Manchester, 5. Nov. 1867
Lieber Mohr,
Inliegendes1 von Siebel in die „Elber[felder] Z[eit]t[ung]" gebracht. Es ist jammerschade, daß der arme Teufel, der morgen wohl hier eintreffen wird, grade fort muß, er hätte wohl noch einiges besorgt. Indessen will ich sehn, was noch bei ihm zu machen ist, vielleicht geht's doch noch.
Notre ami2 Kugelmann scheint sich mit den hannöverschen Zeitungen auch verrechnet zu haben – wenigstens finde ich zu meinem größten Erstaunen den einen der ihm zugesandten Artikel3, und zwar den zahmsten, noch dazu verkürzt und verstümmelt, in der „Zukunft"! Dazu hätten wir amicum4 kaum gebraucht, und jedenfalls hätte ich für das Blatt anders geschrieben. Aber ich schrieb für die nationalliberalen Blätter, mit denen er renommiert hatte.
Die Sache muß anders betrieben werden. Hast Du Liebknechts jetzige Adresse, resp. seine alte Leipziger? Gib sie mir, ich werde ihn etwas aufstacheln. Ich sehe wohl ein, ich werde alle die Artikel selbst schreiben müssen (Eccarius könnte auch wohl einen machen), den Leuten auf dem Kontinent liegt das Buch noch zu massenhaft im Magen, und wenn wir warten wollen, bis sie es verdaut haben, so ist die Zeit verpaßt. Ich werde auch an Kugelmann wieder schreiben, daß er wenigstens sagt, was er mit dem andern Artikel5 getan hat und ob er noch welche unterbringen kann. Du mußt an Meißner schreiben und fragen, ob er welche, und wo, unterbringen kann, wenn sie ihm geliefert werden. Ferner schreibe ich an Klein nach Köln wegen der „Rheinischen Z[eit]ung" und offeriere für den Notfall einen Artikel. Es ist sehr fatal, daß man nicht selbst am Platze ist. Wären wir in Deutschland, so hätten wir bereits in allen Zeitungen Lärm geschlagen und es fertiggebracht, das Buch denunzieren zu lassen, was immer das beste ist.
Louis6 in Paris ist am Ende seiner Weisheit. Er hat sich in eine schöne Situation geritten. Entweder neuer Rückzug oder Krieg für den Papst7. Ich kann kaum glauben, daß er den Italienern wirklich ein Ultimatum wegen Räumung des Römischen hat zugehn lassen, und ebensowenig, daß er es bei der knurrenden Note von Moustier lassen kann. In jedem Falle ist er foutu8. Wie es in Paris aussieht, hat sich auf dem cimetière Montmartre gezeigt. Der Tanz kann jeden Tag losgehn, und ich glaube kaum, daß der große Mann seinen 2. Dezember nochmals feiern wird, jedenfalls aber wohl zum letztenmal. Er ist so heruntergekommen, daß selbst jeder Philister ihn hier nur noch als ordinären Abenteurer behandelt.
Wenn es aber zum Klappen kommt, so findet die Revolution doch jetzt überall eine ganz andre Situation vor als 1848. In Deutschland ist die Zerfahrenheit von damals seit dem vorigen Jahr nicht mehr möglich, und wenn auch eine sofortige gewaltsame Erhebung in Berlin wenig Chance hat, so würde der Anstoß doch auch dort Kollisionen einleiten, die mit dem Sturz des jetzigen Regimes enden müßten. Monsieur Bismarck würde sehr bald nicht mehr Herr der Situation sein. Und dann würde England diesmal sogleich mit hineingerissen und above all9 hätten wir die soziale Frage in ganz Europa sofort an der Tagesordnung.
Wie tief die englischen Richter gesunken sind, zeigte gestern Blackburn, als er den Zeugen Beck frug (der zuerst auf William Martin geschworen hatte, nachher aber sagte, es sei John M.): Then you swore to W[illiam], and you meant to swear to John?10 Die ganze Prosekution, glaube ich, wird bei jedem neuen batch11 Angeklagter mehr und mehr zusammenbrechen, das Falschschwören, um die £ 200 Belohnung zu bekommen, ist ganz unglaublich.
Kannst Du mir sagen, wo über Lord Abercorns Evictionen12 Näheres zu lesen?
Louis in Paris mag sich wieder vor Bomben und Kugeln in acht nehmen. Die Italiener lassen nicht so ungestraft mit sich spaßen.
Die „Courriers" schicke ich Dir wo möglich morgen zurück.
Grüße Deine Frau, die Mädchen und den verliebten Schuster13 herzlich.
Dein F. E.