24.Febr.1860
6, Thorncliffe Grove,
Oxford Road, Manchester
Hochgeehrter Herr,
Es wundert mich, daß auch gestern noch keine Empfangsanzeige des Ihnen am 13.Febr. zugesandten registrierten Briefes1 von Berlin angekommen war.
Gestern sandte ich Ihnen von hier – Manchester – einen zweiten registrierten Brief2, Vollmacht nebst sieben Anlagen, und erlaube mir heute, mit Bezug auf die erwähnten und numerierten Anlagen, einige fernerne Randglossen zu den Hauptpunkten, die nach meiner Ansicht in der Verleumdungsklage gegen die Berliner „National-Zeitung" zu betonen sind.
Ich schließe gleichzeitig ein einen Brief vom 19.Nov.1852 und ein Exemplar der von mir 1853 veröffentlichten „Enthüllungen"3".
I. a) Das anonyme Flugblatt „Zur Warnung".
In Nr.41 der Berliner „National-Zeitung", Leitartikel, „Wie man radikale Flugblätter macht", Seite 1, Spalte 3, heißt es wörtlich:
„Die Partei Marx konnte nun sehr leicht die Autorschaft des Flugblatts auf Blind wälzen, eben weil und nachdem dieser im Gespräch mit Marx und in dem Artikel der ‚Free Press' sich in ähnlichem Sinne geäußert hatte; mit Benutzung dieser Blindschen Aussagen und Redewendungen konnte das Flugblatt geschmiedet werden, so daß es wie sein4 (sc.5 Blinds) ‚Fabrikat' aussah."
Überhaupt ist der ganze animus5 dieser Spalte, mich als den Schmieder des besagten Flugblatts darzustellen und mich zugleich mit der Infamie zu belasten, demselben das Aussehn gegeben zu haben, als sei es von Blind fabriziert.
Ehe ich nun zu dem, in den gestern geschickten Anlagen enthaltenen Beweise komme, halte ich es für nötig, Ihnen die Geschichte dieser Kontroverse kurz zusammenzustellen.
Die Augsburger „Allgemeine Zeitung", während ihres Prozesses mit Vogt, veröffentlichte unter andern Aktenstücken folgenden Brief von mir:
„19.Oktober 1859,
9, Grafton Terrace, Maitland Park,
Haverstock Hill, London.Mein Herr,
Solange ich eine Hand in der deutschen Presse hatte, habe ich die ‚Allgem.Zeitung' angegriffen, und hat die ‚Allgem.Zeitung' mich angegriffen; dies hindert mich natürlich keineswegs, der ‚Allgem.Zeitung', soweit ich kann, behilflich zu sein in einem Fall, worin sie meiner Überzeugung nach die erste Pflicht der Presse erfüllt hat, die der Denunziation von Humbugs6. Das anliegende Dokument wäre ein gerichtliches Dokument hier in London. Ich weiß nicht, ob es so in Augsburg ist. Ich habe mir besagtes Dokument verschafft, weil Blind verweigerte, für Äußerungen einzustehen, die er mir andern gegenüber gemacht, die ich Liebknecht wiedererzählte, und die ihm kein Bedenken über die in dem anonymen Pamphlet enthaltene Denunziation erlaubte. Ihr ganz ergebener Dr.K.Marx."7
Das diesem Brief an die „Allg.Zeit." beigelege und ebenfalls von ihr veröffentlichte Aktenstück lautet also:
„Ich erkläre hiemit in Gegenwart von Dr.Karl Marx und Wilhelm Liebknecht, daß das unter dem Titel ‚Zur Warnung' anonym und ohne Angabe des Druckorts herausgegebne Flugblatt, das in Nr.7 des ‚Volk' abgedruckt wurde,
1. in der Druckerei des Fidelio Hollinger, 3, Litchfield Street, Soho, gesetzt und gedruckt ist, indem ich selbst einen Teil des Manuskripts, F.Hollinger den andern setzte; 2. daß es in der Handschrift von Karl Blind geschrieben war, die mir bekannt ist aus Manuskripten des Karl Blind für den ‚Hermann' und aus anonym von Karl Blind geschriebenen Flugschriften, die an dem angeblichen Druckort ‚Frankfurt a.M.', in der Tat aber bei F.Hollinger, 3, Litchfield Street, Soho, gesetzt und gedruckt sind; 3. daß Fidelio Hollinger selbst den Karl Blind mir als Verfasser des gegen Prof.Vogt gerichteten Flugblatts ‚Zur Warnung' bezeichnet hat.
August Vögele, Setzer. Die Richtigkeit der vorstehenden Unterschrift bezeugt W.Liebknecht, Dr.K.Marx. London, 17.Sept.1859." (Sieh Vogts Schrift: „Mein Prozeß gegen die ‚Allg. Zeitung'" Dokumente, p.30, 31.)
In Antwort hierauf erschien in Nr.313 der „Allgem.Zeitung" und in der „Kölnischen Zeitung" folgender Brief von Karl Blind, nebst beigelegten Zeugnissen von Hollinger und Wiehe:
„London, 23, Townshead Road, St.John's Wood, 3.Nov.1859. Zur Abweisung der Angabe, als sei ich der Verfasser des Flugblatts ‚Zur Warnung', veröffentliche ich nur folgendes Dokument. Dies nur als Abwehr – nicht zur Rechtfertigung Karl Vogts, dessen Handlungsweise ich und meine Freunde von der republikanischen Partei, nach allem was uns seit einem halben Jahre bekannt wurde, unbedingt verurteilen müssen. Bezeugen kann ich die Richtigkeit der von Herrn Julius Fröbel gemachten Mitteilung, daß von seiten Vogts allerdings Geldanerbietungen hierher gelangten, um hiesige Deutsche zu bestimmen, in dem bekannten Sinn auf die vaterländische Presse einzuwirken. Karl Blind."
a) „Ich erkläre hiemit die in Nr.300 der ‚Allg.Z.' enthaltene Behauptung des Setzers Vögele, als sei das dort erwähnte Flugblatt ‚Zur Warnung' in meiner Druckerei gedruckt worden oder als sei Herr Karl Blind der Urheber desselben, für eine böswillige Erdichtung. Fidelio Hollinger. 3, Litchfield Street, Soho, London, 2.Nov.1859."
b) „Der Unterzeichnete, der seit 11 Monaten in Nr.3, Litchfield Street, wohnt und arbeitet, gibt seinerseits Zeugnis für die Richtigkeit der Aussage des Herrn Hollinger. London 2.Nov.1859. J.F.Wiehe, Schriftsetzer."
(Vergleich Vogts Buch, Dokumente, S.37 und 38.)
