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Marx an Justizrat Weber
in Berlin
3. März 1860
6, Thorncliffe Grove,
Oxford Road, Manchester
Hochgeehrter Herr!
Ich habe Ihren Brief vom 22ten Februar erhalten und sage Ihnen zunächst meinen besten Dank für die Annahme meines Mandats.
Ich stimme ganz überein mit Ihrer Art und Weise, die Sache zu behandeln. Sollte der nun von mir erwähnte Anklagepunkt aus formellen Gründen keinen juristischen Erfolg haben, so ist es jedenfalls des Publikums wegen äußerst wichtig, daß er vorgebracht wird.
Ich erlaube mir als Kommentar zu beiliegenden Anlagen und zur schließlichen Ausführung meiner Information einige fernere Randglossen, wobei ich noch zuvor bemerke, daß, da ich keine Kopie meines am 13ten Februar an Sie abgesandten Briefes1 besitze, die Numerierung der Anklagepunkte meinem letzten Briefe vom 24. Febr.2 entspricht.
ad. IV. ad vocem3 Cherval.
Aus den Ihnen übersandten „Enthüllungen über den Kommunisten-Prozeß zu Köln" werden Sie ersehn haben, daß Herr Karl Schapper einer der beiden Führer des 1850 mit mir verfeindeten Teils des „Bundes der Kommunisten" war, die ich bezichtigte, durch eine falsche Auffassung des Zwecks der damals existierenden geheimen Gesellschaft, die nach meiner Überzeugung Ansichten zu verbreiten, sich aber von aller und jeder konspiratorischen Tätigkeit fernzuhalten hatte, [zu schaden], daß ich also Herrn Schapper und Konsorten sowohl durch den Mund der Advokaten im Gerichtshof zu Köln, als später durch mein in der Schweiz und Amerika erschienenes oben benanntes Pamphlet öffentlich anklagte, dem Stieber und seinen Agenten die Vorwände für ihre Polizeimanöver geschaffen und so die gerichtliche Verfolgung meiner Freunde in Köln veranlaßt zu haben.
So schwer es nun der Eigenliebe des Herrn Schapper werden müßte, seine Fehler gerichtlich einzugestehn, wußte ich dennoch, daß er ein Ehrenmann (er war Korrektor der „Neuen Rheinischen Zeitung" 1848/49), und ersuchte ihn daher in einem Briefe4 von hier aus, sein Affidavit5 über diesen Punkt vor einem Londoner Magistrat zu geben. Er hat sofort meiner Erwartung entsprochen. (Siehe Anlage a) Übersetzung: Anlage f.1.)
Herr Schapper hat sich gleich mir selbst seit vielen Jahren von aller Agitation zurückgezogen.
Schappers Affidavit räumt auch die letzte Unklarheit über mein Verhältnis zu dem elenden Cherval weg, worüber übrigens die „National-Zeitung" keinen Zweifel hegen konnte, hätte sie die öffentlichen und in den bedeutendsten preußischen Zeitungen abgedruckten Verhandlungen des Kölner Kommunistenprozesses (Oktober und November 1852) selbst nur oberflächlich angesehn. Das aber war ihre Schuldigkeit, bevor sie solch infamierende Anklage auf mich wälzte. Es war um so mehr ihre Schuldigkeit, als sie selbst in ihren Leitartikeln wiederholt des besagten Prozesses erwähnt. Schappers Affidavit beweist, daß Cherval nie mit mir, sondern nur mit meinen damaligen Gegnern verbunden war. Ich kann in betreff des Cherval noch das zufügen:
Aus einem alten Brief, den ich an Friedrich Engels zu Manchester schrieb (28. Oktober 1852), und den er aufbewahrt hat, hebe ich folgende Stelle hervor:
„Daß Cherval Polizeispion, ist durch folgendes bewiesen:
Erstens: Seine wunderbare Flucht gleich nach der Verurteilung aus dem Pariser Gefängnis;
Zweitens: Ungestörter Aufenthalt in London, obgleich er ein gemeiner Verbrecher;
Drittens: Herr von Rémusat (ich habe Schneider II ermächtigt, ihn im Notfall zu nennen) ließ mich wissen, Cherval habe sich ihm als Agenten für die Prinzen von Orléans angeboten. Er habe darauf nach Paris geschrieben und folgende (mir in der Kopie vorgezeigte) Dokumente erhalten!, woraus folgt, daß Cherval erst preußischer Polizeiagent war, jetzt bonapartistischer ist."6
Den Inhalt des obig zitierten Passus wird Herr Advokat Schneider II von Köln bezeugen, sollten Sie es für nötig halten, ihn als Zeugen nach Berlin vorzuladen. Der in dem Auszug aus dem Brief an Engels erwähnte Monsieur de Rémusat war, wenn ich nicht irre, Minister unter Louis-Philippe, jedenfalls einer der hervorragendsten Deputierten zu Louis-Philippes Zeit und einer der bedeutendsten Schriftsteller der sog. doktrinären Partei aus jener Periode.
