16. Januar 1852
28, Dean Street, Soho, London
Lieber Weydemeyer!
Ich bin heute seit 14 Tagen zum erstenmal aus dem Bett aufgestanden. Du siehst daraus, daß mein Unwohlsein – noch nicht ganz überdauert – ernstlich war. Diese Woche konnte ich beim besten Willen daher nicht Nr. III meines Artikels über Bonaparte1 an Dich absenden. Dagegen erhältst Du einliegend ein Gedicht und einen Privatbrief von Freiligrath. Ich ersuche Dich nun: 1. Laß das Gedicht sorgfältig abdrucken, die Stanzen durch gehörigen Zwischenraum getrennt, und das Ganze so, daß Du den Raum nicht sparst. Die Gedichte verlieren sehr, wenn sie eng und ineinandergekeilt abgedruckt werden. 2. Schreib dem Freiligrath einen freundlichen Brief. Du brauchst selbst mit den Komplimenten nicht zu ängstlich zu sein, denn die Poeten sind alle plus au moins2, selbst die besten, des courtisanes und il faut les cajoler, pour les faire chanter3. Unser F[reiligrath] ist der liebenswürdigste, anspruchsloseste Mann im Privatleben, der unter seiner wirklichen bonhomie un esprit très fin et très railleur4 verbirgt und bei dem der Pathos „wahr“ ist, ohne ihn deshalb „unkritisch“ und „abergläubig“ zu machen. Er ist ein wirklicher Revolutionär und ein durch und durch ehrlicher Mann, ein Lob, was ich wenigen zuteilen möchte. Nichtsdestoweniger bedarf ein Poet, er mag als homme5 sein, was er will, des Beifalls, der admiration. Ich glaube, daß dies im genre selbst liegt. Ich sage Dir das alles bloß, um Dich darauf aufmerksam zu machen, daß Du in Deinem Briefwechsel mit Freiligrath nicht vergessen sollst den Unterschied zwischen „Dichter“ und „Kritiker“. Es ist übrigens sehr liebenswürdig von ihm, daß er seinen poetischen Brief direkt an Dich adressiert. Ich glaube, daß dies Dir Relief6 in New York geben wird.
Ich weiß nicht, ob ich Dir heute noch einen Aufsatz mitschicken kann. Pieper hatte mir einen Artikel für Dich versprochen. Bis zu diesem Augenblick ist er noch nicht erschienen, und wenn er erscheint, muß der Artikel erst die Probe bestehn, ob er ins Feuer fliegt oder würdig geschätzt wird, die Reise über den Ozean zu machen. Ich bin trop faible encore7, um weiterzuschreiben. Heute über eine Woche mehr. Gruß von Haus zu Haus.
Lupus hat sich auch noch immer nicht ganz erholt und daher noch nichts geliefert.
Dein
K. Marx
Apropos. Einliegend noch eine „Erklärung“ von einem unsrer Bundesmitglieder, die Du, kleingedruckt, unter den Annoncen oder hinter dem Strich Deiner Zeitung8 aufnehmen sollst.
Daniels, Becker et Co. sind wieder nicht vor die Januar-Assisen gestellt worden, unter dem Vorwand, die Untersuchung sei so schwierig, daß sie wieder von vorn anfangen muß. Sie sitzen jetzt 9 Monate.