Hierauf erwiderte ich in Nr.325 der „Allg.Zeit."8 und habe Ihnen den betreffenden Ausschnitt aus der A[ugsburger] „A.Z." in meinem ersten Brief von London9 eingeschlossen.
Karl Blind seinerseits gab eine neue Entgegnung in der Beilage der „Allg.Zeit." vom 11ten Dezember, worin die Redaktion erklärt:
„Herr Karl Blind erklärt im wesentlichen: Indem ich mich wiederholt auf die von dem Druckereibesitzer Herrn Hollinger und dem Schriftsetzer Wiehe gezeichneten Dokumente berufe, erkläre ich zum letztenmal, die jetzt nur noch als Insinuation10 auftretende Unterstellung, als sei ich der Verfasser des oft erwähnten Flugblattes, für eine platte11 Unwahrheit. In den neueren Angaben über mich finden sich die gröbsten Entstellungen. Noch einmal: dies nur als Abwehr gegen die Marx-Biscamp-Liebknechtsche Seite hin, nicht zur Rechtfertigung Vogts, gegen den ich mich schon früher ausgesprochen."
Zu dieser Erklärung bemerkte die Redaktion der „Allgem.Zeit.":
„Da ferner Aufklärung dieser Verhältnisse oder das Hin- und Herziehen derselben in diesen Blättern längst für das größere Publikum jedes Interesse verloren hat, so ersuchen wir die betreffenden Herrn, die dies angeht, auf etwaige weitere Entgegnungen zu verzichten." (cf. Vogts Buch, Dokumente, p.41, 42.)
Damit waren einstweilen die Akten geschlossen. Sobald mir die Artikel der „National-Zeitung" mit dem Auszug aus Vogts Pamphlet und dem Kommentar darüber zu Gesicht kamen, veröffentlichte ich zunächst das englische Zirkular12 (Anlage III), gerichtet an den Redakteur der Londoner „Free Press". Ihr Zweck war, den K.Blind zu einer Injurienklage13 gegen mich zu veranlassen und mir so Gelegenheit zu geben, erstens in London die gerichtlichen Beweise über Druck und Urheberschaft des Pamphlets „Zur Warnung" beizubringen, zweitens den wirklichen Verfasser desselben zu zwingen, sein Überführungsstück gegen Vogt einem englischen Gerichtshof vorzulegen.
Die nächste Folge dieses Zirkulars (Anlage III), das ich, sobald es gedruckt war, sofort Karl Blind zusandte, war K.Blinds Erklärung, die in der „Allgem.Zeitung" vom 13ten Februar erschien, in der Beilage zu Nr.44. In dieser Erklärung, überschrieben „Gegen Karl Vogt", wiederholt Blind, daß er nicht „Verfasser" des gegen Vogt gerichteten Flugblatts „Zur Warnung" sei, rückt aber, durch mein Zirkular gezwungen, mit einigen Argumenten hervor, daß Vogt ein Agent der bonapartistischen Propaganda in London sei. Dies war die unmittelbare Folge des ersten Schritts, den ich durch Veröffentlichung des Zirkulars (Anlage III) getan.
Unterdessen hatte ich mir die beiden Affidavits14 der Setzer Vögele und Wiehe (Anlage I und II) verschafft. Diese Affidavits bewiesen: Erstens: daß meine Behauptung, das Flugblatt „Zur Warnung" sei in der Setzerei des Hollinger gedruckt und in Blinds Handschrift geschrieben, wahr war. Zweitens: daß die von Blind in Nr.313 der „Allg.Zeit.", ebenso in der „Köln[ischen] Zeit[ung]", beigebrachten und von Blind in der Beilage der „Allg.Zeit." vom 11ten Dezember wieder angezogenen Zeugnisse von Hollinger und Wiehe falsch waren. Drittens: Daß Blind und Hollinger (siehe Anlage II, das Affidavit des Schriftsetzers Wiehe) eine conspiracy (Verschwörung) eingegangen, um falsche Zeugnisse gegen mich zu erhalten, und mich in der öffentlichen Meinung als einen Lügner und Verleumder zu verunglimpfen. Eine solche conspiracy ist nach englischem Recht kriminell. Der einzige Umstand, der mich verhindert hat, Hollinger und Blind kriminell zu verfolgen, ist Rücksicht auf Blinds Familie.
Von den Affidavits (Anlage I und II) der beiden Setzer Vögele und Wiehe schickte ich die Abschrift an einige mit Blind verkehrende Flüchtlinge, welche sie ihm mitteilten. Die unmittelbare Folge war die Erklärung des Dr.Schaible im „Daily Telegraph" vom 15ten Febr.1860, worin Schaible sich als Verfasser des Flugblatts „Zur Warnung" nennt und für die darin enthaltenen Beschuldigungen gegen Vogt die Verantwortlichkeit auf sich selbst nimmt. (Siehe Anlage VI.) Will Vogt also seine Unschuld beweisen, so muß er den Prozeß von neuem beginnen – in London. Die Erklärung Schaibles, der Verfasser des Flugblatts „Zur Warnung" zu sein, ändert durchaus nichts an den Tatsachen, daß das Flugblatt in Hollingers Setzerei gedruckt worden ist, daß Blind es drucken ließ, daß es in Blinds Handschrift geschrieben war, daß die von ihm beigebrachten Zeugnisse des Hollinger und Wiehe falsch waren, endlich, daß Hollinger und Blind sich durch falsche Zeugnisse aus der Schlinge zu ziehn und mich zu kompromittieren suchten.
Ich habe nicht nötig, Ihnen weiter auseinanderzusetzen, daß die beiden Affidavits von Vögele und Wiehe (Anlage I und II) und die Erklärung des Dr.Schaible im „Daily Telegraph" vom 15ten Februar (Anlage VI) Ihnen die positiven Beweise in die Hände liefern für die Falschheit der sub I a) dieses Briefs von mir angeführten Verleumdung der „National-Zeitung".
b) Mein Verhältnis zur „Allgemeinen Zeitung".
Die beiden Briefe der Redaktion der „Allgem.Zeitung" an mich d.d. 16.Oktober 1859 (Anlage IV und V) und mein Antwortschreiben darauf d.d.19.Oktob.1859, das ich oben sub I a) zitiert habe, bilden meine ganze Korrespondenz mit der „All.Zeitung". Sie beschränkt sich also einfach darauf, daß ich der „Allgem.Zeit." ein schriftliches Dokument zur Verfügung stellte, welches den Ursprung des Flugblatts, wegen dessen Abdruck die „Allgem.Zeit." von Vogt gerichtlich verfolgt war, aufhellen mußte.