ad II (ad vocem Gelder für das Journal „Volk".)
Ich sende Ihnen, Anlage b (Übersetzung Anlage f, 2), meine eigne Aussage an Eides Statt über den Ursprung der von mir dem „Volk" zur Disposition gestellten Gelder.
Da ich mich einige Zeit zu Manchester aufhalten muß, indem mein Sachwalter für den Verleumdungsprozeß gegen den Londoner „Daily Telegraph" zu Manchester wohnt, mußte ich das Affidavit vor einem Manchester Justice of the Peace (Friedensrichter) ausstellen. Es führt daher, dem englischen Gesetz gemäß, keinen Stempel.
ad I habe ich nichts zuzufügen.
ad III bemerke ich:
In bezug auf meine „Verbindung" mit der „geheimen Polizei" könnte ich meinen Schwager, den preußischen Ex-Minister von Westphalen als Zeugen vorladen lassen. Meine Frau, seine Schwester, wünscht jedoch, wenn es nicht notwendig, diesen Familienskandal zu vermeiden. Ich muß das ganz Ihrem Gutdünken daher überlassen.
Anlage b) (Übersetzung: Anlage f, 3) enthält eine Erklärung an Eides Statt von G. Müller, Präsident des öffentlichen deutschen „Arbeiterbildungsverein" zu London. Es ist dies der einzige Arbeiterverein (außer der erwähnten geheimen Gesellschaft, „Bund der Kommunisten", aufgelöst auf meinen Antrag November 1852), dem ich in London von meiner Ankunft daselbst (September oder August 1849) bis zu einem damals von mir öffentlich in verschiedenen deutschen Blättern (auch in der damals existierenden „Londoner Deutschen Zeitung") angezeigten Austritt7 aus demselben (Mitte September 1850) angehörte. Es ist überhaupt der einzige deutsche Arbeiterverein, mit dem ich während meines Aufenthalts in London je in irgendeiner Beziehung stand. An seinem Stiftungsfest (6. Februar 1860) hat nun dieser Verein (die Reproduktion der Artikel der „National-Zeitung" war grade an diesem Tage in dem Londoner Tagesblatt „Daily Telegraph" erschienen) den einstimmigen Beschluß gegen Vogt für mich gefaßt, obgleich ich ihm seit 10 Jahren fernstehe.
Diesen Beschluß hat der Präsident desselben in gerichtlicher Form in London aufnehmen lassen, wie Sie sehn aus der Anlage.
ad V. Den aus der „National-Zeitung" paraphrasierten Artikel des „Daily Telegraph" lege ich bei (sub Anlage d); ebenso die infolge meiner Reklamation erfolgte Antwort des (Berliner) Korrespondenten des „Daily Telegraph" (sub Anlage e), die ich in meinem Briefe vom 24ten Februar übersetzt habe.8
Ich halte es nun für ganz überflüssig, den Namen meines Freundes Ferdinand Freiligrath irgendwie im Lauf des Prozesses zu erwähnen, mit einziger Ausnahme des Ihnen in meinem Brief vom 24ten Februar beigelegten Briefes an F. Engels d. d. 19. November 1852.9 Diesen Brief halte ich für wesentlich zur gerichtlichen Konstatierung der Tatsachen.
