London, 12. Jan. 95
Lieber Victor,
Ich schrieb Dir zuletzt am 9. ds. nach Schwarzspanier.1 Heute nur der Sicherheit halber die wiederholte Anzeige, daß Louise gestern per eingeschriebenen Brief an Dich Ferstelgasse 6, einen Cheque abgesandt hat für 3500 Gulden, gezogen am 10. ds. von der Anglo-Foreign Banking Company, Limited, auf die Union Bank in Wien, an die Ordre von Dr. Victor Adler, payable dans les huit jours2.
Hast Du denselben richtig erhalten, so bitte gib Louise durch zwei Zeilen Nachricht, damit die Leute hier in Kenntnis gesetzt werden können zur Beruhigung. Das formale Dokument mit den diversen Unterschriften kann dann nachkommen.3
Hast Du den Cheque aber nicht erhalten, so stürze ja gleich zur Unionbank und stop payment4. Der internationale Postverkehr läßt leider keine Wertdeklaration resp. Versicherung zu, daher hier eine gewisse Ängstlichkeit.
Wegen Marx habe ich in der „N[euen] Rh[einischen] Ztg." nachgesehen.5 Ich finde nur dies: Die Nr. vom 25.Aug. 1848 zeigt an, daß „K.M. gestern auf einige Tage nach Wien abgereist ist". (Nämlich nicht von Köln, er war schon fort, ich glaube, er veranlaßte von Hamburg aus, daß dies hineingesetzt wurde.) Und dann später von Wien, 31.August die Nachricht, daß Marx gestern im Wiener Arbeiterverein in der Josefstadt über die sozialen Verhältnisse Westeuropas einen Vortrag hielt (nach ihm sprach Stifft im selben Verein) („N[eue] Rh[einische] Ztg.", 6.Sept.), und nach der Nr. vom 8.Sept. sprach Marx am 2.Sept. „in der Versammlung des ersten Wiener Arbeitervereines über soziale ökonomische Zustände". – Das ist alles. Inzwischen war am 7.Sept. in Berlin die entscheidende Abstimmung über den Steinschen Antrag, das Ministerium Hansemann stürzte, und der Konflikt war da, und M[arx] kam eiligst zurück. Am 12.Sept. schrieb er wieder einen Leitartikel6 für die denselben Nachmittag erscheinende Nr. vom 13.Sept. 1848.
Gestern abend hat Louise wieder zwei Notizen unter Streifband abgeschickt.
Dein
F. E.
„Clarion" und „Labour Leader" heute wieder an die Red. abgegangen.
Dir und Deiner Frau noch meinen schönsten Dank für den prächtigen Kalender!
Nach: Victor Adler,
„Aufsätze, Reden und Briefe",
Heft 1, Wien 1922.