Am 9ten Mai 1859, bei Gelegenheit eines von David Urquhart abgehaltenen öffentlichen Meetings, erzählte mir K.Blind sämtliche im Flugblatt „Zur Warnung", das erst im folgenden Juni erschien, später wiederholten Anklagen gegen Vogt. Er versicherte mir, die Beweise seien in seiner Hand. Ich legte kein großes Gewicht auf diese Mitteilung. Das Vogtsche Pamphlet, betitelt „Studien zur gegenwärtigen Lage Europas", ferner Vogts Verhältnis zu Fazy, dem „Tyrannen von Genf", und Fazys Verhältnis zu L[ouis] Bonaparte, hatten mich bereits überzeugt, daß Vogt ein bonapartistischer Agent sei. Ob mit böser oder guter Absicht, ob bezahlt oder unbezahlt, war mir vollständig gleichgültig. Zwei oder drei Tage nach Blinds Mitteilung erschien Herr Biscamp, mit dem ich nie persönlich oder politisch irgendwie in Verbindung gestanden, in meinem Hause eingeführt von Liebknecht. Biscamp forderte mich auf, ich und meine Freunde möchten das von ihm gestiftete Blatt „Das Volk" mit literarischen und Geldbeiträgen unterstützen. Ich wies sein Ansinnen zunächst ab, weil meine Zeit in der Tat sehr in Beschlag genommen sei, ich andrerseits „Das Volk", von dem nur noch eine Nummer erschienen war, erst näher kennenlernen müsse, bevor ich meine Freunde zur Mitwirkung an demselben auffordern könne. Ich hob dabei hervor, daß ich jede Beteiligung an den in London erschienenen deutschen Journalen bisher prinzipiell vermieden habe. Während dieser Zusammenkunft erzählte ich dem Liebknecht, in Biscamps Gegenwart, Blinds Aussage auf dem Urquhartschen Meeting wieder. Ich erwähnte dabei noch der süddeutschen Neigung, aus Wichtigtuerei zu übertreiben. Herr Biscamp machte später, in Nr.2 des „Volk" vom 14ten Mai, unter dem Titel „Der Reichsregent als Reichsverräter" auf seine eigne Verantwortlichkeit und mit ihm allein gehörigen Zusätzen einen Artikel, zitiert in Vogts Schrift: „Mein Prozeß etc." unter den Dokumenten p.17, 18, 19.
Später, ungefähr Mitte Juni, zu einer Zeit, wo ich von London abwesend war und mich in Manchester befand, erhielt Liebknecht von Hollinger in dessen Setzerei den Korrekturbogen des Flugblatts „Zur Warnung", das er sofort als Reproduktion der mir von Blind mündlich gemachten Mitteilungen [erkannte], und dessen Manuskript, wie er vom Setzer Vögele erfuhr, Blind dem Hollinger zum Druck übergeben hatte. Liebknecht schickte dies Korrekturblatt der „Allg.Zeit.", die es abdruckte und sich so Vogts Verleumdungsklage zuzog. Liebknecht war um so berechtigter, diesen Schritt zu tun (von dem ich nichts wußte, da ich nicht in London anwesend war), als er wußte, daß Blind, Vogts Ankläger, von Vogt selbst zur Mitarbeit an dem projektierten Propagandawerk aufgefordert worden war. Einem Menschen gegenüber, der es auf sich nahm, für alle Bonapartes Plänen günstige Artikel in der deutschen Presse eine Prämie zu zahlen (siehe Vogts Geständnis hierüber in seinem Buche, Brief an Dr.Löening, Dokumente p.36), war es Pflicht, solche weitverbreitete Blätter, wie die „Allgem.Zeit.", „Zur Warnung" zu benutzen.
Sobald Vogt seine Verleumdungsklage gegen die A[ugsburger] „A.Z." wegen Abdruck des Flugblatts „Zur Warnung" anhängig machte, schrieb die Redaktion der „Allg.Zeit." an Liebknecht und bat ihn dringend, Beweise beizubringen. Liebknecht wandte sich an mich. Ich verwies ihn an Blind und begleitete ihn, auf sein Verlangen, selbst zu Blind, wie Sie aus Blinds Brief (Anlage VII) ersehn. Wir fanden Blind nicht, der sich im Bad zu St.Leonards befand. Liebknecht schrieb zwei Briefe an ihn. Sie blieben wochenlang unbeantwortet bis zum Augenblick, wo Blind glauben mochte, der Augsburger Prozeß sei seinem Abschluß nah. (Diese Berechnung wurde durchkreuzt durch den Aufschub, den die „Allg.Zeit." unterdes für ihren Prozeß erwirkt hatte.) Dann endlich antwortete Blind dem Liebknecht in dem Brief vom 8ten September (Anlage VII), worin er mit kühlster Unverschämtheit sagt, er habe „an der erwähnten Sache, wie schon früher bemerkt, gar keinen Anteil" und wolle „über die im Privatgespräch vorgekommenen Bemerkungen ... später einmal bei Gelegenheit mündlich zu sprechen kommen". Liebknecht kam mit diesem Brief zu mir.
Ich sah, daß nun Gewaltmittel nötig geworden, um Blinds Zunge zu lösen. Ich erinnerte mich, in der London „Free Press" vom 27ten Mai einen anonymen Artikel gelesen zu haben („The Grandduke Constantine to be King of Hungary"15), der den wesentlichen Inhalt des Flugblatts „Zur Warnung" und der mir von Blind mündlich gemachten Äußerungen enthielt. Stil und Inhalt des Artikels hatten mich keinen Augenblick zweifeln lassen, daß Blind der Verfasser desselben. Um dies zu vergewissern, begab ich mich mit Liebknecht zu Herrn Collet, dem verantwortlichen Herausgeber der „Free Press". Nach einigem Hin- und Herreden erklärte er Blind für den Verfasser des besagten Artikels. Kurz darauf erhielt ich die schriftliche Erklärung des Setzers Vögele, dahin lautend, daß das Flugblatt in Hollingers Druckerei gesetzt worden und daß das Manuskript in der Handschrift Blinds geschrieben war.