Ich schließe diesem Briefe, außer der unten nachfolgenden nachträglichen Information, folgende Anlagen bei:
Anlage a) Affidavit von Schapper; b) Mein eignes Affidavit; c) Affidavit von G. Müller; d) „Daily Telegraph" vom 6ten Februar, p. 5, Spalte 1, Artikel überschrieben: „The Journalistic Auxiliaries of Austria" („Die journalistischen Helfershelfer von Östreich"); e) „Daily Telegraph" vom 13ten Februar, P. 2, Spalte 6, unter der Überschrift: „Germany". (From our own correspondent)10, Frankfort on the Maine, Febr. 8; f) Übersetzung der 3 Affidavits. g) „Der Ritter vom edelmütigen Bewußtsein", Druckschrift, New York, Dezember 1853. h) Brief von Flocon, Mitglied der provisorischen Regierung, Paris, 10. März 184811; i) Brief von Lelewel, Bruxelles, 10. Febr. 186012; k) 1. Brief von L. Jottrand, Bruxelles, 19. Mai 184913 und 2. Brief von demselben, Bruxelles, 25. Febr. 1848; l) 1 Exemplar von „Zwei politische Prozesse. Verhandelt vor den Februar-Assisen in Köln", Köln 1849; m) Brief von Ernest Jones. London, 11. Febr. 186014; n) Brief des Sheffield Foreign Affairs Committee. 6ter May 1860, Sheffield15; o) Briefe von David Urquhart. Glasgow. Dez. 9. 1854; p) Übersetzung von Anlagen m), n) und o).
Das einzige Schriftstück, das ich Ihnen jetzt noch zu schicken habe, ist ein Brief des Redakteurs der „New-York [Daily] Tribune"16 – ein Brief, den ich täglich erwarte – über mein Verhältnis zu dieser an der Spitze der englisch-amerikanischen Presse stehenden Zeitung von Mitte 1851 bis zu diesem Augenblick.
Mit vollkommner Hochachtung
Ihr ganz ergebner
Dr. Karl Marx
Es versteht sich ganz von selbst, daß ich in einem Prozeß gegen die „National-Zeitung" nur die Punkte des Vogtschen Pasquills berühre, die die „National-Zeitung" selbst ihrem Leitartikel einverleibt hat, sei es durch einfache Reproduktion, sei es durch Randglossen; auch betreffs der „National-Zeitung" nur solche Punkte, die juristisch strafbar sind. Alles andre muß vorbehalten bleiben für meine literarische Antwort auf Vogt, die erst nach dem Schluß der Gerichtsverhandlungen erscheinen kann.
Diese nachträgliche Information bezweckt daher nur folgendes:
1. Zu etwaiger Replik gegen den Gegenadvokat einige Bemerkungen über solche Passus der „National-Zeitung" zuzufügen, die für den Strafantrag selbst ganz gleichgültig sind.
2. Da ich selbst der Sohn eines Advokaten (des verstorbnen Justizrats Heinrich Marx zu Trier, der lange batonnier17 des dortigen barreaus18 und ebenso durch die Reinheit seines Charakters wie seine juristischen Talente ausgezeichnet war), so weiß ich, wie wichtig es für einen gewissenhaften Rechtsanwalt ist, über den Charakter seines Klienten ganz klar zu sein. Sie werden außerdem sehn, daß einiges ad 2) Beigebrachte vorteilhaft während der Verhandlungen zu brauchen ist.
ad 1) Es heißt in der „National-Zeitung", nach dem von mir in dem Brief vom 24. Februar sub III19 angezognen Passus (Nr. 37 der „National-Zeitung", Spalte 2, Zeile 65 von oben sqq):
„Zur weiteren Charakterisierung teilt Vogt u. a. einen langen Brief des ehemaligen Lieutenants Techow vom 26. August 1850 mit, worin" usw.
Nun enthält dieser Brief zunächst nichts, nicht eine Zeile, wie der Leser, der nur die „Nat.-Zeit.", nicht Vogts Pasquill selbst liest, leicht versucht sein könnte zu glauben, von dem was unmittelbar vorher die „Nat.-Zeit." mit und nach Vogt behauptet, nämlich von „Kompromittierung von Leuten im Vaterland, um ihnen durch Androhung der Denunziation Geld auszupressen", von „Verbindung mit der geheimen Polizei in Frankreich und Deutschland" u. dgl.
