5. März 1852
28, Dean Street, Soho, London
Lieber Weywy!
Ich fürchte, daß einige Verwirrung eingetreten ist, weil ich den 2 letzten Sendungen, having misunderstood thy last letter1, die Adresse vorsetzte: „Office of the ‚Revolution‘, 7 Chambers’ Street, Box 1817“. Das verdammte „Box 1817“ hat die Konfusion hervorgebracht, da Du mir schriebst, diesen Appendix an die „alte Adresse“ zu machen, ohne die erste Adresse von der zweiten zu unterscheiden. Ich hoffe aber, daß die Sache sich aufgelöst hat, ehe dieser Brief ankommt, um so mehr als der Brief vom vorigen Freitag2 das sehr ausführliche Nr. V meines Artikels3 enthält. Nr. VI, das zugleich schließt, war ich diese Woche verhindert fertigzumachen. Ist Deine Zeitung4 wieder erschienen, so kann diese Zögerung keinen Aufenthalt machen, da Du reichlich mit Material versehn bist.
Dein Artikel gegen Heinzen, den Engels mir leider zu spät zugeschickt, ist sehr gut, zugleich grob und fein, und diese Vereinigung gehört zu einer Polemik, die des Namens wert sein soll. Ich habe diesen Artikel E[rnest] Jones mitgeteilt, und Du erhältst beiliegend von ihm eine für den Druck bestimmte Zuschrift an Dich5. Da Jones sehr undeutlich schreibt, abkürzt, und da ich unterstelle, daß Du noch kein out-and-out-Engländer5 bist, schicke ich Dir mit dem Originale zugleich die Kopie von der Hand meiner Frau und zugleich die deutsche Übersetzung, indem Du beides nebeneinander abdrucken mußt, Original und Übersetzung. Hinter dem Brief von Jones kannst Du noch folgenden Zusatz machen: Was George Julian Harney betrifft, auch eine Autorität für Herrn Heinzen, so hat er in seinem „Red Republican“ unser „Kommunistisches Manifest“ englisch mitgeteilt mit der Randnote, es sei „the most revolutionary document ever given to the world“, „das revolutionärste Dokument, das jemals der Welt gegeben worden sei“, und in seiner „Democratic Review“ hat er die von Heinzen „abgetane“ Weisheit, d. h. meine Artikel über die französische Revolution6 aus der „Revue der N[euen] Rh[einischen] Z[eitung]“ übersetzt, und in einem Artikel über Louis Blanc weist er seine Leser auf diese Artikel als die „wahre Kritik“ der französischen Affäre hin. Übrigens braucht man sich in England nicht nur auf die „Äußersten“ zu beziehn. Wenn ein Parlamentsmitglied in England Minister wird, muß er sich von neuem wählen lassen. Disraeli also, der neue Schatzkanzler, Lord of the Exchequer, schreibt an seine Konstituenten7 de dato 1. März:
„We shall endeavour to terminate that strife of classes which, of late years, has exercised so pernicious an influence over the welfare of this kingdom.“ „Wir werden uns bemühn, einen Klassenkampf zu endigen, der in den letzten Jahren einen so schädlichen Einfluß auf die Wohlfahrt dieses Königreichs ausgeübt hat.“
Dazu bemerkt die „Times“ vom 2. März:
„If anything would ever divide classes in this country beyond reconciliation, and leave no chance of a just and honourable peace, it would be a tax on foreign corn.“ „Wenn irgend etwas die Klassen in diesem Lande spalten könnte zu einem Punkte, wo keine Versöhnung mehr möglich ist, würde es eine Steuer auf fremdes Korn sein.“
Und damit nicht etwa ein ignoranter „Charaktermann“ wie Heinzen sich einbildet, daß die Aristokraten für, die Bourgeois gegen Korngesetze sind, weil jene das „Monopol“, diese die „Freiheit“ – ein Biedermann kennt nur die Gegensätze in dieser ideologischen Form – wollen, so ist nur zu bemerken, daß im 18ten Jahrhundert die Aristokraten in England für die „Freiheit“ (im Handel) und die Bourgeois für das „Monopol“ waren, dieselbe Stellung, die wir in bezug auf „Korngesetze“ in diesem Augenblicke in „Preußen“ zwischen den beiden Klassen finden. Die „Neue Pr[eußische] Z[eitung]“ ist der wütendste Freetrader.