Liebknecht schrieb nun nochmals einen längeren Brief an Blind, worin er ihm anzeigte, daß jetzt Beweise über sein Verhältnis zu dem Flugblatt „Zur Warnung" in unserer Hand seien, ihn u.a. auf den Artikel in der „Free Press" verwies und ihn nochmals aufforderte, die zu seiner Verfügung stehenden Aufschlüsse zu geben. K.Blind antwortete nicht, brach vielmehr vor wie während der Gerichtsverhandlungen in Augsburg keinen Augenblick sein Stillschweigen. Es war also jetzt über allen Zweifel klar, daß K.Blind zu einem System des Ableugnens und diplomatischen Ignorierens definitiv entschlossen sei. Unter diesen Umständen erklärte ich Liebknecht, ich sei bereit, wenn die „Allg.Zeit." es schriftlich von mir verlange, ihr die in meinem Besitz befindliche Erklärung des Vögele zu überschicken. Dies geschah in der Tat, nach Empfang der beiden Briefe der „Allg.Zeit." vom 16ten Oktober, in meinem Antwortschreiben vom 19ten Oktober.
Die Motive, die mich zu diesem Schritt bestimmten, waren folgende:
Erstens: Ich schuldete es Liebknecht, der von mir Blinds Äußerungen über Vogt zuerst erfahren, Beweise beizubringen, daß er nicht aufs Ungefähr Anklagen gegen dritte Personen weiter verbreite.
Zweitens: Die „Allg.Zeitung" war nach meiner Ansicht völlig berechtigt zum Abdruck des Pamphlets „Zur Warnung", da sie wußte, daß es von einer Seite ausging, die Herr Vogt selbst zur Mitarbeit an seinem Propagandawerk aufgefordert hatte. Der Umstand, daß die „Allg.Zeit." einer mir feindlichen Partei angehört und mich selbst persönlich stets feindlich behandelt, sogar wiederholt den albernsten Klatsch gegen mich veröffentlicht hat, änderte nichts an meiner Ansicht, sowenig wie der Umstand, daß ich mich zufällig außerhalb des Gerichtsbanus des Augsburger Gerichts befinde, die „Allgem.Zeit." mich also nicht zwangsweise als Zeugen vorladen konnte.
Drittens: Vogt hatte im Bieler „Handels-Courier", Nr.150 vom 2.Juni, Beilage (cf.p.31 der Dokumente in Vogts Buch), ein Pasquill gegen mich veröffentlicht16, offenbar unter der Voraussetzung, ich sei Verfasser des im „Volk" am 14ten Mai von Biscamp gegen ihn veröffentlichten Artikels. Ebenso ging er in seiner Anklage gegen die „Allg.Zeit." von der Voraussetzung aus, ich sei der Verfasser des Flugblatts: „Zur Warnung". Blind war offenbar entschlossen, das dem Vogt so willkommne Quiproquo17 zu verewigen.
Viertens: und dies war die Hauptsache für mich. Ich wollte Vogt und seine Ankläger einander gegenüberstellen, und zwar auf einem Terrain, wo die Sache zur Entscheidung kommen mußte und von beiden Seiten alle Winkelzüge abgeschnitten waren. Dazu war es wesentlich, daß ich den wirklichen Verfasser und den Veröffentlicher des Flugblatts „Zur Warnung" gewaltsam aus ihrem Versteck herauszog. Daß ich richtig gerechnet hatte, beweist Dr.Schaibles Erklärung (Anlage VI) und Blinds vorher zitierter Brief in der „Allg.Zeit." vom 13ten Februar, Beilage zu Nr.44.
Meine Korrespondenz mit der „Allg.Zeit." beschränkt sich auf die beiden Briefe (Anlage IV und V) des Dr.Orgens und mein oben (sub I a) zitiertes Antwortschreiben vom 19.Oktober. Das hat Herrn Vogt (und der „National-Zeitung") genügt, mich zum Mitarbeiter der „Allg.Zeit." zu nennen, und sich selbst dem deutschen Publikum als das unschuldige Opfer einer Konspiration zwischen den Reaktionären und der äußersten Linken vorzuführen.
Liebknecht ist Korrespondent der „Allg.Zeit." seit 1855, ganz wie Herr Vogt selbst früher ihr Korrespondent war. Liebknecht wird nötigenfalls die Wahrheit eidlich erklären, nämlich, daß ich niemals ihn benutzt, um auch nur eine Zeile in die „Allg.Zeit." einzuschmuggeln. Sein Verhältnis mit der „Allg.Zeit." ging und geht mich absolut nichts an. Übrigens beschränkt sich seine Korrespondenz ausschließlich auf englische Politik, und dieselben Ansichten, die er in der „Allg.Zeit." vertritt, vertrat und vertritt er in radikalen deutsch-amerikanischen Zeitungen. Es ist keine Zeile in seiner Korrespondenz enthalten, die nicht seine Ansicht enthält, und die er also nicht überall vertreten könnte. Liebknecht verfolgt in der auswärtigen englischen Politik ungefähr dieselbe Anti-Palmerstonsche Ansicht wie Bucher in der Berliner „National-Zeitung". In der innern englischen Politik hat er stets die Ansichten der fortgeschrittensten englischen Partei vertreten. Er hat nie eine Zeile über den Londoner Flüchtlingsklatsch in die „Allg.Zeit." geschrieben.
Soviel über mein angebliches Verhältnis zur „Allgem.Zeitung".
II. In Nr.41 der „National-Zeitung", Leitartikel „Wie man radikale Flugblätter macht", Seite 1, Spalte 2, Zeile 45 von oben und folgende, heißt es wörtlich:
„Im Mai v.J. wurde von dem neulich schon genannten Biscamp in London eine Zeitung ‚Das Volk' gegründet... Woher das Geld für das freigebig verteilte Blatt kam, wissen die Götter; daß Marx und Biscamp kein überflüssiges Geld haben, wissen die Menschen."
Im Zusammenhang mit dem ganzen Artikel Nr.41 und ebenso dem Leitartikel Nr.37 der „National-Zeitung", worin ich als „Verbündeter der geheimen Polizei in Frankreich und Deutschland" dargestellt bin und namentlich mit Bezug auf den sub III. von mir zu zitierenden Passus, deutet die eben angeführte Stelle darauf hin, daß das Geld für „Das Volk" auf ehrlöse Weise von mir verschafft worden sei.
Ich bemerke mit Bezug hierauf:
Vogt selbst, in seinem von der „National-Zeitung" besprochenen Pamphlet, zitiert [p.] 41 der „Dokumente", die den Anfang seines Buchs bilden, folgende editorische Notiz aus Nr.6 des „Volk" d.d.11.Juni:
„Wir haben die Genugtuung, unsren Lesern mitteilen zu können, daß K.Marx, Fr.Engels, Ferd.Freiligrath, W.Wolff, H.Heise etc. ... entschlossen sind, dem ‚Volk' ihre Unterstützung zu gewähren."