Alles, was Techow in der Tat sagt, ist, daß er mit mir, Engels und Schramm20 (jetzt verstorben, damals (1850) Gerant der von Engels und mir zu Hamburg herausgegebnen „Revue"21) pokulierte22 und die Scherze, die wir mit ihm trieben, indem er uns als sehr ernsthafter und wichtigtuender Gesandter einer geheimen Gesellschaft in der Schweiz imponieren wollte, für feierlichsten Ernst nahm. Dies betrifft den theoretischen Teil seines Briefs, worin er, mit den sonderbarsten Mißverständnissen und komischsten Verfälschungen, seiner Unterredung (die so nie stattgefunden hat) mit uns schildert. Niemand wird wohl von mir, der seit mehr als 15 Jahren seine Ansichten deutsch, französisch und englisch hat drucken lassen, erwarten, daß ich mich auf einen Bericht über meine Theorie von seiten eines Exlieutenants ernsthaft einlasse, der während seines ganzen Lebens nur ein paar Stunden mit mir zubrachte, und zwar in einem Weinhaus. Die damalige Zweideutigkeit und mauvaise foi23 des Herrn Techow gehn deutlich daraus hervor, daß er, früher von der Schweiz aus, Willich bei mir und Engels angriff (sieh Anlage g: „Der Ritter vom edelmütigen Bewußtsein" p. 3/424), später in seinem nie veröffentlichten Brief Willichs Einbildungen (Willich bewegte sich damals in der närrischsten Einbildung über die Wichtigkeit seiner eignen Person und die ihm von eingebildeten Rivalen gelegten Fallstricke) und Verleumdungen gegen mich ohne weitres kolportierte, obgleich er natürlich nach ein paar Tagen Aufenthalt in London und im ausschließlichen Verkehr mit unsern damaligen Feinden, bei dem geringsten gran25 von Verstand einsehn mußte, daß er zu keinem Urteil nach irgendeiner Seite hin berechtigt war.
Ich habe bisher bloß von dem sozusagen theoretischen Teil von Techows Brief (abgedruckt in Vogt, ich weiß natürlich nicht, ob unverfälscht, p. 142 sqq.) gesprochen.
Ich komme nun zu dem aggravierenden26 Teil des Briefs, wo er von dem Duell meines verstorbnen Freundes Conrad Schramm mit Willich redet. Hätte die „National-Zeitung" den Brief abgedruckt, so würde ich einen Brief Schramms einlegen, worin letztrer mir noch lang nach dem Duell vorwarf, von Willich beeinflußt zu sein, weil ich, obgleich vergebens, Schramm von dem Duell abgeraten.
Hier genügt es, einfach zu verweisen auf Anlage g, p. 5–9.27 (Als dies Dezember 1853 in New York erschien, befanden sich beide, Willich und C. Schramm, in Amerika.)
In bezug auf die Broschüre (Anlage g) wird es nötig sein, einiges die Geschichte ihrer Entstehung Betreffende beizubringen.
Im Dezember 1852, gleich einige Wochen nach Ende des Kölner Kommunistenprozesses, schickte ich das Manuskript meiner „Enthüllungen" über diesen Prozeß nach Basel – an Buchhändler Schabelitz. Nach monatelanger Verzögerung des Druckes beging S[chabelitz] solche Albernheiten in der Versendung, daß die ganze nach Deutschland expedierte Auflage an der badischen Grenze konfisziert wurde. Infolge dieses Ereignisses sandte ich das Manuskript nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika, wo es zu Boston, im März 1853, erst in der „Neu-England-Zeitung" in fortlaufenden Nummern erschien, dann als selbständiges Pamphlet abgedruckt wurde.
