Manchester, 8. und 20. Nov. 1867
Lieber Kugelmann,
Seit meinem letzten Brief1 hat weder M[arx] noch ich was von Ihnen gehört, und ich kann doch kaum glauben, daß Sie so tief in irgendeiner anteflexio uteri stecken, um ganz unzugänglich zu sein. Auch habe ich einen Brief an Liebknecht zu schicken und M[arx] rät mir, ihn Ihnen zuzusenden, da wir keine genaue Adresse haben und nicht wissen, ob er in Berlin oder Leipzig ist2, ich lege ihn daher bei.
Die deutsche Presse ist noch immer stumm über das „Kapital“, und es ist doch von der höchsten Wichtigkeit, daß was geschieht. Den einen der Ihnen gesandten Artikel3 habe ich in der „Zukunft“ gefunden; es tut mir leid, nicht gewußt zu haben, daß er eventuell für dies Blatt bestimmt war, dort hätte man wohl frecher auftreten können. Indes daran liegt nichts. Die Hauptsache ist, daß das Buch überhaupt wieder und immer wieder besprochen wird. Und da M[arx] sich in der Sache nicht frei bewegen kann und sich auch geniert wie eine Jungfer, so müssen wir andern es eben tun. Sein Sie also so freundlich und lassen Sie mich wissen, welchen Erfolg Sie in dieser Sache bisher gefunden haben und welche Blätter Sie glauben noch benutzen zu können. Wir müssen hier, um mit unserm alten Freunde Jesus Christus zu sprechen, unschuldig tun wie die Tauben und klug sein wie die Schlangen. Die braven Vulgärökonomen haben immer soviel Verstand, daß sie sich vor diesem Buch in acht nehmen und beileibe nicht davon sprechen, wenn sie nicht müssen. Und dazu müssen wir sie zwingen. Wenn das Buch gleichzeitig in 15–20 Zeitungen besprochen wird – gleichgültig, ob günstig oder ungünstig, ob in Artikeln, Korrespondenzen oder hinter dem Strich in Eingesandtes – bloß als eine bedeutende Erscheinung, die Beachtung verdient, so heult nachher die ganze Bande von selbst nach, und die Fauchers, Michaelis, Roschers und Max Wirths werden dann eben müssen. Es ist unsre verdammte Schuldigkeit, diese Artikel, und zwar möglichst gleichzeitig, in die Blätter zu bringen, namentlich in die europäischen und auch in die reaktionären. In letzteren könnte man darauf aufmerksam machen, daß die Herren Vulgären in Parlamenten und volkswirtschaftlichen Versammlungen das Maul sehr voll nehmen, hier aber, wo die Konsequenzen ihrer eignen Wissenschaft herausgekehrt werden, gefälligst das Maul halten. Und so weiter. Halten Sie meine Beihülfe für wünschenswert, so lassen Sie mich wissen, für welches Blatt Sie etwas wünschen – ich bin wie immer im Dienst der Partei bei der Hand. In dem Brief an L[iebknecht] handelt es sich um dieselbe Geschichte, und Sie werden mich durch sichere Beförderung daher ganz ungemein verbinden.
Die römische Geschichte hat uns wieder famos weitergeholfen. Der edle Bonaparte scheint mir stark auf dem letzten Loche zu schleimrasseln, und wenn diese Episode in Frankreich zu Ende kommt, mit England in einer Lage, die täglich revolutionärer wird, mit Italien in der Notwendigkeit, eine Revolution zu machen –, dann wird auch wohl in Deutschland das Reich der „Europäer“4 am Ende sein. Hier in England geht die Bildung einer wirklich revolutionären Partei rasch voran und gleichzeitig mit ihr die Entwicklung revolutionärer Verhältnisse. Durch die Reformbill hat Disraeli die Tories aufgelöst und die Whigs kaputtgemacht, ohne dabei mehr getan zu haben, als das Beibehalten des alten Schlendrians unmöglich zu machen. Diese Reformbill ist entweder nichts (und das ist jetzt unmöglich, die Bewegung ist zu stark) oder sie muß noch ganz andre Bills sofort nach sich ziehn, die viel weiter gehn. Verteilung der Repräsentation nach der Bevölkerung und geheime Abstimmung sind die nächsten Konsequenzen, die sofort gezogen werden müssen, und damit ist hier der alte Kram am Ende. Das ist das große Verdienst des Disraeli, daß er aus Haß gegen die country gentlemen5 seiner eignen Partei und aus Haß gegen die Whigs die Entwicklung hier in einen Fluß gebracht hat, der nicht mehr aufzuhalten ist. Sie werden sich wundern und noch mehr werden die deutschen Philister sich wundern, die England für begraben halten, über das, was hier geschieht, sobald die Reformbill einmal in Kraft ist. Die Irländer sind auch ein sehr wesentliches Ferment in der Sache, und die Londoner Proletarier erklären sich mit jedem Tag offener für die Fenier, also, was hier unerhört und wirklich großartig ist, für eine erstens gewaltsame und zweitens antienglische Bewegung.
Haben Sie meinem ärztlichen Rat gefolgt und sich aufs Pferd gesetzt? Ich habe seit meiner Rückkehr wieder die Gnadenwirkungen des Reitens sehr bewährt gefunden, und Sie werden sehen, wie rasch alle Ihre Beschwerden und Bedenklichkeiten gegenüber dem Getränk verschwinden vor einer Stunde täglichen Reitens. Sie sind dies als Gynäkolog der Wissenschaft schuldig, denn die Gynäkologie hängt ja aufs engste mit dem Reiten oder Gerittenwerden zusammen, und ein Gynäkolog muß also in jeder Beziehung sattelfest sein.
Schorlemmer hat sich in Frankfurt auf dem Naturforscherkongreß nach Ihnen umgesehn, behauptet aber, Sie wären nicht da gewesen.
Also, lieber Freund, lassen Sie bald von sich hören. Die Photographie von Lupus ist bestellt und wird fertig, sobald schönes Wetter da ist, wir haben hier im Winter leider selten Tageslicht. Empfehlen Sie mich Ihrer Frau unbekannterweise bestens und beste Grüße von
Ihrem
F. E.
Adresse: Ermen & Engels, Manchester for F. E.
Den 20.Nov. Seit ich obiges schrieb, hat Marx mir Ihren Brief an ihn mitgeteilt, und ich ersehe daraus leider, daß in Ihrer Gegend wohl schwerlich auf weitere Preßnotizen zu rechnen ist. Wäre es nicht möglich, durch Dritte etwa, Angriffe auf das Buch, sei es von bürgerlichem, sei es vom reaktionären Standpunkt in Blätter zu bringen? Dies scheint mir ein Auskunftsmittel, und die Artikel wären schon zu beschaffen. Ferner: Wie ist es mit wissenschaftlichen resp. ganz oder halb belletristischen Zeitschriften?
Wegen der „Rhein[ischen] Zeitung“ schreibe ich nach Köln für den Fall, daß noch immer nichts geschehen sein sollte.6
Büchner sollte auch Sachen in Blätter bringen können, wegen der Artikel können Sie ihn im Notfall an mich verweisen. Lassen Sie ihm keine Ruhe.
Die Photographien habe ich noch nicht erhalten, sie folgen aber dieser Tage sicher.
Nochmals freundschaftlichst
Ihr
F. E.