Also bis Mitte Juni hatte ich dem „Volk" noch keine Unterstützung gewährt, und seine finanziellen Verhältnisse bis zu dieser Zeit gehn mich absolut nichts an. Indes kann ich beiläufig soviel bemerken: Biscamp, der damals vom Unterrichtgeben in London lebte, redigierte „Das Volk" stets gratis. Ebenso gaben alle Mitarbeiter vom ersten Erscheinen bis zum Untergang des Blatts ihre Beiträge gratis. Die einzigen Produktionskosten, die zu bestreiten waren, bestanden daher aus den Druckkosten und Expeditionskosten. Diese waren indes stets bedeutend höher, als der Ertrag des Blatts. Bevor ich dem Blatt meine Mitwirkung gab, wurden die Ausfälle gedeckt durch öffentliche Sammlungen unter Deutschen in London. Später verschaffte ich 20–25 £ (133 bis 166 Taler), die ausschließlich bei-geschossen waren von Dr.Borchardt, praktischem Arzt, Dr.Gumpert, dito, Dr.Heckscher, dito, Wilhelm Wolff, Lehrer, Friedrich Engels, Kaufmann (alle wohnhaft zu Manchester), und von mir selbst. Ein Teil dieser Herrn stimmt keineswegs mit den politischen Ansichten von mir, Engels und W[ilhelm] Wolff überein; alle hielten es aber höchst zeitgemäß, den bonapartistischen Umtrieben in der Emigration (und dies war der Hauptzweck des „Volk") entgegenzutreten.
Endlich hinterließ „Das Volk" eine Schuld, ich glaube von 8 £ (93 Taler), für die Biscamp verantwortlich ist und wofür Hollinger einen Schuldschein von ihm in Händen hat.
Dies ist die ganze Finanzgeschichte des „Volk".
Was Herrn Biscamp betrifft, so hat er jetzt selbst, in der Beilage zu Nr.46 der „Allg.Zeit." vom 15.Februar 1860, erklärt:
„Mein ganzer politischer Zusammenhang mit Herrn Marx beschränkt sich auf wenige journalistische Beiträge, die er für das von mir gegründete ... Wochenblatt ‚Volk' lieferte."
Was meine eigenen Einnahmequellen angeht, so will ich nur bemerken, daß ich seit 1851 fortwährender Mitarbeiter der „New-York [Daily] Tribune", des ersten englisch-amerikanischen Blattes, für das ich nicht nur Korrespondenzen, sondern auch Leitartikel liefere. Das Blatt zählt an 200 000 Abonnenten und zahlt demgemäß. Ich bin ferner seit mehreren Jahren Mitarbeiter an der von Herrn Dana, einem der Redakteure der „New-York Tribune" herausgegebenen „Cyclopædia Americana". Ich denke, daß ich noch für die Gerichtsverhandlungen einen auf diese Verhältnisse bezüglichen Brief des Herrn Dana von New York18 erhalten werde. Sollte dieser Brief jedoch nicht rechtzeitig eintreffen, so genügt es, Sie auf Herrn Ferdinand Freiligrath, manager der General Bank of Switzerland, 2, Royal Exchange Buildings, London, zu verweisen, der seit vielen Jahren so gefällig war, meine Wechsel auf Amerika einzukassieren.
Die Schamlosigkeit Vogts und der mit ihm verbündeten „National-Zeitung", mich wegen meiner Beteiligung an einem Blatt zu verdächtigen, das nichts zahlte, ist um so größer, als derselbe Vogt, Seite 226 seines von der „National-Zeitung" besprochenen Buches, offen sagt, daß „er" auch „fernerhin" das Geld für seine Zwecke „nehmen wird, woher er es bekommen kann".
III. In Nr.37 der „National-Zeitung", Leitartikel, betitelt: „Karl Vogt und die ‚Allgemeine Zeitung'", Seite 1, Spalte 2, Zeile 22 von oben und folgende, sagt die „National-Zeitung", und ich betrachte diesen Passus als den aggravierendsten19 der Verleumdungsklage, wörtlich wie folgt:
„Vogt berichtet S.136 und folg.: Unter dem Namen der Schwefelbande oder auch Bürstenheimer war unter der Flüchtlingsschaft von 1849 eine Anzahl von Leuten bekannt, die anfangs in der Schweiz, Frankreich und England zerstreut, sich allmählich in London sammelten und dort als ihr sichtbares Oberhaupt Herrn Marx verehrten ... Eine der Hauptbeschäftigungen der Schwefelbande war, Leute im Vaterlande so zu kompromittieren, daß sie Geld zahlen mußten, damit die Bande das Geheimnis ihrer Kompromittierung bewahre. Nicht einer, sondern Hunderte von Briefen wurden nach Deutschland geschrieben, daß man die Beteiligung an diesem oder jenem Akt der Revolution denunzieren werde, wenn nicht bis zu einem bestimmten Zeitpunkt eine gewisse Summe an eine bezeichnete Adresse gelange... Die ‚Proletarier'" (als deren Chef ich dargestellt werde) „füllten die Spalten der reaktionären Presse in Deutschland mit ihren Angeberieen gegen diejenigen Demokraten, die ihnen nicht huldigten. Sie wurden die Verbündeten der geheimen Polizei in Deutschland und Frankreich."
In bezug auf diesen infamen Passus, den die „National-Zeitung" ohne weiteres von Herrn Vogt sich aneignet, und dem sie eine Zirkulation bei ihren 9000 Abonnenten gab, bemerke ich folgendes:
Erstens: Wie ich schon in meinem ersten Briefe an Sie bemerkt habe, wird es nun die Aufgabe der „National-Zeitung" sein, von den „Hunderten" von Drohbriefen einen einzigen Brief oder eine einzige Zeile aufzuweisen, deren Urheber ich oder irgendein notorisch mit mir in Verbindung stehender Mann war.
Zweitens: Ich wiederhole, was ich schon in meinem ersten Briefe sagte, daß ich nie an eine deutsche Zeitung schrieb seit Juli 1849, außer an die „Neue Oder-Zeitung" zu Breslau (1854) zur Zeit, wo sie von Dr.Elsner und Dr.Stein redigiert wurde. Wie sowohl die Nummern des Blattes selbst zeigen und wie die Herrn Elsner und Stein sicher willig sein werden zu bezeugen, hielt ich es nie der Mühe wert, der Emigration auch nur mit einem einzigen Wort zu gedenken.
Von den von mir oder meinen Freunden mit „Angeberieen" gefüllten Spalten der „reaktionären Presse" wird es die Aufgabe der „National-Zeitung" sein, eine einzige Spalte herbeizuschaffen. Wahr ist es dagegen und erweislich, daß ein großer Teil der Londoner deutschen Emigration deutsche Zeitungen aller Farben systematisch und jahrelang mit ihrem Klatsch gegen mich füllten. Ich habe nie, weder meine Verbindung mit der „New-York Tribune" noch mit den Chartistenblättern noch mit der „Free Press" benutzt, um meine Revanche zu nehmen.