Gleichzeitig mit der Erscheinung der „Enthüllungen" in Amerika erschien selbst Herr Willich zusammen mit Kinkel, beide im Interesse einer Revolutionsanleihe, da nach Kinkels damals in amerikanischen deutschen Blättern gedruckten Ansichten, „Revolutionen so leicht wie Eisenbahnen zu machen sind", wenn nur das „nötige Geld" dazu vorhanden. Es waren derartige Narrheiten, denen ich bestimmt gegenübertrat. Willich, nach der Veröffentlichung der „Enthüllungen" in Amerika, wartete wenigstens 4 Monate und publizierte dann eine Entgegnung in der „Criminal-Zeitung" von New York.
Sie enthielt dieselben Verleumdungen und Narrheiten, wie der Brief Techows (Techow hatte 1850 in der Tat nur nach der Schweiz geschrieben, was Willich ihm damals zu London ins Ohr geraunt hatte und was Willich 1853 zu New York drucken ließ). Ich mußte um so mehr antworten, als ich schon damals in der englisch-amerikanischen Presse, infolge meiner Artikel in der „New-York Tribune", eine öffentliche und anerkannte Stellung einnahm. Ich beschloß indes, die Sache zwar sachgemäß, aber doch in scherzhaftem Ton abzumachen, wie es dann in dem „Ritter vom edelmütigen Bewußtsein" geschehn ist. Techow konnte natürlich antworten, so gut wie Willich, hielten es aber für klüger zu schweigen, während 7 Jahren bis jetzt ihr Schweigen nicht zu brechen.
Wie perfid-abgeschmackt also von der „National-Zeitung" (die sich nur für die Kritik, die ich ihr 1848/49 in der „Neuen Rheinischen Zeitung" angedeihn ließ, zu rächen sucht), dem Publikum längst öffentlich widerlegten Klatsch als authentische Wahrheit anzupreisen.
Übrigens habe ich, bei Ankunft des Vogtschen Buchs in London, das Buch nebst einem Brief an Herrn Techow in Australien geschickt und werde wohl nach 4 Monaten seine Antwort dem Publikum vorlegen können.
Die folgende Geschichte der Publikation dieses Briefs ist übrigens charakteristisch für Vogt.
Advokat Schily zu Paris schreibt mir nämlich darüber in einem Brief d. d. Paris, 6 Februar 1860:
„Dieser Brief" (nämlich der Techowsche) „gelangte durch verschiedne Hände endlich in die meinigen, wo er reponiert28 blieb, bis er infolge meiner Verjagung aus der Schweiz (1851 Sommer) durch Ranickel (einen Arbeiter, der mit Willich in Verbindung stand) in den Besitz von Vogt gelangte. Ich konnte nämlich meine Papiere nicht ordnen, da ich ohne vorherige Ausweisung noch sonstige Benachrichtigung urplötzlich in den Straßen Genfs, wohin ich interniert worden war, aufgepackt und sofort per Schub und durch verschiedne Gefängnisstationen nach Basel und von dort weiter versandt wurde. Meine Papiere wurden mir von meinen Freunden geordnet, wobei namentlich Ranickel tätig war und sich so in den Besitz jenes Schreibens setzen konnte. Ich habe später von London aus das Schreiben schriftlich von Ranickel reklamiert, aber nicht erhalten. Als besonderer Vertrauensmann Willichs (er hatte früher mit ihm in Besançon gehaust) mochte er wohl andre Projekte oder Instruktionen haben... Ranickel soll jetzt ein brillantes Etablissement als Buchbinder haben und dazu die clientèle des Genfer Gouvernement29 (an dessen Spitze Fazy, Vogts Patron). Neben seiner Abgötterei für Willich war Ranickel Vogts Zuträger."
Auf diesem ehrlichen Weg hat Herr Vogt diesen Brief Techows erhalten.
Schilys Namen bitte ich nicht zu erwähnen, sollte dieser Punkt überhaupt zur Sprache kommen, da Vogt als bonapartistischer Agent Macht genug besitzt, Schily aus Frankreich exilieren zu machen.
