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Engels an Paul Lafargue
in Le Perreux

London, den 22.Nov. 1894

Mein lieber Lafargue,
Ich habe Ihren Bericht im „Soz[ial]d[emokrat]" gefunden. Das traf sich sehr gut, denn es ermöglichte mir, vieles einer etwas nachlässigen Redaktion zur Last zu legen und zu folgern, daß ich, wenn ich mit dem, was der Beschluß von Nantes sagt, nicht einverstanden war, so doch mit dem einverstanden zu sein glaube, was er zu sagen beabsichtigt. Übrigens habe ich versucht, so freundschaftlich wie möglich zu sein; aber nach dem Mißbrauch, den man in Deutschland mit diesem Beschluß getrieben hat, ist es nicht mehr möglich, ihn mit Stillschweigen zu übergehen.
Tatsächlich haben Sie sich ein wenig zu sehr auf die Seite der Opportunisten ziehen lassen. In Nantes waren Sie drauf und dran, die Zukunft der Partei einem Tageserfolg zu opfern. Noch ist es Zeit, Sie aufzuhalten; wenn mein Artikel1 dazu beitragen könnte, würde ich mich sehr freuen. In Deutschland, wo Vollmar sich erlaubt hat, die Vorteile, die Ihr den französischen Kleinbauern versprochen habt, auf die bayrischen Großbauern mit ihren 10–30 Hektar anzuwenden, in Deutschland hat Bebel den Handschuh aufgenommen, und die Frage wird gründlich diskutiert werden, sie wird nicht mehr von der Tagesordnung verschwinden, bis sie geklärt ist. Sie werden Bebels Rede im 2.Wahlbezirk von Berlin im „Vorwärts" gelesen haben. Er beklagt sich mit Recht darüber, daß die Partei verbürgerlicht. Das ist das Unglück aller extremen Parteien, sobald die Stunde kommt, wo sie „möglich" werden. Aber die unsrige kann in dieser Hinsicht eine gewisse Grenze nicht überschreiten, ohne sich selbst zu verraten, und mir scheint, daß wir in Frankreich wie in Deutschland diesen Punkt erreicht haben. Glücklicherweise ist es noch Zeit, dem Einhalt zu gebieten.
Seit einiger Zeit habe ich keine Korrespondenzen mehr von Ihnen im „V[or]w[är]ts" gesehen, und ich glaubte schon, daß es irgendwelche Unstimmigkeiten gegeben hätte, aber letzten Mittwoch erhielt ich erfreulicherweise eine Nummer mit dem „Gallus". Wenn es Schwierigkeiten mit der Redaktion gibt, lassen Sie es mich wissen, vielleicht kann ich Ihnen behilflich sein.

Wenn die russische Regierung Geld ausgibt, also den Umlauf ihrer Geldmittel erhöht, so ist dies ein untrügliches Zeichen, daß eine neue Anleihe in der Luft liegt; die Franzosen sind die einzigen, die darauf anbeißen könnten; hoffen wir, daß sie es nicht tun werden. Aber wenn der Russe Gold braucht, so muß er wohl versuchen, es zu bekommen!

Loria wird noch zufriedener sein, wenn er das Vorwort2 liest, er wird darin behandelt, wie er es verdient und ohne die geringste Rücksicht auf „il primo economista dell'Italia"3.

Der kleine Wilhelm4 benimmt sich bewundernswert. Er setzt sich in den Kopf, „umstürzlerischen Tendenzen" zu bekämpfen und beginnt mit dem Sturz seiner eigenen Regierung. Die Minister fallen wie die Bleisoldaten. Der arme junge Mann hat mehr als acht Monate hindurch schweigen und sich ruhig verhalten müssen; er hält es nicht mehr aus, er platzt – und da haben wir es! In dem Augenblick, da wir ein Viertel von Belgien erobern, da in Österreich unsere Männer im Begriff sind, durch die Wahlreform ins Parlament zu kommen, da in Rußland alles wegen der Zukunft in Ungewißheit ist – in diesem Augenblick, setzt es sich der junge Mann in den Kopf, Crispi und Casimir-Périer zu übertreffen! Die Wirkung, die das in Deutschland hat, ersehen Sie aus der Tatsache, daß auf dem Frankfurter Parteitag die Delegierten, jedenfalls viele von ihnen, ein neues Unterdrückungsgesetz gefordert haben, als bestes Mittel, die Partei an Boden gewinnen zu lassen!

In Österreich ist die Situation interessant. Seit dem Tode seines Sohnes5 fürchtet der Kaiser6 in naher Zukunft den Zusammenbruch seiner Dynastie. Sein vermutlicher Nachfolger7 ist ein Dummkopf, arrogant und unpopulär bis zum letzten! Die Ungarn werden ihn kaum ertragen, sie verlangen zunächst die reine und einfache Personalunion, dann die totale Trennung und völlige Unabhängigkeit. Um dem Nachfolger im voraus die Hände zu binden, will Franz Joseph das Parlament verstärken und es zu einer realeren Repräsentation machen. Deshalb hat er sich mit seinem Freund Taaffe über eine ziemlich breite Wahlreform geeinigt. Aber das Parlament, eine Versammlung von Privilegierten, echte Generalstände8 (gewählt nach Kategorien: Großgrundbesitz, Handel, Städte, Land), weigert sich, und Taaffe geht. Daraufhin ernennt der Kaiser, als wahrer konstitutioneller Monarch, einen Minister der Majorität9, eine Koalition aus Liberalen, Polen usw., alle erzreaktionär. Aber er nimmt ihnen das Versprechen ab, daß sie als Gegendienst eine Wahlreform ihrer Art durchführen, und zwar innerhalb eines Jahres. Das Jahr vergeht unter allerhand unfruchtbaren Versuchen. Daraufhin setzt der Kaiser sie unter Druck, ihr Wort zu halten – und darum spricht man in Wien seit 3 Wochen nur noch über die Wahlreform. Aber die Koalition ist nicht in der Lage, irgend etwas zustande zu bringen; der erste positive Vorschlag bewirkt, daß sie sich untereinander bekämpfen. Daher wird sie wahrscheinlich in kurzem von Taaffe ersetzt werden, der von neuem sein Gesetz vorschlagen und, wenn das Parlament es verwirft, dieses auflösen und die Reform aufoktroyieren wird, was ihm die Verfassung erlaubt. Das also ist der „Kompagnon" Franz Joseph; er stößt von der einen und Victor Adler von der anderen Seite! Aber welche Ironie der Geschichte: dieser Kaiser, eigens Dezember 1848 eingesetzt, um die Revolution abzuwürgen, ist berufen, sie 46 Jahre später feierlich von neuem zu inaugurieren!

Umarmen Sie Laura für mich.

Freundschaftlichst Ihr
F. E.

Louise und dem Kind geht es gut, sie und Freyberger senden Grüße.

Aus dem Französischen.