Was die „Verbindung mit der geheimen Polizei in Frankreich und Deutschland" angeht, so war Hörfel zu Paris, ein notorischer französischer Polizeiagent, lange Zeit der Hauptagent des Kinkelschen Emigrationsvereins. Er stand seinerseits in Verbindung mit Beckmann, der zugleich preußischer Polizeiagent und Korrespondent der „Kölnischen Zeitung" war. Andererseits war Engländer, ebenfalls ein notorischer französischer Polizeiagent, längere Zeit der Pariser Korrespondent der Rugeschen Clique. Auf diese Weise hatte „die demokratische Emigration" zu London ihre „Verbindung mit der geheimen Polizei in Frankreich und Deutschland" vollständig hergestellt, natürlich ohne ihr Wissen.
Endlich spricht Vogt und mit ihm die „National-Zeitung" von „einer Anzahl Leute, die unter dem Namen Schwefelbande oder auch der Bürstenheimer unter der Flüchtlingsschaft von 1849 bekannt war, die anfangs in der Schweiz, Frankreich und Deutschland zerstreut, sich allmählich in London sammelten und dort als ihr sichtbares Oberhaupt Herrn Marx verehrten".
Ich betrachte diesen Passus als Nebensache, will aber doch zur Aufklärung und Bloßlegung der verleumderischen Absicht des Vogt und der „National-Zeitung" folgendes bemerken:
Schwefelbande war der Name einer Gesellschaft junger deutscher Flüchtlinge, die sich im Jahr 1849/50 zu Genf aufhielten und daselbst im Café de l'Europe ihr Hauptquartier aufgeschlagen hatten. Es war dies eine weder politische noch sozialistische Gesellschaft, sondern im eigentlichen Sinn des Worts eine „Gesellschaft lustiger Brüder", die durch tolle Streiche den ersten Katzenjammer des Exils zu überwinden suchten. Sie bestand aus: Eduard Rosenblum, stud.med.; Max Cohnheim, Handlungsdiener; Korn, Chemiker und Apotheker; Becker20, Ingenieur, und L.S.Borkheim, Studiosus und Kanonier. Ich hatte nie einen dieser Herrn gesehn außer Herrn Becker einmal auf dem Demokraten-Kongreß zu Köln 1848. Mitte 1850 wurden die Mitglieder der Gesellschaft, mit Ausnahme Korns, aus Genf ausgewiesen. Die Gesellschaft zerstob nach allen vier Winden.
Es ist der Güte des Herrn Borkheim, der jetzt einem großen kaufmännischen Geschäft in der City (44, Mark Lane) vorsteht, daß ich vorstehende Notizen über diese mir früher gänzlich unbekannte Gesellschaft verdanke. Herrn Borkheim selbst lernte ich erst vor ungefähr 14 Tagen kennen, als ich mich schriftlich an ihn um Auskunft gewandt hatte.
Soviel über die Schwefelbande.
Was nun die Bürstenheimer betrifft, so war dies ein Schimpfname, den ein gewisser Abt, jetzt Sekretär des Bischofs von Freiburg, dem Arbeiterbildungsverein in Genf beilegte. Abt war nämlich in einer allgemeinen Flüchtlingsgesellschaft, worin sich nebst ehemaligen Frankfurter Parlamentlern auch Mitglieder (Flüchtlinge) des Arbeiterbildungsvereins befanden, für ehrlos erklärt worden. Um sich zu rächen, schrieb er ein Pamphlet, worin er den Arbeiterbildungsverein „Bürstenheimer" taufte, weil ein Bürstenmacher namens Sauernheimer damals in dem Verein präsidierte. Dieser Arbeiterbildungsverein in Genf stand mit mir und der Londoner kommunistischen Gesellschaft, zu der ich gehörte, nicht in irgend einer Verbindung. Im Sommer 1851 wurden zwei Mitglieder desselben, Advokat Schily, jetzt zu Paris, und P.Imandt, jetzt Professor am Seminar zu Dundee, von den Schweizer Behörden ausgewiesen und begaben sich nach London, wo sie in den damals von Willich und Schapper geleiteten Arbeiterverein eintraten, den sie jedoch nach einigen Monaten wieder verließen. Ihr Verhältnis zu mir war das von Landsleuten und alten persönlichen Freunden. Der einzige Mensch in Genf, mit dem ich je, seit meiner Ausweisung (1849) aus Preußen, in Verbindung stand, war Dronke, jetzt Kaufmann zu Liverpool. Die Namen Schwefelbande und Bürstenheimer, ebenso wie die zwei disparaten21 Gesellschaften, die sie bezeichneten, gehörten also ausschließlich Genf an. Beide Gesellschaften standen nie in irgend einer Verbindung mit mir. In London wurden sie zuerst bekannt durch die Leitartikel der „National-Zeitung", die der „Daily Telegraph", ein Londoner Tagesblatt, im Auszug reproduzierte.
Meine Verbindung mit der „Schwefelbande" und den „Bürstenheimern" ist also eine bewußte Lüge Vogts, zu deren Kanal sich die „National-Zeitung" gemacht hat.
IV. Die „National-Zeitung", Nr.41, Leitartikel „Wie man radikale Flugblätter macht", Seite 1, Spalte 1, Zeile 49 von oben, sagt:
Vogt spricht zunächst bloß von der „Partei der Proletarier" „unter Marx", wodurch sie mich also mit der „Partei der Proletarier" identifiziert und alles, was sie über diese Partei sagt, mich daher persönlich betrifft.
Nun heißt es weiter in demselben Artikel, Spalte 2, Zeile 19 sqq. von oben:
„In dieser Art wurde 1852 eine Verschwörung der schändlichsten Art, mit massenhafter Verfertigung von falschem Papiergeld (man sehe das Nähere bei Vogt) gegen die schweizerischen Arbeitervereine eingefädelt, eine Verschwörung, welche den schweizerischen Behörden die äußersten Unannehmlichkeiten bereitet haben würde, wenn sie nicht zu rechter Zeit entdeckt worden wäre."
Und weiter unten in derselben Spalte, Zeile 33 von oben: „Die Partei der ‚Proletarier' hat einen besonderen Haß gegen die Schweiz" etc.