Ich habe zu diesem Punkt nur noch hinzuzusetzen, daß, sobald Willich (1853) seine in Techows Brief jetzt reproduzierten Narrheiten veröffentlichte, in derselben „New-Yorker Criminal-Zeitung" sofort, bevor ich irgendwelche Notiz in England haben konnte, eine siegreiche Antwort erschien von Joseph Weydemeyer (früher preußischer Artillerielieutenant, später Mitredakteur der Frankfurter „Neuen Deutschen Zeitung", jetzt Deputy-Surveyor30 im Staat Iowa), der sich während der ganzen Londoner Spaltung und während des Kölner Kommunistenprozesses zu Frankfurt am Main befand und Mitglied des „Bundes der Kommunisten" gewesen war. Diese Erklärung war mitunterzeichnet von Dr. A. Jacobi, jetzt praktischer Arzt zu New York, der sich selbst unter den Angeklagten zu Köln befunden hatte, aber freigesprochen worden war.
Mit Bezug auf folgenden Passus, Nr. 37 der „National-Zeitung", Spalte II, Zeile 31 sqq. von oben:
„Unter der Flüchtlingschaft setzen sie" (nämlich ich und Kons.) „das Werk der ‚Rheinischen Zeitung' fort, die 1849 von jeder Teilnahme an der Bewegung abmahnte, wie sie ja auch sämtliche Parlamentsmitglieder beständig angriff etc.",
bemerke ich:
Es ist sehr richtig, daß die „Neue Rh. Zeit." nie, wie die „National-Zeitung", eine Milchkuh aus der Revolution zu machen suchte, vielmehr nur mit großen Geldopfern und großen persönlichen Gefahren meinerseits aufrechterhalten wurde bis zu ihrer Unterdrückung durch die preußische Regierung. Die lächerliche Anklage, namentlich im Munde der „National-Zeitung", daß die „Neue Rh. Zeit." „1849 von jeder Teilnahme an der Bewegung abmahnte", wird am besten widerlegt durch die Spalten des Blattes selbst. Übrigens verweise ich über die Art und Weise, wie ich während der Revolution auftrat, auf Anlage l) („Zwei Politische Prozesse etc.").
Es ist ebenfalls wahr, daß die „Neue Rhein. Zeit." Herrn Vogt und andre hohlen Phrasenmacher der Frankfurter Nationalversammlung stets ironisch und ihrem Gehalt gemäß behandelte. Übrigens hatte Vogt, der, nach seinem eignen Geständnis in seinem Pamphlet, schon 1846 naturalisierter Schweizer Bürger, also Genosse eines fremden Staats war, absolut nichts in Deutschland zu schaffen. Es ist falsch, daß die „Neue Rhein. Zeit." „sämtliche" Parlamentsmitglieder „angriff". Sie stand in der freundschaftlichsten Verbindung mit vielen Mitgliedern der äußersten Linken. Wie sehr selbst Vogt und Konsorten bis kurz zum Untergang der Zeitung um ihre Gunst buhlten, geht einfach daraus hervor, daß, als sie den Märzverein stifteten, sie ein Zirkular durch ganz Deutschland sandten, worin die „guten" Zeitungen mit einem Stern, die „besten" mit zwei Sternen zum Abonnement ihrem Publikum dringend empfohlen wurden. Die „Neue Rhein. Zeit." ward mit „zwei Sternen" beehrt. Sobald mir der Wisch in die Hand fiel, protestierte ich sofort in einem kurzen Leitartikel der „Neuen Rhein. Zeit." (ich glaube in einer Märznummer 1849)31 gegen diese ungebetne Protektion von Leuten, deren persönlichen Charakter und politische Intelligenz ich gleich gering achtete.
ad 2) 1842 (damals 24 Jahr alt) war ich Haupt-Redakteur der alten „Rheinischen Zeitung", die erst unter einfache, dann unter doppelte Zensur gestellt, schließlich gewaltsam (Frühling 1843) von der preußischen Regierung unterdrückt ward. Einer der Männer, mit denen ich damals zusammenarbeitete, war Herr Camphausen, nach der Märzrevolution Ministerpräsident in Preußen. Die alte „Rhein. Zeit." hat unbedingt die Macht der Zensur in Preußen gebrochen. (Ich bemerke konfidentiell32, natürlich nicht zu öffentlichem Gebrauch: Nach der Unterdrückung der „Rhein. Zeit." ließ mir die preußische Regierung Offerten machen durch den Geheimen Revisionsrat Esser, einen Freund meines Vaters. Esser befand sich nämlich mit mir im Bad zu Kreuznach, wo ich meine jetzige Frau heiratete. Nach dieser Mitteilung verließ ich Preußen und ging nach Paris.)
