits Engels, ohne mein Wissen, durch Übereinkommen mit seinem Partner bezüglich seiner eignen Einnahmen (da er Juni aus dem Geschäft austritt) für mich settlement getroffen, wodurch ich vom nächsten Jahr an ruhig arbeiten kann.8

Mit bestem Gruß

Ihr
K.M.