Aus dem Kölner Kommunistenprozeß, Oktober 1852, mußte die „National-Zeitung" wissen (ganz wie Vogt es wußte aus meinen „Enthüllungen über den Kommunisten-Prozeß"), daß ich niemals mit dem Cherval, der 1852 die Umtriebe in der Schweiz gemacht haben soll, in Verbindung stand (Herr Karl Schapper zu London, 5, Percy Street, Bedford Square, mit dem Cherval vor dem Kölner Prozeß in Verbindung stand, ist bereit, jede Aufklärung hierüber zu geben), daß ich während des Kölner Kommunistenprozesses den Cherval durch die Advokaten als einen Verbündeten Stiebers denunzierte; daß nach Stiebers eigenen ihm abgenötigten Aussagen Cherval 1851, als er das Complot Franco-Allemand zu Paris unter Stiebers Leitung machte, einer mir feindlichen Gesellschaft angehörte. Die „National-Zeitung" wußte aus Vogts Buch, das sie zum Gegenstand zweier Leitartikel macht, daß ich ebenso nach Beendigung des Kölner Prozesses in einer zum Druck nach der Schweiz geschickten Schrift „Enthüllungen über den Kommunisten-Prozeß zu Köln" den Cherval als Mouchard denunziert22 hatte. Als Cherval während des Kölner Prozesses aus dem Pariser Gefängnis angeblich entsprang, in der Tat aber als Mouchard nach London kam, wurde [er] mit offnen Armen in dem damaligen Willich-Schapperschen Arbeiterverein empfangen, aber ausgestoßen infolge der Interpellation, die die Advokaten in Köln (namentlich Schneider II), durch mich instruiert, an den Stieber hinsichtlich des Cherval während der Gerichtsverhandlungen richteten.
Es war also die schamloseste und absichtlichste Verleumdung des Vogt und der mit ihm affiliierten23 „National-Zeitung", für die angeblich Schweizer Taten dieses von mir enthüllten, verfolgten und mir notorisch feindlichen Individuums mich verantwortlich zu machen. Vogt spricht von Marxschen Affiliierten in Genf, mit denen Cherval umgegangen. Jetzt noch, wie 1852, stehe ich mit keinem einzigen Menschen in der Schweiz in Verbindung.
Ich wiederhole, was ich Ihnen früher geschrieben24: Am 15ten September 1850 trennten ich und meine Freunde mich von einem Teil der Londoner Zentralbehörde der damals existierenden kommunistischen deutschen Gesellschaft (genannt: „Bund der Kommunisten" von dem Teil, der unter Willichs Leitung sich auf die (übrigens höchst kindische und ungefährliche) Revolutions- und Konspirationsmacherei der „Demokratischen Emigration" einließ. Wir verlegten die Zentralbehörde nach Köln und führten keine Korrespondenz mehr mit irgendeinem Teil des Kontinents außer Köln. Diese Korrespondenz, wie der Kölner Prozeß nachwies, enthielt nichts Kriminalistisches. Seit dem Frühling 1851, sobald die Verhaftung einzelner Glieder der Gesellschaft in Köln vorfielen, brachen wir (der Londoner Teil der Gesellschaft) alle und jede Verbindung mit dem Kontinent ab. Ich korrespondierte nur noch mit einem mir übrigens persönlich unbekannten Freunde der Verhafteten (Herr Bermbach, früher Deputierter der Reichsversammlung in Frankfurt) wegen der Verteidigungsmittel. Meine Freunde in London versammelten sich wöchentlich einmal, um die von Stieber auf das Schamloseste angewandten und täglich erneuerten Polizeimanoeuvres zu vereiteln. Mitte November (1852), nach dem Schluß des Kölner Prozesses, erklärte ich, mit Einstimmung meiner Freunde, den „Bund der Kommunisten" für aufgelöst und habe seit der Zeit bis jetzt weder einer geheimen noch öffentlichen Gesellschaft angehört. Ferdinand Freiligrath, der Mitglied der kommunistischen Gesellschaft war, sich von Herbst 1848 bis Frühling 1851 in Köln befand und von Frühling 1851 bis jetzt sich zu London aufhält, kann die exakte Wahrheit der vorstehenden Angaben bezeugen. Übrigens ist ein hinlängliches Beweisstück der obliegende, mit dem Londoner und Manchester Poststempel versehene Brief vom 19.Nov.1852, den mein Freund F.Engels, unter seinen alten Papieren wieder aufgefunden hat.
Die anliegende, von Vogt und der „National-Zeitung" zitierte Broschüre25 ließ ich in Boston (in Amerika) drucken, nachdem die in Basel bei Schabelitz erschienene Originalausgabe in 2000 Exemplaren an der badischen Grenze konfisziert worden war. Sie werden daraus ersehn, ebenso später aus dem jetzt in Berlin anhängigen Prozeß Stieber-Eichhoff, daß die kommunistische Gesellschaft, der ich bis Mitte November 1852 angehörte, so durchaus keinen Tatbestand für die Anklage bot und daß ich und meine Londoner Freunde andrerseits mit unsern sehr beschränkten Mitteln so energisch alle Netze der Polizeiintrigen zerrissen, daß die Verurteilung der Angeklagten – wie der jetzt in Hamburg gefangensitzende frühere Agent Stiebers, ein gewisser Hirsch, in seinen Geständnissen in der „New-Yorker Criminal-Zeitung" vom 22.April 1853 sagt – zuletzt noch dadurch gesichert werden sollte, daß Hirsch unter dem Namen Haupt nach Köln reisen und in dem Namen des von ihm vorgestellten Hauptz einen Meineid schwören sollte. Dieser coup26 war auf dem Punkt der Ausführung, als, sagt Hirsch, Herr von Hinckeldey schrieb:
„Der Staatsprokurator hoffe, bei der glücklichen Zusammensetzung der Geschwornen auch ohne außergewöhnliche Maßregeln das Schuldig zu erlangen, und er (Hinckeldey) ersuche deshalb, keine weiteren Anstrengungen zu machen."
Es versteht sich von selbst, daß die beigelegte Broschüre nur juristisch Wert hat zur Aufhellung meines Kampfes gegen Stieber-Hinckeldey und das preußische damalige Polizeisystem. Die darin erwähnten Gesellschaften gehören seit vielen Jahren der Geschichte.
V. Schließlich, um die Wichtigkeit, die diese Verleumdungsklage gegen die „National-Zeitung" für mich hat, Ihnen klarzumachen, will ich noch ganz kurz die Londoner Konsequenzen der Leitartikel der „National-Zeitung" erwähnen.
In dem „Daily Telegraph" (einer täglich in London erscheinenden Zeitung) vom 6.Februar 1860, erschien ein zweiundeinhalb Spalten langer Artikel unter dem Titel: „The Journalistic Auxiliaries of Austria" („Die journalistischen Helfershelfer von Österreich").