Zu Paris gab ich die „Deutsch-Französischen Jahrbücher" heraus zusammen mit Friedrich Engels, Georg Herwegh, Heinrich Heine und Arnold Ruge. (Mit Herwegh und Ruge brach ich später.) Ende 1844 wurde ich auf Antreiben der preußischen Gesandtschaft von Paris (durch Guizot) ausgewiesen und ging von da nach Belgien. Welche Stellung ich unter den französischen Radikalen während meines Pariser Aufenthalts einnahm, ergibt sich am besten aus Anlage h), aus dem Schreiben Flocons vom 1. März 1848, worin er mich im Namen der Provisorischen Regierung nach Frankreich zurückrief und den Ausweisungsbefehl Guizots annullierte. (Konfidentiell: Im Sommer 1844 erhielt ich in Paris, nach dem Bankerutt des Buchhändlers (Julius Fröbel) der „Deutsch-Französ. Jahrbücher" einen Brief (nebst 1000 Taler) von Dr. Claessen im Namen Camphausens und der übrigen Aktionäre der „Rhein.Zeitung", ein Brief, worin meine Verdienste hyperbolisch33 koloriert waren und den ich schon deswegen nicht beilege.)
In Brüssel lebte ich von Anfang 1845 bis Anfang März 1848, als ich wieder ausgewiesen ward und auf Flocons Brief hin nach Frankreich zurückkehrte. In Brüssel schrieb ich, außer Gratisbeiträgen zu verschiednen radikalen Pariser und Brüssler Zeitungen „Kritik der kritischen Kritik"34 zusammen mit Fr. Engels (eine Schrift über Philosophie, herausgegeben 1845, Frankfurt a/M bei Rütten), „Misère de la Philosophie"35 (Ökonomische Schrift, 1847 herausgegeben bei Vogler in Brüssel und Frank in Paris), „Discours sur le libre échange" (Bruxelles 1848)36, ein zweibändiges Werk über neueste deutsche Philosophie und Sozialismus37 (erschienen nicht, sieh meine Vorrede: „Zur Kritik der Politischen Ökonomie", F. Duncker, Berlin 185938) und viele Flugschriften. Während meines ganzen Aufenthalts in Brüssel hielt ich Gratisvorlesungen über „politische Ökonomie" im Deutschen Brüssler Arbeiterbildungsverein. Die Druckschrift, worin ich sie gesammelt hatte, wurde unterbrochen im Druck durch die Februarrevolution. Meine Stellung unter den Radikalen (sehr verschiedner Farben) in Brüssel ist dadurch bezeichnet, daß für die öffentliche société internationale ich Comitémitglied für die Deutschen war, Lelewel (80jähriger Greis), der Veteran der polnischen Revolution von 1830/31 und gelehrter Geschichtsforscher) für die Polen, Imbert (später Gouverneur der Pariser Tuileries) für die Franzosen und Jottrand, Brüssler Advokat, ehemaliges Mitglied der konstituierenden Versammlung und Chef der belgischen Radikalen, für die Belgier, präsidirte zugleich. Aus den beiden Briefen Jottrands (jetzt ein alter Herr) an mich (Anlage k, 1 und k, 2), ebenso aus dem Brief Lelewels (Anlage i) ersehn Sie mein Verhältnis zu diesen Herrn während meines Brüssler Aufenthalts. Jottrands Brief (Anlage k, 2) ist geschrieben nach einem Zwist, den ich mit ihm hatte auf einem öffentlichen Meeting 22. Febr. 1848, worauf ich meine Demission aus der société internationale ihm eingereicht hatte. Den zweiten Brief schrieb er mir, als ich in Köln die „Neue Rhein. Zeitung" stiftete.
In Paris hielt ich mich wieder auf März bis Ende Mai 1848. (Konfidentiell: Flocon bot mir und Engels für die Stiftung der „N. Rh. Z." Geld an. Wir schlugen es ab, weil wir als Deutsche selbst nicht von einer befreundeten französischen Regierung Subsidien annehmen wollten.)