Schließlich würde ich an Deiner Stelle den Herrn Demokraten en général8 bemerken, daß sie besser täten, sich erst mit der Bourgeoisliteratur selbst bekannt zu machen, ehe sie sich unterfangen, den Gegensatz derselben anzubellen. Die Herrn sollten z. B. die historischen Werke von Thierry, Guizot, John Wade etc. studieren, um sich über die vergangne „Geschichte der Klassen“ aufzuklären. Sie sollten sich mit den Anfangsgründen der politischen Ökonomie bekannt machen, eh’ sie die Kritik der politischen Ökonomie kritisieren wollen. Es genügt z. B., Ricardos großes
Teil der dritten Seite des Briefes von Marx an Joseph Weydemeyer vom 5. März 1852
Werk aufzuschlagen, um auf der ersten Seite die Worte zu finden, womit er die Vorrede eröffnet:
„The produce of the earth – all that is derived from its surface by the united application of labour, machinery, and capital, is divided among three classes of the community; namely the proprietor of the land, the owner of the stock or capital necessary for its cultivation, and the labourers by whose industry it is cultivated.“
„Das Produkt der Erde, alles, was von ihrer Oberfläche gewonnen wird durch die vereinte Anwendung von Arbeit, Maschinerie und Kapital, verteilt sich zwischen drei Klassen des Gemeinwesens; nämlich dem Eigentümer des Grund und Bodens, dem Besitzer des Kapitals, das zu seiner Kultur erheischt ist, und den Arbeitern, durch deren Industrie das Land kultiviert wird.“
Wie wenig nun in den Vereinigten Staaten die bürgerliche Gesellschaft herangereift ist, um den Klassenkampf anschaulich und verständlich zu machen, davon liefert den glänzendsten Beweis C.H.Carey (von Philadelphia), der einzig bedeutende nordamerikanische Ökonom. Er greift Ricardo, den klassischsten Vertreter9 der Bourgeoisie und den stoischsten Gegner des Proletariats an, als einen Mann, dessen Werk das Arsenal für Anarchisten, Sozialisten, für alle Feinde der bürgerlichen Ordnung sei. Er wirft nicht nur ihm, er wirft Malthus, Mill, Say, Torrens, Wakefield, MacCulloch, Senior, Whately, R. Jones etc. vor, diesen ökonomischen Reigenführern in Europa, daß sie die Gesellschaft zerreißen und den Bürgerkrieg vorbereiten durch ihren Nachweis, daß die ökonomischen Grundlagen der verschiednen Klassen einen notwendigen und stets wachsenden Antagonismus unter ihnen hervorrufen müssen. Er sucht sie zu widerlegen, zwar nicht, wie der alberne Heinzen, indem er die Existenz von Klassen an das Dasein politischer Privilegien und Monopole knüpft, sondern indem er dartun will, daß die ökonomischen Bedingungen: Rente (Grundeigentum), Profit (Kapital) und Arbeitslohn (Lohnarbeit), statt Bedingungen des Kampfes und des Antagonismus zu sein, vielmehr Bedingungen der Assoziation und der Harmonie sind. Er beweist natürlich nur, daß die „unentwickelten“ Verhältnisse in den Vereinigten Staaten ihm für „Normalverhältnisse“ gelten.
Was mich nun betrifft, so gebührt mir nicht das Verdienst, weder die Existenz der Klassen in der modernen Gesellschaft noch ihren Kampf unter sich entdeckt zu haben. Bürgerliche Geschichtschreiber hatten längst vor mir die historische Entwicklung dieses Kampfes der Klassen, und bürgerliche Ökonomen die ökonomische Anatomie derselben dargestellt. Was ich neu tat, war 1. nachzuweisen, daß die Existenz der Klassen bloß an bestimmte historische Entwicklungsphasen der Produktion gebunden ist; 2. daß der Klassenkampf notwendig zur Diktatur des Proletariats führt; 3. daß diese Diktatur selbst nur den Übergang zur Aufhebung aller Klassen und zu einer klassenlosen Gesellschaft bildet. Unwissende Lümmel wie Heinzen, die nicht nur den Kampf, sondern sogar die Existenz der Klassen leugnen, beweisen nur, daß trotz allem ihrem bluttriefenden und humanistisch sich aufspreizenden Gebelfer, sie die gesellschaftlichen Bedingungen, worin die Bourgeoisie herrscht, für das letzte Produkt, für das non plus ultra der Geschichte halten, daß sie nur die Knechte der Bourgeoisie sind, eine Knechtschaft, die um so ekelhafter ist, je weniger die Lümmel auch nur die Größe und vorübergehende Notwendigkeit des Bourgeoisregimes selbst begreifen.
Aus den vorstehenden Glossen nimm heraus, was Dir gut scheint. Übrigens hat Heinzen die „Zentralisation“ von uns statt seiner „Föderativrepublik“ angenommen etc. Wenn die Ansichten, die wir jetzt über Klassen verbreiten, trivial geworden und dem „gemeinen Menschenverstand“ als Mobiliar anheimgefallen sind, dann wird der Flegel sie mit großem Lärme als das neuste Produkt seines „eignen Scharfsinns“ proklamieren und gegen unsre weitergehende Entwicklung anbellen. So bebellte er mit seinem „eignen Scharfsinn“ die Hegelsche Philosophie, solange sie progressiv war. Jetzt nährt er sich mit ihren fad gewordnen und von Ruge wieder unverdaut ausgespuckten Brocken.
Hierzu erhältst Du den Schluß der ungarischen Korrespondenz.10 Du mußt um so mehr versuchen, etwas daraus aufzunehmen – wenn Dein Blatt existiert – als Szemere, der ehemalige Ministerpräsident von Ungarn, mir von Paris aus versprochen hat, einen ausführlichen Artikel mit seiner Namensunterschrift für Dich zu verfassen.
Wenn Dein Blatt zustande gekommen ist, so schicke mehr Exemplare, damit man sie besser verbreiten kann.
Dein
K. Marx
Besten Gruß an Dich und Frau von allen hiesigen Freunden und speziell meiner Frau.
Apropos. Ich schicke Dir die „Notes“11 und einige Exemplare meiner Assisenrede (letztres für Cluß, dem ich sie versprochen) durch den Ex-Montagnard Hochstuhl (Elsasser). Es ist nichts an dem Burschen.
Beiliegend die Statuten. Ich rate, sie Dir in beßre logische Ordnung zu bringen. London ist als leitender Kreis für die Vereinigten Staaten ernannt. Wir konnten bisher unsre Herrschaft nur in partibus ausüben.
Wenn es noch nicht geschehn ist, nimm die Erklärung von „Hirsch“12 nicht auf. Er ist unsauber, obgleich gegen Schapper und Willich im Recht.