Dieser Artikel, datiert von Frankfurt am Main, aber wirklich geschrieben in Berlin, ist, wie die oberflächlichste Vergleichung zeigt, zum Teil bloße Paraphrase, zum Teil wörtliche Übersetzung der beiden von mir inkriminierten Leitartikel der „Nat-Zeit." Nr.37 und Nr.41. Ich werde Ihnen die betreffende Nummer des „Daily Telegraph" in den nächsten Tagen zuschicken. In diesem Artikel des „Telegraph" bin ich mit meinen Freunden erstens ganz wie in der „National-Zeitung" zu „einem Verbündeten der geheimen Polizei" gemacht; zweitens ist der ganze sub IV von mir angezogene Passus über die Schwefelbande, die Gelddrohbriefe, meinen Zusammenhang mit Chervals Falschmünzerei in der Schweiz usw. wörtlich aus der „National-Zeitung" übersetzt.
Sobald dieser Artikel erschien war, schrieb ich sofort an den Redakteur des „Daily Telegraph"27 und forderte ihn unter Androhung einer Verleumdungsklage (action for libel) auf, mir eine amende honorable28 zu machen. Er antwortete: Er habe meinen Brief an seinen Korrespondenten in Deutschland geschickt und werde dessen Antwort abwarten. Diese Antwort erschien in der Nummer des „Daily Telegraph" vom 13ten Februar 1860, und lautet in wörtlicher Übersetzung (das Original erhalten Sie in wenigen Tagen) wie folgt:
„Frankfurt am Main. Febr.8. Ich werde kurz sein in meiner Abfertigung der Bemerkungen, die Dr.Marx in Antwort auf eins meiner Referate an Sie gerichtet hat. Er hat seinen Brief einfach falsch adressiert. Hätte der gelehrte Herr seine Bemerkungen an Dr.Vogt selbst gerichtet oder an einen der hundert deutschen Redakteure, die das Buch des Dr.Vogt zitierten, so würde sein Behagen dem, was die Sache zu erheischen scheint, entsprochen haben. So aber läßt Dr.Marx die zahlreichen in seinem eigenen Vaterland gegen ihn erhobenen Anklagen unwiderlegt und zieht es vor, seinen Ärger zu kühlen durch einen Angriff auf das einzige englische Blatt, das eine Angabe in seine Spalten aufnahm, die fast in jeder deutschen Stadt von irgendwelcher Größe gedruckt und wieder abgedruckt worden ist. Der gelehrte Herr scheint die Tatsache ganz zu vergessen, daß er nicht das geringste Recht hat, sich zu beklagen über die Veröffentlichung eines gewissen Stücks unangenehmer Nachricht in einem englischen Blatt, solange er es nicht für passend hält, die Urheber und Verbreiter des Unheils in seinem Vaterland zur Rechenschaft zu ziehen. Ich schließe diese Zeilen mit der Erklärung meiner Bereitwilligkeit, die Unwahrheit der in der bewußten Mitteilung enthaltenen Angaben zuzugestehn, sobald Dr.Marx die Welt von deren Falschheit überzeugt haben wird. Wenn er im Besitz der zu einem solchen Zweck erheischten Beweise ist, kann nichts leichter für ihn sein, als ein so wünschenswertes Ding zu erreichen. Es sind mindestens 50 deutsche Städte zu seiner Verfügung, wo er Prozesse einzuleiten und die Redakteure zur gebührenden Strafe zu bringen haben wird. Wenn er diesen Weg nicht einschlagen beliebt, ist es nicht die Pflicht eines englischen Korrespondenten, das zu widerrufen, was nicht er versichert hat, sondern nur wiederholte, auf die unumstößliche Autorität der respektabelsten Quellen."
Ich mache nur en passant29 aufmerksam auf die Übertreibungen, worunter der Berliner Korrespondent des „Daily Telegraph" (ich glaube ein Jude namens Meier) sein Plagiat aus der „National-Zeitung" zu verstecken sucht. Erst sind es hundert deutsche Redakteure, dann viele tausende (nämlich soviel Redakteure als es irgendwo bedeutende Städte in Deutschland gibt), und schließlich sind es mindestens 50 Redakteure, die ich zu verklagen hätte. Unter den respektabeln Quellen versteht er übrigens seine einzige Quelle, die Berliner „National-Zeitung".
Ich erwähne auch nur vorübergehend, daß ich in meinem am 6ten Februar an den Herausgeber des „Daily Telegraph" gerichteten Brief, den er, wie er mir selbst schrieb, seinem deutschen Korrespondenten zuschickte, dem Herausgeber des „Telegraph", also auch seinem Korrespondenten an- gezeigt hatte, daß ich eine Verleumdungsklage gegen die Berliner „National- Zeitung" anhängig machen werde.
Was ich hier als das einzig und entscheidend Wichtige betrachte, ist, daß der „Daily Telegraph", hinter seinen Korrespondenten sich verkrie- chend, mir alle Genugtuung versagt, bevor ich den Prozeß gegen ein deutsches Blatt geführt habe. Er beruft sich auf die „respektable" Autorität der „National-Zeitung", die allein grade die von ihm gemachten Angaben in diesem Zusammenhang bringt.
Sie begreifen, welchen Skandal die Artikel des „Telegraph" in London machte. Diesen Skandal verdanke ich der „National-Zeitung". Schon im Interesse meiner Familie muß ich eine Verleumdungsklage (action for libel) gegen den „Telegraph" führen, wofür die nötigen Vorschüsse hier sich zu mindestens 200 £ – vor Entscheidung des Prozesses – belaufen. Die bodenlose Gemeinheit, wozu Vogt fähig ist herabzusteigen, werden Sie aus der halunkenartigen Insinuation ersehn haben, daß meine angebliche Verbindung mit der „Neuen Pr[eüßischen] Zeit[ung]" sich daraus erkläre, daß meine Frau die Schwester des ehemaligen preußischen Ministers von Westphalen ist.
Ich erwarte nun umgehend (sollte vorher kein Brief an mich abgegangen sein) die Anzeige, daß Sie folgende Briefe erhalten:
1. Brief von London vom 13.Febr. nebst Vorschuß von 15 Taler.
2. Brief von Manchester vom 21.Febr. nebst Vollmacht und 7 Anlagen.
3. Diesen Brief von Manchester vom 24.Febr., worin eingeschlossen die Broschüre: „Enthüllungen über den Kommunisten-Prozeß zu Köln" und ein Brief, den ich am 19.Nov.1852 an F.Engels schrieb und der mit den Poststempeln von London und Manchester versehn.
Mit vollkommner Hochachtung
Ihr ganz ergebner
Dr.Karl Marx