Mai 1848 bis Ende Mai 1849 gab ich die „Neue Rh. Zeit." zu Köln heraus. Aus Anlage l) ersehn Sie, daß ich als einer der 3 Vorsteher der Rheinisch-Westfälischen Demokratie erwählt war. (Konfidentiell: Bei meiner Ankunft in Köln wurde ich von einem Freund Camphausens aufgefordert, zu ihm nach Berlin zu gehn. Berücksichtigte die Insinuation39 nicht.)
Zu Paris von Juni 1849–August 1849. Ausgewiesen unter Bonapartes Präsidentschaft.
Ende 1849 bis jetzt 1860 in London. Herausgegeben 1850 zu Hamburg „Revue der Neuen Rh[einischen] Zeitung", „Der 18te Brumaire des Louis Bonaparte" (zu New York 1852), „Diplomatic Revelations of the 18th Century"40 (London 1856), „Kritik der Politischen Ökonomie", 1tes Heft, Duncker Berlin 1859 usw. Mitarbeiter der „New-York Tribune" seit 1851 bis jetzt. Solange ich Mitglied des Deutschen Arbeitervereins (Ende 1849 bis September 1850) hielt ich Gratisvorlesungen. Aus Anlage o (sie ist konfidentiell) ersehn Sie, wie ich mit David Urquhart zusammenkam. Ich arbeitete seitdem bis jetzt mit an seiner „Free Press". Ich gehe mit ihm in seiner auswärtigen Politik (Gegensatz gegen Rußland und Bonapartismus), nicht in der innern, wo ich mit der Chartistenpartei (die ihm feindlich) gehe.
Für die Journale der letztern (namentlich das „People's Paper") habe ich während 6 Jahren gratis gearbeitet. (Sieh Anlage m.)
Meine 1853 in der „New-York Tribune" gegen Palmerston geschriebenen Artikel41 sind wiederholt in England und in Schottland in Pamphletform zu 15–20 000 Exemplaren abgedruckt worden.
Aus Anlage m, die von dem Sekretär einer der urquhartitischen Klubs, die sich nur mit Diplomatie beschäftigen, 1856 im Auftrag des Sheffield Klubs an mich gerichtet wurde, ersehn Sie, wie ich mit den Urquhartiten, trotz der Differenz über innere Politik stehe.
Brief in Anlage m rührt her von Ernest Jones, Advokat (barrister-at-law) zu London, anerkannter Chef der Chartistenpartei, auch als Dichter anerkannt.
Die Übersetzung von Anlagen o, n, m, befinden sich in Anlage p.
Über den von gewissen deutschen Seiten in London gegen mich verbreiteten Klatsch ist charakteristisch der Anlage g „Ritter vom edelmütigen Bewußtsein" abgedruckte Brief (Seite 14) meines Freundes Steffen42 (früher preußischer Lieutenant und Lehrer an der Divisionsschule, jetzt in Boston).
Ich habe nie das deutsche Publikum mit einem Wort, ungeachtet 10 Jahre fortgesetzter Angriffe, meiner Biographie belästigt. Meinem Rechtsanwalt gegenüber hielt ich es in einem Falle, wie der gegenwärtige, für unerläßlich.
Mit Bezug auf den italienischen Krieg muß ich noch bemerken, daß meine Ansicht darüber ganz zusammenfällt mit der, die mein Freund Fr. Engels in dem bekannten, 1859 bei Fr. Duncker in Berlin erschienenen Pamphlet ausspricht – „Po und Rhein". Das Manuskript desselben ward mir vor seiner Versendung nach Berlin von Engels zugeschickt.
Wir sind für ein freies und selbständiges Italien, wie wir uns 1848 in der „Neuen Rh. Zeit." von allen deutschen Blättern am entschiedensten dafür aussprachen, ganz wie für Ungarn und Polen. Aber wir wollen nicht, daß Bonaparte (im geheimen Einverständnis mit Rußland) italienische Freiheit oder irgendeine andre Nationalitätsfrage zum Vorwand macht, um Deutschland zu ruinieren.